Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 9 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Jenker hatte die deutsche Judenheit aufzuweisen — Walter Kathenau, und diesen Einzigartigen haben die völkischen Heroen „abgekillt". Aus religiös-metaphysischem Denken her- habe ich mich oft in den letzten Monaten gefragt, ob dieser rd nicht Sündenschuld über das ganze deutsche Volk rächte, die es gerade durch das wirtschaftliche Elend furchtr büOen muß. Nur wer sinnhaft denkt und lebendig religiös fühlt, kann solchen Gedanken fassen. Wir deutschen Juden werden trotz des Mangels an .nialen Einzelpersönlichkeilen durch Summierung und Povnzierung der vielen starken Einzelwillen, die auf Uebervindung der Wirtschafts- und Gesellschaftskrise gerichtet sind, in Wirtschaftsprogramm aufstellen müssen, das aus .ahrhaft jüdischem Geiste geboren ist. Wir erwarten von em urjüdischen Prinzip der Gerechtigkeit, daß es sich .estaltungsfähig erweisen werde, daß es aber vor allem blutigen 'cvolutionen vorzubeugen vermöge. Das ist die Richtung, in der Sie und alle, die in uns mehr als einen Zankapfel sehen. Aktivität" von uns erwarten dürfen. Gerade weil nur Zusammenfassung der Einzelkräfte überdurchschnittliche, von schöpferischem Atem geschwellte Tat bereiten kann, ist es nötig, daß wir den jüdischen „Reichsi-erband" endlich und schnell schaffen. Er muß aber ganz anders sein als die seitherigen Landesverbände, nicht nur gcldsammelnde und -verteilende Organisation, sondern Raum für alle formkräftigen jüdischen Menschen auf deutscher Erde. Fühlt sich der „Reichsverband" zu solcher, mehr als verwaltungsmäßigen Haltung nicht berufen, so gilt's den „Jüdischen Reiehsrat" ZU| schaffen, dem geistig-technische Aufgaben großen Formats zu geben sind. Wir haben Aktivität aber auch auf erzieherischem Gebiet zu bewahren. Wir werden dafür sorgen müssen, daß die erhabene jüdische Ethik in letzter Folgerichtigkeit auch und gerade in der Wirtschaft von jedem Juden betätigt wird. Krümmen und Schliche müssen wir selbst den Stammes- und Glaubensgenossen als das bezeichnen, was sie sind, und chärfstens verurteilen. Wir werden den diesbezüglichen Verleumdungen der Hakenkreuzler jeden Schein von Berechtigung -•ntziehen, wenn wir selbst jene in unseren. Reihen ächten, die den deutschen Wirtschaftsbrauch bewußt verletzen und die Wirtschaftssittlichkeit geringer achten als andere Sphären Sittichen Lebens. Mehr an Aktivität in Richtung auf Gestaltung können auch unsere besten Freunde, kann auch unser eigenes Gewissen nicht von uns erwarten. Dann, sollte man meinen, wäre unseren Hassern jegliche berechtigte Angriffsfläche genommen und <i.egen ihre recht- und sittenwidrigen Pläne und Handlungen müßten uns jüdische Deutsche der Staat und die staatstrtfuen Bürger Schutz zusichern können. Nun klingt aber, wenn auch nicht ausdrücklich, aus Ihren Warnungen auch nach dieser Richtung hin Zweifel an unser Ohr. Wir werden uns darum fragen müssen, ob wir Juden zum Schutze unseres Lebens nicht nif weitestgehende Sicherungen Bedacht nehmen müssen, die Mentalis über das Ausmaß der bisher vom C. V. erwirkten v deutend hinausgehen müßten. Jedenfalls werden wir, ge- ■'■ Uzt auf das beunruhigende Bild, das von Ihnen über drohende Möglichkeiten entworfen wurde, von den verantwortlichen ■•■'eilen Garantien fordern müssen, die auch eine etwaige r'ilsregierung mit dem Odium der ganzen Kulturmenschheit :4en würde, falls sie sich über diese Zusicherungen brutal . ijiwegzusetzen wagen wollte. Freilich, an diesem Punkte scheint es mir nötig, Ihnen, m Sprecher der deutschen Republikaner, Mahnung und ■■ arnung zurückzugeben. Schätzt man . die Verwegenheit und arbarei der Hakenkreuzlermassen so ein, daß sie zu Pogromen ' ihig sind, wie Sie es anzunehmen scheinen, dann — ist in den -'zten Jahren seitens der nicht-jüdischen deutschen Republi- ' aner maßlos gesündigt worden; denn sie haben Deutschland iröflte Gefahr bringen lassen. Was Deutschland zu erwarten te, wenn es mit der Barbarei des Antisemitismus nicht urtig würde —. das zeigt jedem, der Geschichte als einen sinnvollen Ablauf erachtet, das Schicksal des einst weltbeherrschenden Spanien bald nach der Vertreibung der spanischen Juden, das zeigt das furchtbare Schicks 1 des zaristischen Rußland, der Hochburg des Antisemitismus von gestern. Gottes Mühlen mahlen eben doch sicher! Nicht um der halben Million Juden willen also hätte es einer ganz andersartigen Aktivität der deutschen Republikaner und aller guten Deutschen bedurft, jedenfalls nicht nur um ihretwillen. Sondern Deutschlands Schicksal, das durch die Kulturschande des Antisemitismus ganz anders bedingt ist, als es offen sichtbar ist — hätte vom kultivierten Deutschland, den Republikanern voran, ein ganz anderes Ausmaß an tätiger Abwehr und überzeugendem Angriff verlangt. Warum hat man nicht mindestens jeder zweiten Versammlung der Hakenkreuzler eine der republikanischen Gruppen folgen lassen? Sieht man noch immer nicht ein, welches Unheil die prahlerischen, verantwortungslosen Sendboten im Hirn und Herzen des naiven Menschen aus dem Volk anrichten, wenn man die Haltlosigkeit ihrer Darlegungen nicht vor den gleichen Menschenmassen in Gegenversammlungen aufzeigt? So gilt denn Ihre Forderung nach Aktivität gegenüber dem Treiben der nationalistisch-antisemitischen Kreise nicht nur für uns Juden, sondern fast noch mehr, wenn auch mit anderen Mitteln, für alle, denen wahrhaft an der Weltgeltung des neuen Deutschland gelegen ist. Ephraim A. Aschkenasi. Aktivierung der jüdischen lugend Eine negative Feststellung, eine menschliche Forderung, eine sachliche Notwendigkeit enthält der Satz von der Aktivierung der jüdischen Jugend. Es fehlte bisher, im großen und ganzen gesehen, in der jüdischen Jugend an jenem tatbereiten Zustande und Verhalten, das allein Rechtfertigung für Kritik und Geltendmachung von Ansprüchen ist. Ein seelischer Abstand ebenso wie ein inneres Vorurteil legte sich zwischen Betrachtung und Beschluß. Unzufriedenheit mit den Zeilverhältnissen paarte sich mit der resignierenden Erkenntnis, daß auch die junge Generation die Gestaltung der öffentlichen Fragen — so wollen wir den gesamten Umkreis der res publica bezeichnen — das Leben und Wesen der Gemeinschaft überhaupt, kurz die Politik nicht entscheidend beeinflussen könnte. Sie wurden dem jungen Menschen fremd, er empfand sie seinem Wesen nicht entsprechend, er formte sich seine Welt neben, oft über diesen Fragen. Weil im jugendlichen Denken aber starker Eigenwille und lebendige Vorstellung vom inneren Rechte jugendlichen Wollens enthalten ist, folgerte der junge Mensch: Die Starrheit der Gesellschaft wird auch durch jugendliches Wollen und junge Kräfte nicht gebrochen werden. Ersparen wir uns Enttäuschungen, leben wir unser Leben in einer Art Autonomie, geschaffen aus unserer Vorstellung und regiert von unseren Erwartungen. Setzen wir uns für diese Erfüllung ein, die die Umformung aller Unwerte zu Werten in sich schließt. Schon für den — man möchte sagen — üblichen, gewöhnlichen Generationenkampf ist ein solches Verhalten nur sehr bedingt richtig. Ein zeitlicher Zustand wird äußerlich überwunden, wenn man ihn überlebt. An Stelle des Vorher tritt das Jetzt, an Stelle des Jetzt das Nachher. Recht hat, wer lebt! Fortschritt kann niemals nur heißen, daß die Erde sich dreht und wir Vorgänger ersetzen. Fortschritt ist nur im Verhältnis zum Denken und Wollen anderer, für uns Junge: älterer Menschen nachweisbar. In gleicher Front zum Marsch antreten, nach kurzer Zeit vor der Front führen, sollte das Ziel der jungen Generation sein. Neue Formen allein zu wollen, ist kein 'Wert. Es gilt, alte Formen umzukneten, aber dabei nicht nüchtern fremde Objekte zu konstruieren, sondern auch sich selbst als Rohmaterial zu betrachten. Ein besonderer Seelenzustand wird von uns gefordert, wenn wir den Panzer unserer Selbstbehütung durchbrechen, um in den Kampf der Oeffentlichkeit zu' treten. Unsere Verteidigungswaffen sind schwach. Wir sind kein Machtfaktor, auf den die Parteien anders als um unserer Stimmen willen Rücksicht zu nehmen brauchten, wir sind keine Vertreter wirtschaftlicher Gruppen, mit denen die praktische 3