Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 11/12 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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V. l>ie Forderung nach der politischen Erziehung und Mittrrbeii ist heute weder Luxus noch Marotte. Sie ir=t das Selbstverständlichste. Sie i-t nicht Selbstzweck, nicht Politik tun der Politik willen, sondern: Stählung onscrea jüdischen W illen-. mitzuarbeiten an iler Gestaltung der Zeit und ihres < «eschenen». fHese Arbeit muß in undie letzte, ghettohafte Unfreiheit nehmen. — jene kümmerliche Ansteht, die ..anderen"", denen wir Beitrüge, liebenswürdige Aucen und Komplimente in den »Tagen der politischen Bedrängnis schenken, würden unschon schützen! Niehli-t schmachvoller. »6er auch gefährlicher, als diese Verwendung. \\ ii haben seit je auf ..andere'" gewartet. In romantischen Zeiten wirkt dieses, Warten und Enttäuschen wie eine theaterhafte Tragik. Heute ist der Widerstand gegen ..da- Jftdiseln»" zu einer sehr realen Volksbewegung geworden. Warten i-t> heut.' schlimmer als ein Verbrechen, — es ist eine Dummheit. Rings um uns spitzen sich politische Situationen von gigantischen Ausmaßen zu. Wir verlangen auch in unseren jüdischen Reihen de uns und unserer Ideologie angemessenen politische Menschen. Die Zauderer, die Ruhefanatiker, die sogenannten Neu iralen aller Jahrgänge und Qualitäten, die Philosophen des ..Nu, wenn schon'* zetern ihr Nein, Nein! In seinem wundervoll-krassen Ruch „Julio Jurenil' zeichnet Ilja Khrenburg in einem besonderen Kapitel dei letzten Gegensatz zwischen dem Juden und seiner Umwell indem er unerbittlich feststellt, daß in einer Welt, in d> : alle Wörter der Sprache verloren gingen und in der nur da* Ja und das Nein blieben, der Jude allein das Nein wähle: würde. Per Jode zittert vor dem Ja. Fast brütet in (hin eine stille Freude, daß etwas mißlingt und zugrunde geht — Freude am Nein! Diesem Geist entgegenstemmen wir das Ja! Und ..Juli* Jurenito" hat recht, wenn er dann das im politischen Sein der Welt wirkende jüdische Blut eine ..Arznei für die Welt nennt. J. Raphael. Soziale Hilfe Zwischenbericht In der /um Dercgiertcntug de* Verbandes erschienenen Nummer de» „Jugendbundes" hatte ich von dein Ergebnis meiner Arbeit bis zu diesem Tennin gesprochen. Ks wird sicherlich interessieren, welche Erfahrungen ich seither in meinem Dezernat gesammelt habe und welche Fragen durch die Umwandlung der Arbeitsart neu aufgeworfen worden sind und im Interesse einer einheitlichen Arbeitslinie im ganzen Reith ihrer sofortigen Beantwortung harren. Es uur von uns in Aussicht genommen, den Sommer zur Vorbereitung des neuen Arbeitsgebietes zu verwenden. Das Ziel dieser vorbereitenden Arbeit sollte die Erfassung der vielen kleinen jüdischen Gemeinden sein, in denen 'Jugendvereine bestehen. Es wurden zu diesen Zwe(ken von allen Vereinen Statistiken über die wichtigsten Fragen eingefordert. Obgleich noch nicht da* ganze Material vorliegt, können doch bereitfolgende interessante Ergebnisse festgestellt werden: 1. Die Zahl der inaktiven Mitglieder unseres Verbandes ist wesentlich geringer, die Zahl der selbständigen Kaufleute, die Verbandsmitglieder sind, ist wesentlich größer, als allgemein angenommen wird. 2. Es gibt eine größere Anzahl jüdischer Geschäfte in größeren Städten, die aus den verschiedensten Gründen die Einstellung unserer Verbandsfreunde ablehnen, während man in vielen kleineren Gemeinden behauptet, man würde gern Jüdisches Personal einstellen, aber für kleinere Landorte wäre kein jüdisches Personal zu bekommen. "inner diesen Kesstellungen, über deren praktische Auswertung ich mich später äußern will, haben die Vorarbeiten folgende Kragen in den Vordergrund treten lassen: a) Helfen wir nur Verbandsfreunden oder jedem jiielisehen jungen Menschen, der uns um I'nterstützung angeht? bi Leisten wir unsere Arbeit allein oder gemeinsam mit anderen Jugendorganisationen? cl Arbeiten wir gemeinsam mit den amtlichen Stellen der sozialen Hilfe und der Stellenvermittlung oder beschranken wir unsere Tätigkeit auf die Arbeitsleistung, die wir selbst mit unseren eigenen Mitteln und unseren eigenen Helfern ausführen können? ' Eine endgültige Beantwortung dieser verschiedenen Punkte wird wohl erst möglich sein, wenn wir auf einen Winter der praktischen Erfahrung zurückblicken können. Ich kann hier nur meine persönliche Ansidit vertreten, möchte jedoch darauf hinweisen, dal? ich auch aus gewichtigen (.1 linden eine anderweitige Beantwortung verstehen kann.' Selbstverständlich ist das Dezernat in erster Linie für unsere A erbandsfreunde eingerichtet, es wird jedoch stets auch jüdischer Jugend, die unserem \erbund nicht angehört, Hilfe im Bereich der Möglichkeit geleistet werden, wenn hierdurch kein Verbandsfreund geschädigt wird. Unsere; Arbeit soll von den Helfern und dein Dezernat selbständig geleistet werden, falls sich jedoch andere Jugcnelvcrbände unserer Arbeit anschlichen würden, so begrttfien wir dies im Interesse der Sache und sehen hierin eine erfreuliche Erweiterung des Tätigkeitsgebietes. Ich halte es jedoch nicht dein Sinne unserer Arbeit entsprechend, wenn wir diese im Auftrage oder unter der Leitung beamteter Stellen leisten. Wir wollen ja keine amtliche Tätigkeit entwickeln, sondern wollen der Jugend dadurch eine Stütze «ein, daß wir der älteren Generation durch freiwillige, aufopfernde Tätigkeit Muster und Beispiel dafür geben, was jeder Jude heute seiner Gemeinschaft und seinem Judentum schuldig ist. Nicht unter beamteten Stellen wollen wir unsere Pflicht tun. sondern sind bereit, gemeinsam mit ihnen dringendste Not zu linde rn. Erfahrungen auszutauschen und von den Sachkennern. (Hein dieser Tätigkeit seit Jahren stehen, zu lernen. Die Zeiten nach der Münchener Tagung sind wirtsdiaftlich noch viel schlechter geworden, als unsere Sachkenner jemals dachten. Die- Zahl der Stellungslosen wächst ins Lferlose. Lehrlinge, die durch Auflösung ihrer Lehrfirmen ihre Ausbildung unterbrechen mußten und durch Berufsumstellung in der Zeit der heutigen Not Jahre verlieren, gibt es in großer Zahl. Viele Kaufleute in mittlerem Alter, die seit Monaten das harte Los der Stellungslosigkeit betroffen hat. nehmen Stellungen mit freier Kost und Tasche n geld an. Auf der anderen Seite wird die Zahl der Stellenangebote immer geringer. Hierin liegt eine große Gefahr auf beiden Seiten, deren Auswüchsen zu steuern unsere dringendste Verpflichtung ist. Weder darf der jüdische Arbeitsmarkt durch, zwar durch die Not verständliche, aber die Berufsarbeit schwer schädigende L'nterbietungen noch weiter unter den Satz des proletarischen Lebensniveaus gedrückt werden, noch darf der jüdische Arbeitgeber die Zeil der Not zu einem unfairen Druck auf die Arbeitnehmer ausnützen Er würde sich selbst sdiädigen, denn es ist erwiesen, daß nur derjenige gute Leistungen vollbringt, der die Krise der schlimmsten Existenznot überwunden hat. iej mehr als sich selbst schädigt er hierdurch aber unser Judentum. Ein unter dem Lebensniveau gehaltener Mensch wird niemals ein Trüger und ein Streiter der jüdischen Idee und der jüdischen Gemeinschaft bleiben. Nun zu dem Erreiditen. Es ist erfreulich, festzustellen, daß mein Aufruf bei vielen Freunden Widerhall gefunden hat. Es sei erwähnt.