Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1930-07-01 · 7/8 (7.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
16 (1930)
Issue
7/8 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492456-6352311-6352569--0957-4929100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IHe eine dieser Können, die Volksgemeinschaft, ist die - , h i < k s-a I s g e 111 e i n s e Ii a 11 schlechthin, loh rede jetzt um \<>n Gemeinschaft in dem großen sozialen Sinn, daß eine V'ieiheii von Menschen, die nicht eine Entscheidung getroffen haben, iiiiteinander in Gemeinschaft zu leiten. B.....lern für die ilj« Gemeinschaft etwas Natürliches ist. in das sie hineingeboren riöd oder dem sie tebieksalsmaßfg zugebracht worden -nid. Die SchiekaalBgemelnseliafl in diesem Sinne ist vor ijti-im anderen eben das Volk.' Volk entstellt immer so, daß yfeiHclien in einem bestimmten Raum Rchivksaism8ftig zu- - nnmenkoniiuen. in dem an ihnen ein Zus iinincnschluß ge^ -•■hiebt, den sie früher nicht kannten. Per Raum hat sie \ irklich umfaßt, umschlossen, umhegt und hat ans ihnen Itcmeinschaft heranfgetrieben: Dieser bestimmte .Kaum. die-i Landschaft, dieses Tier- und Pf lanzeiiwoson, diese bestimmte VrbeitHWetse, die nötig ist. um aus diesem Land ein Mensch.'ii- : nid zu machen, die sozialen Bedingungen, ilie -ich daraus entwickelt haben. In diesem Lanil haben sie dann ein.' gemeinsaine Zeit zugebracht, erfüllte JCt-iit». Schicksalszeit, Ge- -i hichts/.eit. volkbildende Zeit. Sie halten also gemeinsame t ..-ebiebtszeit im gemeinsamen Gescbiebt-iraum erfahren und -ie, die schon von vorneherein blul-in.ißig oder blnt- 'iii-chiingsmnßig einander irgendwie ähnlich geworden waren, -ind nun einander in ihrer Art noch näher gekommen durch dieses Zusammengefügt werden im gemeinsamen Geschictit«- ■ .Htm und in der gemeinschaftlichen Geschichtszelt, i). h. in der Heimat und im Schicksal des Volkes, l ud dieses Gemeinsame nun. dieses Zusammengefügt - 'in empfinden die Menschen nicht als etwas, was -ie gemacht haben, sondern als etwas, das ihnen von Kf&ften go«t:ftet worden ist. yon l"rkräften, von Schfipfungskrftfien — von lebendiger Mitte. An diesem Geheimnis der Volksentstchung hat Generation um lienerntiön dieses Volkes unmittelbar Anteil, und wenn s'i.' -ii h besinnen: was ist das. was mich mit diesen {feilschen /h einer fast leiblich gegenwärtigen ,\erbunilonheit gebracht hat? so ist es eben dieses llrgeheimnts des Volkswerden, das -ie mit immer erneuter Khri'uroht erfahren und durch- ■tebfcn. Line kleinere uuvollkoiiimen ■• Abart der Schiek«alsgeihernschaft i-t die Werkgcmoinschaft. AIhistorische Boipielc davon können wir etwa nennen: die Dorfgemoinsdiaft ildi? primitive Gemeinschafl des Besitzes und der Lebens-* form oder etwa die Stadt lies deutschen christlichen Mitteliillers in ihrem enge n Znsammenhalt. In die tiegenwart lieHlbcT reicht die uralte Ilandwerkerg•unein-cliaft. die stets < in ITrgehelmnis hütet, da.« sie eins* bildete — nun freilich Z.Ii meist nur .noch in kaum kenntlicher Verdiinnung, Hie andere große Form der geschieht liehen Gemeinschaft i-t die Glaubensgemeinschaft. Sie unterscheidet, sieb \"ii der Schicksalsgonioinsehift hau|its,:ichlich dadurch, ■laß ■he lebendige Mitte, die sich dort in jenem Geheimnis der Entstehung darstellte, nun gleichsam sichtbar wird, daß in in ihr Inen Namen gibt, das man sie anruft, daß man an sie glaubt.! iß man ihr glaiibensiniißig verbunden, ihr angelobt ist. '•.tauben bedeutet geloben, angeloben, nicht bloß für wahr liten, daß etwas ist. sondern einein Seienden, einer leben- .eii Mitte angelobt sein. Diese lebendig.' Mitte, mit der die Eiuzclmitglicder der Gemeinschaft organisch, lebensmäßig rbunden «ind. wird nun so wahrnehmbar, daß man sie iiisprechen und daß man sich als von ihr angesprochen cr- ' ihren kann, daß man zu ihr in ein Gespräch treten1 kann. -" daß nicht bloß individuell die religiösen Personen, sondern ■•->■ ganze Glaubensgemeinschaft gemeinsam angeredet wird ml gemeinsam antwortet. ..naa«se wenischma". Diese l"r-._ rhundenheit — gewiß, es kommen immer wieder neue Menschen hinzu, aber dieses Zufließen wird immer wieder >n der einen von der Urzeit" bor verbundenen Klüt auf- imminen — diese l'nwillkiirliohkoit des Verbundenseins, dieses Miteinaiiilerzu.-aiiimonhängon, man weiß nicht wie. und war sp zusammenhängen, daß man eben tlalurch mit dein zusammenhingt; das in der Mitte ist. daran gleicherweise Anteil hat, an Gott — diese rrvorbundoiihoit :<rt e«. die die Starke große Lehre der Glaubensgemeinschaft für uns in dieser Stunde ausmacht. lMese Gemeinschaften stellen also keine Unternehmungen dar, sie sind nicht otWns. wozu Menschen sich ZUSammen- -'i -olilossen haben, weil sie es für einen hohen Wert dos Lebens hielten. Ks war letzthin immer beides, also Schick- - il-verbundenheit und Angelobtsein an eine Mitte, zugleich etwas, w;ls man nicht gemacht hat und sich nicht zuschreiben kann, und Verbundenheit mit.'inander um ein Geheimnis, mit liem alle gleicherweise so unmittelbar verbunden sind, wie •Ii«' Punkte des Kreises mit ihrer Mitte. Also nicht Bestrebung, sondern Schicksalsgeheimnis; Kreis, nicht von der Peripherie, sondern von der Mitte aus konstituiert. Nun aber, meine Krcrunde: in diesen großen hi-torischeii Gemeinschaften ist mit ihrem Wachstum auch die Verfremdung gewachsen. Immer schlechter haben sie die Probe aller großen Gemeinschaften, die Probe d es Wachstums bestanden. Mit der Wachsenden Zahl, mit der wachsenden Vielfältigkeit des Lebens. cliiloh das rnterworfi nwerden mit ST vielfältig" Lebensbedingungen —- und wir .luden sind hier das eindringlichste Beispiel — nimmt die Verfremdung der Gemeinschaf* ton, das. Absterben de- (Icmcinsehattsgchaltes immer mehr zu. Durch künstliche Gerüste versucht man dieser Verfremdung ab/.uheircii. durch die zusammenhaltenden Gerüste Staat und Kirche. Aber was-iipmer die-e sehr imposanten (i-rüste bewirken mögen, Gemcijnseliuft erneuern sie nicht. Staats- \o|k und Kirchenreligion sind sehr respektable Ding.', aber derJGomelnachaftsgeha 11 Ist durch sie nicht gesteigert worden. Heute gibt es in dein wirklichen Leiten nur Gemcin- -chaft-ro-te. Von der S<-hicksalsgen,einschaft etwa den Host ih r Gemeinde, soweit los noch wirkliche Gemeinden il« LebensverbäniK' gibt. Kill Gebilde, daich in meiner Lebenszeit nur selten kennen gelernt habe und immer noch erheblich mehr im Osten als imjW"oston. Gemeinden, die nicht n*ir soziale Unterschiede aufheben, sondern über alle sozialen Unterschiede hinweg immer wieder dokumentieren: wir sind alle im Kmst Söhne eines V-it crs>_alSO Brüder und Schwestern. Ich habe damit sehn i da- Judentum berührt: das Judentum] das vielleicht -einzig unter allen (Gemeinschaften Scbicksalsgemeinsebaft und Glauboiisgomoinsch ift zugleich war, unlöslich von einander. Volk gewonl-n durch Offenbarung. Offenbarung getragen durch ein Volkstum. Ich glaube, daß Ihr es Kueli. Vertreter jüdischer .lugend von heute, gar nicht klar genug machen könnt, daß das Judentum heute sich nicht mehr eine Gemeinschaft streng im Sinne dieses Wortes, dem einewirklichen Lebens,-erbanilos, nenn.>ii darf, und*'zwar deshalb nicht, weil es die Probe nicht bestanden [bat, weil sein' Gemoinsohaftsgclnl' nicht mehr so ist, daß irgendwelche .luden irgendwann und irgendwo einander gegenüber gestillt -es -ind. der Lehensverband also in ihnen besteht, ob -ie nun zehn —Minjan — oder tausend sind. Die Farmen bestehen noch fort — Minjan — zolin Menschen im Angesicht Gottes geneinsam zu Gott sprechend und gemeinsam einander das Wort Gottes zusprechend: aber Sie fühlen, wie arm wir an wirklichem Durchleben dieser Können geworden sind. Wir haben viel Gomoinschaftsvoi langen und machen es uns leicht mit Gemeinsctiaftsstimmnngen. Aber Gemeinsehtft im Sinne des Mitein.uiderl"bens und Witeinftndersterbens kennen wir nicht mahn Wir sehnen uns nach ihrer Ernoucrung. Wenn wir seit einer gewissen Zeit, aber mit der wachsenden Härte der Situation von Jahr zu Jahr immer zögernder, von Erneuerung des Judentums sprechen, so meinen wir oben dies. Erneuerung dieser Schicksals- und Glaubensgemeinschaft in einem. Erneuerung des Judentums als eines LebcnsverbandiJS. Die-e Lrnouerungsveranch.1 müsneii von uns. wenn wir uns nic hts vormachen woll 51. ebenso kritisch bot rächtet-werden,, wie wir die Vergangenheit ernst und kritisch betrachte! .haben: Wenn eine Gemein schaff nicht dadurch entsteht, daß einer seinen Nebenmännern die Hände reicht und sich nun in einer glorreichen Verbundenheit zu befinden meint, so gilt das auch für die Krneuorung clor Gemeinschaft. K« genügt nicht, es ist noch gar nichts geschehen, wenn Juden etwa den begeisterten Willen haben, das Judentum zu erneuern, die jüdische Gemeinschaft wieder zu aktualisieren. Damit i«t in einem gewissen Sinn noch weniger als nichts geschehen, insofern, als es besser ist. daß nichts geschieht, als daß mau so tue. als ob etwas geschähe. Alle diese romantischen illusionären Krneuerungsvcysucho taugen nic hts, solange die Mensc hen, die es angebt, locht mit ihrem ganzen Wesen wissen, daß nur gemein- S C h 8>f tsf ä Ii i g e und nur durch wirkliche Hingabe des Lebens an die Gemeinschaft miteinander Gemeinschaft 'erfahren können, und nur indem -ie »ich gemeinsam zuwenden der namenlosen oder benannten Mitte, um die di'-e Gemeinschaft einst sich versammelt hat oder versammelt worden i.-t^ Wenn man dies nicht weiß und bekundet Ttlnl mit dem gangen Leben bewährt, so lasse man lieber Hand und Gefühl .011 der Gemeinschaft. Mit unverwandelten Menschen, mit gemeinschaftsunfähigen Menschen, mit der Mitte unkundigen Menschen wird Gemeinschaft weder gestiftet noch erneuert, und durch guten Willen entsteht nicht (ieineinschaft. sondern ein 5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.