Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 11/12 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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oder bis zum nächsten an die Wand geschmierten Hakenkreuz reichen, muß der politische Horizont ein wenig aufgerissen rlen. . 2. Jeden Monat mindestens einen Presse-Abend, oder wenn das nicht geht — jeden Heimabend mit 15 Minuten resM beginnen. Zeitungen? Die Bezirkgruppen sollten, falls finanzielle Kalamitäten hindern, gemeinsam einige wichtige Zeitungen aller Richtungen abonnieren und MtSi.Mischen oder kursieren lassen. Der Gruppenleiter muß 30 viel Interesse und Routine aufbringen, um diese Angelegenheit zu überwachen. 3. Ausspracheabende über die einzelnen Parteien, Verbünde usw., die im politischen Leben eine Rolle spielen. Wenn irgend möglich, läßt man Führer oder Mitglieder der Parteien im Kreise des Jugendvcrcins sprechen. Derartige gemeinschaftliche Veranstaltungen unter dem Motto ..Politische Aussprache" räumen zahlreiche Unklarheiten aus dem Wege; Nicht imposante Kundgebungen nach außen hin, wie sie 1919. im November, vom Verband in Berlin unter Alfred Apfels Leitung arrangiert worden waren. Unsere Aussprachen müssen Kundgebungen nach innen darsteflen. Möglichkeiten, um unsere jungen Menschen politisch zu Mktivicren. •1. Durch derartige gemeinsame Aussprachen werden Bindungen zwischen dem Jugendverein und den politischen Verbänden geschaffen, von denen wir uns unter keinen Um- -tänden fernhalten dürfen. Nicht korporative Anschlüsse vollziehen! Aber unsere aktiven Kräfte werden dann den Anschluß finden, und in Zeiten innerpolitischer Hochspannung werden sich dann Kampfgemeinschaften bilden, die wertvoller sind, als gelegentliche Zuwendungen platonischer oder finanzieller Art. Her Zustand vor den letzten Keichstagswahlen hat deutlich genug gezeigt, daß mit Geld und Kampfi'onds allein eine positive politische Arbeit nicht geleistet «erden kann. ä. Wir müssen unsere Menschen hergeben! Das ist der letzte, tiefste und höchste Sinn wirklich aktiver politischer Arbeit. Kurt Großmann, der Sekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, hat es einmal in einem Brief an den ...Jugendbund" vor Jahren etwa so gefordert: „So wie Abraham bereit war, seinen Sohn dem Gotte zum Opfer zu bringen' so muß das Judentum bereit sein, Opfer zu bringen! Aus der Lethargie, aus der Bequemlichkeit, aus dem Sinn für nur Geld verdienen muß der Jude herausgerissen werden, für das Streben um eine freiere und damit weit glücklichere Welt." C. Es fällt mir nicht ein, für eine bestimmte Partei unsere IMilitischc Lrziehung zu fordern. Aber es gilt, diese Erziehung derart zu intensiv ieren, daß dein Ja ein Ja, dein Nein ein Nein ist, — daß unsere Menschen die inneren Konsequenzen ziehen, «laß sie eben einen bestimmten politischen Weg gehen, zu Ende gehen. Der jüdische junge Mensch, dessen Staatsbürgerbewußtsein mehr als bloßer jährlicher CV.-Beitrag ist, hat sich zu entscheiden. Und da muß ich auch unseren Vereinen Punkt 1 des Erziehungsieles des Junggruppen ans Herz legen, der da lautet: ..Unsere Menschen haben sich zu entscheiden, ob sie für oder ,-egen radikale Aenderung der gegenwärtigen Gesellschaftsorm sind. In beiden Fällen haben sie, in die politischen Parteien einzutreten, die ihnen für die Verwirklichung der •in ihnen angestrebten Gesellschaftsform Gewähr leisten." 7. Darüber hinaus miUscn wir aber als jüdisch-religiii-o Menschen unseren, politischen Platz dort suchen und bell mpteii, wo das I eben in allen seinen Erscheinungsformen, in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft — und nichts Ist hier mehr voneinander zu trennen — einer Erfüllung in der Gesinnung unserer jüdischen Ethik zustrebt. Religion ist uns ■ licht mehr ein synagogaler oder privat-häuslicher Begriff. Politische Arbeit andrerseits ist uns nicht ein nüchtern-diplolatisches Abwägen und Schwindeln mit allen Erlaubtheiten ml Unerlaubtheiten. Der Jude in uns fordert hier den >> eg einer Harmonie zwischen Lehre und Leben. Das System - Politischen muß nach unserer Forderung auf der Basis - Religiösen in seiner reinsten, wahrhaftigsten und unkirchlichsten Bedeutung ruhen, und die Pfeiler dieser Arbeit lauten: Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. 8. Diese Art politischer Arbeit an uns wird uns dort einreihen, wo wir als Juden, das heißt als Kämpfer für Gott, zu stehen haben, nämlich in der Front derer, die für eine gerechte, friedliche Weltordnung kämpfen, die das Heidnische, das im heutigen Eigentumsbegriff zum Urgrund der Unzufriedenheit und des Elends wird, ablehnen, und die in das Zusammenleben der Völker und in das politische Weltbild nicht die unaufrichtige Betriebsamkeit ehrsüchtiger Diplomaten oder das literarische Aesthetentum geistreicher Vercinsabciidc hineinpflanzen wollen, sondern: die Moral und die religiösen Grundbegriffe, die für das Zusammenleben einzelner Menschen gelten. 9. Erst wenn wir diese Plattform politischer Arbeit gefunden und sicher unter unseren Füßen haben, dann dürfen wir sagen, ein politisches Kampfmittel gegen die Pest der Judenfeindschaft zu besitzen. Die Abwehr kann nicht bestehen in dauernder Schilderung und Aufzählung jüdischer und nichtjüdischer Zeitungen, Börsianer und Handwerker, oder in der Anrufung der sogenannten Weltmeinung. Wir müssen der Idee des Nationalsozialismus eine bessere politische Idee entgegenstellen. Die kann nur heranreifen aus der Qual unablässiger politischer Aufklärung unter unseren jungen Massen und im Zusammenwirkemnit den politischen Organisationen, denen wir uns mit der Persönlichkeit, und nicht mit den Pfennigen hinzugeben haben. 10. Diese politische Arbeit liegt aber — Gott sei Dank! — nicht allein auf der Linie der. Notwehr gegen den. Lärm der Nazis und zerbrochener Fensterscheiben tider vernichteter Existenzen. Sie ist der—Weg auch, der das Judentum aus seiner splendid isolation herausreißt, in die es sich selbst als Konfession hineindegradiert hat, — der das Jude- Sein zum Faktor der Lebensformung macht, jener Lebensformung im Zusammenwirken dir großen Gemeinschaften, die man Politik nennt. Das Judentnm muß seinen ethischen Beitrag zur Politik liefern, nachdem es jahrzehntelang Menschen abgeliefert hat, deren politisches Fundament vielleicht einmal unbewußt jüdisch gewesen war, —jdie jedoch dann ein Gebäude politischer Allcrweltsweisheiten errichtet haben. Möglicherweise liegt in dieser Tragik auch die Tatsache der inneren Heimatlosigkeit der Juden in den Gebieten der Politik. Man redet so viel von jüdischer Politik,,--es Eab viele jüdische Politiker, aber was sie leisteten, war so furchtbar wenig jüdisch. .Diese Diskreditierung des Begriffs jüdisch ist es, die uns niederdrücken und zugleich auch nachdenklich stimmen muß, wenn wir die Forderung, nach politischer Arbeit heute in aller Entschiedenheit unseren jüdischen. Jugcndvercinen vorlegen. IV. Und nun noch einige praktisch-technische Hinweise, deren Zahl beliebig zu ergänzen wäre:!',<- 1. Das Gebiet der politischen Arbeit muß zunächst das Studium politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kulturpolitischer Tagesfragen umfassen. Probleme der Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen Zusammenhänge, der imperialistischen Weltpolitik usw. gehören in dieses Ressort. 2. Genauestes Studium der Vorgänge in anderen politischen Lagern und deren Presse. Hinweise hierzu finden sich im „Jligendbund" und in den Prcsse-L'ebersichten des Kreises jungjüdischer Pazifisten, der im besonderen Sinne die Aktivierung der jüdischen Jugend und ihre Eingliederung in das politische Ringen anstrebt. 3. Schaffung einer politischen Zentrale in allen Landesverbünden zur regelmäßigen Förderung der Arbeit innerhalb der Vereine. 4. Besondere Richtlinien regeln die Tätigkeit dieser Zentrale, insbesondere ist engste Zusammenarbeit mit den politischen Organisationen geboten. Den Richtlinien der politischen Zentrale ist unbedingte Gefolgschaft zu leisten. Die innerpolitische Situation verlangt die Zurückstellung persönlicher Wlünschc und Anschauungen im Interesse der Gesamtheit. 7