Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 9 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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bcrg am' Lech nahm, gibt einen charakteristischen Einblick in den Gefühlskomplex des Nationalsozialismus. Auf mehr;ils fünfhundert Seiten werden ganze drei wirkliche Vorginge berührt: Iiitiers Wirken als „Bildungsoffizier", sein!. int ritt in die Partei und die Verkündung des Programms ■ 24. Februar 1920. Im übrigen bietet er nur Reflexionen, denen man die witzige und geschmackvolle Kennzeichnung zurückgeben möchte, die er der sogenannten Judenpresse anhängt: ein „Geseires von schönen Tönen und Redensarten". Der Heiland und Führer ins Dritte Reich verlangt von seinen Mannen kritiklose Gefolgschaft aufs Wort; zugleich aber gibt er ihnen in der Weise des aufgeklarten Despotismus Belehrung über die Motive seiner Befehle. Hitler hat sich nach seiner Selbstdarstellung nie geirrt und nie gewandelt, oder doch nur in einer Beziehung, der Judenfrage. Dem weltbürgerlichen Geiste seines Vaterhauses lag der Judenhaß ferne. Aber schon in Wien hatte er noch in jungen Jahren glücklicherweise Gelegenheit zu erkennen, welche „Sünde wider das Blut" in^der Emanzipationsakt > begründet war. Dem „Helden von Sanssouci" (welch welsche Geschmacksverirrung!) stellt Hitler mit feinem Takt Friedrich Ebert, ..den ehemaligen Bremenser Kneipcnwirt", gegenüber. Sogar an Bismarck übt er schlecht verhohlene Kritik. Politik als die Kunst des Möglichen anzufassen, findet er „etwas bescheiden". Dem Realpolitiker setzt er den „Programmatiker" entgegen, der der Welt „unsterbliche Gedanken" zu bieten habe, und der, wenn er auch die Verwirklichung seines Programms nicht mehr erlebe, doch als „Marathonläufer der lieschichtc" in die Unsterblichkeit eingehe. Hier wird ein neuer Mythos! Ganz nach seinem Herzen haben eigentlich nur zwei Männer gehandelt: Pöhiier und I^rick. Sie haben den „Mut, erst Deutsche, dann Beamte zu sein". Hitlers Werk wird spater einmal eine einzigartige Fundgrube für das Studium der geistigen Verwirrung abgeben, in die das Deutschland der Nachkriegszeit gesunken ist. Heute ist zur Kontemplation nicht dor Augenblick. Aufgeschriebene Demagogie hat es schwer. Sie muß es sich gefallen lassen, daß der Gegner ihre Argumente zerpflückt. Ihre, und auch Hitlers eigentliche Kraft liegt in der verführerischen, mitreißenden Gewalt des gesprochenen Worts, der Rede in der Massenversammlung. b) Antlnatlonaisozlallstlsnlie schritten 1. Das wahre Gesteht des Nationalsozialismus. 2. Die Partei der Phrase. Mit straffer literarischer Alfresco-Tcchnik arbeiten die beiden vom Bundesvorstand Hörsing eingeleiteten Broschüren des Reichsbanners Schwarz-Rot-Golil. Beide eignen sich in erster Linie zur Verteilung unter ein«brcites Publikum. Die erstgenannte kennzeichnet kritisch Entstehung, Organisation und Programm des Nationalsozialismus. Im zweiten Teil wird in einer für das Verständnis des einfachen Mannes ausgezeichneten Weise die „Praxis der nationalsozialistischen Politik" unter die Lupe genommen. Der „Verrat an Südtirol" ist ein Punkt, ein anderer die „ausländische Unterstützung" und so fort. Jedes Kapitel ist schlagkräftig dokumentiert. Den Beschluß bildet ein Nachweis nationalsozialistischer Literatur. . AU die Partei der Phrase" kennzeichnet in loserer Gliederung die zweitgenannte Broschüre die Nazis. Wieder werden die sogenannten Programmpunkte und die praktischen Hanill'ingen der Partei einander gegenübergestellt. Die Schrift lichtet sich vornehmlich an den Mittelstand, als dessen behindere Sachwalterin die NSDAP, auftritt. Der Schluß ordert zu einer „Abwchrfront aller Anstandigen" ,auf und gipfelt in dem Worte Gottfried Kellers: „Als Gegner achte, »lt es auch sei, — Strauchdiebe aber sind keine Partei."!. Die Nationalsozialisten. Archiv der Deutschen Volksi.irtei. Herausgegeben von der Reichsge*-hättsstelle in üerlin. Nr. 1. Diese Schrift gibt Geschichte und auszugsweise Programm der NSDAP., um im Hauptteil „Worte und Taten" Irr Nazis einander gegenüberzustellen. Das Hauptgewicht liegt dabei, entsprechend dem Kreis, an den das Heft sich wendet, auf den versteckt „kommunistischen Tönen gegen das Kapital", der Feier des 1. Mai, den „Beschimpfungin am Grabe Stresemanns" und den „Angriffen gegen Hindenburg". i'ic Broschüre ist durch treffende Auszüge aus der national- ■ >zin Iistischon Presse ausgezeichnet. I. Der Anti-Nazi. Redner- und Presseinaterial über die NSDAP. Herausgegeben vom Deutschen Volksgemeinschafts- < <M. Berlin. 2. Auflage. Der Anti-Nazi ist „gedacht als eine Materialsammlung zum Gebrauch des Versammlungsredners oder des Redakteurs, der sich mit den Nationalsozialisten auseindersetzen will". Dieser Zielsetzung entspricht die Gliederung des Stoffes wie seine Anordnung auf losen Kartothekblättern. Der Anti-Nazi stellt ein einzigartiges, geradezu unentbehrliches Instrument für jede Aktion dar. Jeder einzelne Artikel ist in sich geschlossen und gibt~~in konzentriertester Form Darstellung und Kritik des betreffenden Gegenstandes. Er charakterisiert Programm und Grundsätze, Praxis, Wider spriiehe zwischen Theorie und Praxis, die Methodender Nazis, ihr Verhältnis zu anderen Parteien, ihre Führer und ihr Urteil Uber sich] selbst. Die zweite, im August 1930 herausgekommene, Auflage trägt bereits den iüngsten Entwieklungen innerhalb der Partei wie den Wahlen in Sachsen und der stattgefundenen Spaltung Rechnung. Die Unterabschnitte sind direkt dem immer wiederkehrenden Schlagwortarsenal der Wahlkampagne angelehnt. Sie lauten, um einige besonders charakteristische zu nennen: ..Futterkrippenwirtschaft", „Judenhetze" und „Sexualschnüffler und Sexual Verbrecher". 5. Anti-Anti. Tatsachen zur Judenfrage. Herausgegeben vom C. V. Diese schon früher erschienenen „Blätter zur Abwehr", die offenbar in der Form dem Anti-Nazi als Muster gedient haben, behandeln systematisch ein von den Nazis in den Vordergrund gerücktes Teileebiet: die Judenfraee. Gerade sie ist das rote Tuch, mit dem man den Wählerstier in die Arena lockt. In 80 alphabetisch ceordno'.en Stichworten wenden hier die einzelnen antisemitischen Sehlagworte vorgenommen und zerpflückt: Banken. Bolschewismus, Goethe, Jüdische Internationale. KriecrsgeseHsrhaften. Mädchenhandel. Presse. Schächtfrage,• Warenhäuser und so fort. Zu einer Ranken Reihe dieser Finzelprobleme darf srleiehzeitig auf die im Philo-Vcrlag vorliegenden ausführlichen Behandlungen der gleichen Themata verwiesen werden. Man muß wünschen, daß sowohl die nationalsozialistischen Schriften selbst wie auch die Abwehrschriften aufmerksam gelesen werden. Die bevorstehenden Wahlen sind nur ein, allerdings entscheidender. Waffengang in der Auseinandersetzung zwischen Rechts, Mitte und I inks iibrr die zukünftise Form des staatlichen I ebens in Deutschland. Der Kampf selbst wird auch nach den Wahlen weitergehen. Dann wk«1die Mitte vor allem erkennen müssen, daß die Nazis keineswegs' nur ein Haufen „Strauchdiebe" sind, sondern daß eine ganz tiefe Unzufriedenheit und Sehnsucht die Wünsche d^r extremen Rechte bestimmen. Sie sind utopisch, nichtsdestoweniger politischer Faktor. Es ist, wie Max Weber bereits vor elf Jahren prophezeite, die Zeit der Reaktion hereingebrochen. Man lese jetzt noch einmal die Niederschrift seines 1919 gehaltenen Vortrags „Politik als BefSuf". Er ist heute wieder aktueller denn je, obwohl odgr gerade weil er keinen praktischen Rat erteilt. „Die Politik." führte Weber aus, „bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit I eidenschaft und Augenmaß zugleich." In diesem Satz ist die ganze Kritik der nationalsozialistischen Heilsprophetie beschlossen. Aber auch den Menschen der Mitte, die heute abgestoßen und unsicher beiseite stehen, sei ein Satz Webers in Erinnerung gerufen: „Nur wer sicher ist, daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, wos er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber ..dennoch!" zu sagen vermag, nur der hat den „Beruf" zur Politik." Dr. Haas Rcissne.r. Tagungen Wir erhielten verschiedene Berichte über die in der letzten Zeit stattgefundenen großen Welttagungen, aus denen wir folgende Auszüge wiedergeben: ' 1. Welljugerdtreifen liberal-jüdischer Jugend anläßlich der zweiten Konferenz des Weltverbandes iür liberales Judentum in London 19. 22. Juli 1930. Mit dieser Konlerenz, die starke Delegationen aus Amerika, England und Deutschland sowie Abgeordnete aus Schweden, Oesterreich, Ungarn, Holland, Indien, Frankreich versammelte, darunter die geistigen Spitzen des modernen Judentums, sollte ein Treffen der liberalen Jugend verbunden werden, es war jedoch nur Amerika, England und Deutschland vertreten, die französische Delegierte kam nicht. Bereits während der Hauptkonferenz hatten vertrauliche Besprechungen der verschiedenen Jugendgruppen stattgefunden. . Die Tagung selbst 5