Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 7/8 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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i retenden Vorsitzcmlen, Alfred B o n n i n, Bielefeld zum K nwart, Rabbiner Dr. Alfrt-il Philipp, Elberfeld zum Schriftleiter der Zeitschrift, Waldemar Strauß, Berlin zum Dezernenten für die soziale Kothilfe. Die Liste des Ucirates bildete den Abschluß der Vorstandswahl. Die Leitung der Wahlen lag in den bewährten Händen unser«« Freundes Dr. Walter, Berlin, der v..... Anfang der Tagung bis zu ihrem Kmlc treu ausliielt. Die Tagung - bloß mit einer I'rogrammre^le Herbert r e I s e n t Ii a I s , mit berzlielien Dniikcskundgcbungen für .len scheidenden Verbandsvorsitzenden Dr. Malm wie für den Srnfalls scheidenden Geschäftsführer Fritz -Shwarz-child, ml mit einem Dank an «las Tagc-prü.-i«lium. Ui I hr war -. als die Tagung ihr Knde fand. Der neue HaUptvorstsnd ,lier fand sieh um 11 Uhr bereits zu seiner ersten Sitzung n-ammen. um die dringendsten Verbandsaufgaben noch bis nach 1 Uhr zu besprechen. Alfred Philipp Jeremias Dramatische Dichtung von Stefan Zweig Aufgeführt am H. Juni l'SM) in München von der kün-l lerischen \iiieitsgemeinsehaft des ,1.1V. Düsseldorf. Nach Hubers Heferat auf der Münrhener Tagung erkennen vielleicht deutlicher als vorher, daß die EntdcelOk'Uf; des i linrischen Sprechens für die jüdische Jugendbewegung einem lT' wIB unbewußten — Suchen nach einer Antwort auf die Frage, wie Gemeinschaft werden könne, zu verdanken ist. Die gcincinschaftsbildenden Möglichkeiten des Spreche boren, seien -ie hoch oder niedrig zu bewerten, und mögen wir wie auch immer zum Sprechclmr als Kunstform stehen, sind von Herbert I . l-enthal vor Jahren erkannt und in <len Dienst aktiver .lngendbewegung gestellt worden. |)enu wenn irgendwo in un-erer schon begrifflich umstrittenen ..Hewegung" von Passivität und Mitlaiifertuin nicht die Hede sein kann, und wenn irgendwo gemeinsames Wollen und höchste Aktivit.it diu Tuns vorausgesetzt werden muß, dann beim chori-chen I ormen einer Dichtung. Der Sprechchor ist schlechthin daknii-tlerische Symbol des Kollektivismus. Wir kannten bereits \ on frühereu Gelegenheiten her die int sichtbarer und hörbarer innerer Kclciligung und tech- Irischer Präzision getragenen Leistungen des Düsseldorfer Sprechchores. Er hatte bisher die — musikalisch ausgedrückt konzertante Form des Sprechens gewählt, d. b. seine Auf- Hihruiigen bewahrten gewissermaßen den Stil des Oratoriums, indem mau auf die Gebärde und den szenischen Bahnen vernichtete. Da man sich wiederholt an den Waiiderchören von Stefan Zweigs „Jeremias" mit Krfolg versucht hatte, lag auch er weitere Versuch nahe, diesem grandiosen Schlußbilde die '/ ••neu des eigentlichen J e r e m i a s-Dramas vorangehen zu i issen. Für einen Kreis schauspieleri.-ch Ungeschulter junger denschen ein Wagnis! Auf der Delegiertentagung zeigten n.- die Düsseldorfer, die. Kl—."itl Mann hoch, ad hoc nach '■i liehen gekommen waren, das Krgehnis dieses Wagnisses. Ftdsoiithal, Dramaturg, Kegissour, Inspizient..Schauspieler Ihd noch verschn-denes andere in einer Person, hatte den Jeremias", der auch an Herufsbühnen nicht ohne größere Striche aufgeführt wird, in eine zweckentsprechende, auf fünf Bilder konzentrierte Forin gebracht. Franz Merz vom Bebau- :>iclhaus I Hisseldorf hatte ein den Verhältnissen der Ton- Ii illcnbühnc angepaßtes, stilvolle.- und in seiner Kinfachhcit zwingendes Hühneubild gestaltet. Die Düsseldorfer spielten i is schwierige Werk mit einer von allen Hemmungen ler ISoutine freien, wahrhaft ergreifenden Hingabe. Das Programm ■ ielt sich in uachahmenswerter Anonymität, so daß auch der Berichterstatter leider keine Namen nennen kann. Nur der Titelheld, Curt Friedman!!, schon hinsichtlich der rein | liysischen Leistung bcwiiiMlornswort, sei erwähnt. Kr war •in Prophet von großem Format und von ekstatischer He- -«'sseiihcit. — Die achte Delegiertentagung war arm an „praktischen; rgebnissen". Die wenigen Höhepunkte lösten ein Gefühl Menschlicher Verbundenheit aus, um das es sich lohnt, in München gewesen zu sein. Kiner dieser Höhepunkte war die ••Iereinias"-Aufftlhrung unserer Düsseldorfer Freunde. Die Delegierten, die Gäste dankten enthusiasmiert dem sichtlich bewegten Dichter und seinen Interpreten. I r v i n K p p 81 e I n. .Wie kann Bemelnscfiatt werden?- Referat von Dr. m artin Du bar. Heppenheim Vertreter jüdischer Jugend Deutschlands, Ihr habt mich, hierher berufen, um Kuch etwas über Kure Fragen zu sagen, eine Antwort auf Kure Fragen zu »er-uchen. wie Gemeinschaft werden könnte. Ihr habt mich nicht gerufen, um Kuch über dieses Thema eine schöne Predigt zu halten, und ich halte es mit Kabbi Uaruch, dem Knkel des liaal-ilirni, der einmal, aleln Gast ihn reden hörte und zu ihm sagte: „Itahbi, Ihr leitet so schön," antwortete: „Klier als daß ich schön redst, will ich "tumm werden". Ihr habt mich also nicht dazu berufen, sondern, wenn ich recht verstehe, dazu, damit Kuch ein Meii-<li, der um Erkenntnis, um Wahrheit-ringt, mitteile, welche harte und ob-Hl deshalb herrliche Wahrheit er auf diese Frage, wie Goineinschuft werden könne, als ulie einzige, die schwele, aber fruchtbare Autwort zu geben hat. Ich vermute, daß Ihr mit der Frage: wie kann Gemeinschaft werden, die nicht ich mir. -onclerii Ihr mir gestellt habt, Sorgen Koros Verbandes habt ausdrücken wollen, Sorgen etwa dahingehend, wie es möglich -ei, in einem Verband, der eine Mas-e darstellt, den Gemein schaltssinu. Gemeinschaftsgeist zu pflegen, dessen Wesen die \la—c zu widerstreben, der ito-r in einem kleinen geschlossenen Kreis gedeihen zu köiud-n scheint. Weiter aber eine ernste Sorge dieses Tages, in dem wir leben: wie man für Mcn-chen. die in das Getriebe der heutigen Wirtschaft, in diesen ungeheuren Apparat mit ihren Kräften, mit ihrer Zeit ein bezogen sind, die Luft echter Gemeinschaft zuführen könne, die in diesem Getriebe keinen Ort zu haben scheint. Aber mit dieser Frage, die aus aktuellen Sorgen Koros Verbandslebens hervorgegangen i.-t, habt Ihr an; eine Fragiler Welt gerührt, an eine Sehnsucht der Welt. Ja. die Well selbst hat die Sehnsucht, Gemeinschaft zu werden. Und insofern ilie Welt in der Menschheit sich sammelt und anspricht: die Menschheit, vielmehr das Mcii-clieng '-chlecht, das -ich Menschheit nennt ohne es noch zu sein, hat die Sehnsucht. Gemeinschaft zu werden. l ud zwar nicht eine Sehnsucht, die diese Welt sich erträumt hat. sondern es ist eine Sehnsuchl die wesensmäßig in sie hineingelegt. mhfipfungsnSIBig in ihr angelegt ist. Welt und Menseln ngeschlecbt sind -chöpfuiigsmäßig darauf angelegt, Geroeinsehaft zu werden. Wenn wir das große religiöse Wort, vielleicht das größte auf die Welt hinweisende Wort der Religion „lualkut -cliaina Jim: Reich des Himmels, [Reich Gottes*' nicht von oben, sondern von unten, von uns her. aus unserem Lehen fassen wollen, dann bedeutet es eben dies, daß die Welt, daß das Menschengeschlecht zu einer echten, dauernden, allumfassenden Gemeinschaft werde. So ist es der Welt und «ler Menschheit verheißen und so fühlt sie es in sich selbst als Anlage, als eine Verheißung der eigenen Seele. Aber zugleich erfährt sie, erführt die Welt, erfährt die Menschheit immer wieder. Zeitalter für Zeitalter und Stunde für Stunde, daß sie nicht Gemeinschaft wird. Ja, sie erfährt es in einer grausamen Weise je und je, wie sie nicht Gemein-i haft Werden k a n u . weil sie im 'ungeheuren Widerstreit steht, in einem einmal mehr oder weniger deutlichen, aber nie ganz aussetzenden Kampf aller gegen alle. Sie fühlt, daß sie aus sich allein die Kräfte nicht hervorbringt, die Goiuein.-chafJ aus ihr, nicht aus irgendwelchen Stücken von ihr, sondern aus ihr ganz und gar. aus dieser Gattung Mensch Gemeinschaft kneten, bilden kdlUL I'ikI verhehlen wir uns nicht die bitterste-Wahrheit es ist nicht die ganze Wahrheit, aber eine Wahrheit, die wir uns unerbittlich vergegenwärtigen müssen — es sieht *o aus. als ob die Menschheit immer weniger Gemeinschaft werden könnte. Wenn wir unter Gemeinschaft nicht Gemein schaftsgefiihl, Gemeinschaft sst iiiiiiiuiigen, sondern einende, lebende, wirkende, wirkliche Gemeinschaft verstehen, so siebt es so aus, als ob die Menschheit sie immer weniger kenne. I.'nd dieses Zeitalter, in dem wir leben, ist das, in dem das Menschengeschlecht sieb über «lies,, bitterste seiner Erfahrungen, über dieses immer Weniger, über den wachsenden Wiilor- -itreit zwischen allen hinwegtäuscht durch die Gründung VOB allerlei Sclieingeincinsnliaften, von allerlei Schcinhüud-n zwisoben den Völkern, über die Völker weg. Scheinbiinden. die. was Immer sie au Gutem mit sieh bringen, wahre Lebens gemeinschaft zu stiften nicht vermögen,.die den Widerstreit, der nicht nur an der Oberfläche, sondern auch im Kern dies Menschengeschlechts besteht, nicht zu überwinden imstande miiiI. Zu eben «ler Zi-it, in der das Men-< hengescbleeht st-dz ist, zum erstenmal in seiner Geschichte einen Völkerbund, mindestens dem Namen nach, begründet zu haben, weiß jeder, der Augen hat ZU sehen, iitnl einen Sinn -ich zu be-iiineii.