Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 4 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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einem Buch die Rede sein, das eigentlich gar kein Ehebuch ist, sondern die Selbstdarstellung eines gelebten Lebens, das eben treu den ihm gestellten Forderungen war: Josef Wittigs „Höregott" (Leopold-Klotz-Verlag, Gotha). Man weiß, Wittig war katholischer Priester und Theologieprofessor, der im dogmatischen Konflikt mit dem Papst exkommuniziert wurde und dann heiratete. Aber wie das geschah, wie hier der Widerstreit zwischen geistlichem Amt und persönlichem Wunsch ausgetragen wurde, wie auch offen zugegeben wird, daß ihm, dem ehelosen Mann, doch die Gemeinschaft der Frau notwendig war, daß in dem Wandel, der ihn schließlich von der einen zur anderen trieb, Schicksalskraft sich offenbarte, das ist unerhört groß und wahrhaftig dargestellt. Wenn aus all den Widersprüchen der erwähnten Bücher, wenn auch aus der Lebensbeichte Wittigs deutlich wird, daß sich heute kein festes Gesetz aufstellen läßt, nach dem die Ehefrage — weder zur Glückseligkeit noch im tragischen Opfer — gelöst werden kann, dann taucht schließlich doch die Fra^e auf, was nun wohl das Judentum dazu zu sagen hat. Vor Jahren haben Dr. Gustav Löffler und Dr. Hans Goslar sich verschiedentlich zu diesen Problemen geäußert; aber die Stimmung und die Situation, aus der dies geschah — es war der heroische Auftrieb und die Opferbereitschaft der Jugendbewegung —, war so gänzlich verschieden von der jetzigen, daß ihre Wünsche und Forderungen heute nicht mehr gehört werden können. Zu der Zuspitzung, wie sie die Lage der letzten acht Jahre gebracht hat, existiert auf jüdischer Seite m. W. nur eine Auseinandersetzung mit Lindseyschen Gedanken in der Zeitschrift der B'ne Brith-Logen. Doch wird hier versucht, die alten Eheideale als die besseren und wertvolleren gegenüber den Lindseyschen auszuspielen. Eine Ehrenrettung der Vergangenheit, mit der der Gegenwart nicht viel geholfen ist. Hier steht nun die Forderung vor der heutigen Generation, mit genau derselben sachlichen und menschlichen Gründlichkeit, mit der sich die besprochenen Werke um Klärung und neuen Anfang mühen, gleichfalls den ganzen Lebenskomplex nun durchzuarbeiten und durchzudenken, sich vor keiner Schwierigkeit und keiner Konsequenz zu scheuen, die auftauchen kann. Der Lebensanspruch, der da gestellt wird, kann nur im Bewußtsein letzter Verantwortlichkeit erfüllt werden. Nicht ausweichen, sondern mitten hindurch, das ist die Losung! O Tagungs-Tribüne O Lebensgestaltung - Betriebsamkeit von BecKer. Berlin Viel wird gesprochen und geschrieben vom WirtschafUk.impf und «Irr Lebensgestaltung des jungen Juden, — ja es ist den Vereinen sogar zur Pflicht gemacht worden — sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, — ..den Versuch zu machen, zu einer Klärung ZU kommen"" — sollte dies vielleicht die „Betriebsamkeit sein, die Anerkennung verdient?"' — Diese ..Betriebsamkeit"", wenn es nur eine solche wäre — wurde nicht einmal Anerkennung verdienen. Aber — trotz aller Kritik und innerhalb jeder Kritik muß gesagt werden, dafl der Verband doch etwas Positives geleistet hat und leistet, das unter den heutigen Zeitverhäitnissen wirklich Anerkennung verdient. — Die Anregung nämlich, über „Wirtschaftskampf und Lebensgestaltung" — zu sprechen, ist, was vielleicht die Provinzvereiii.• interessieren wird, perade bei uns in der Großstadt eigentümlicherweise anscheinend nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Immer wieder mußten wir die Beobachtung machen, daß bei Programmbesprechungen trotz des Hinweises auf das Pflichtthema keinerlei Interesse für derartige Besprechungen vorhanden war. Warum? Wir pflegen nicht unsere Mitglieder zu zwingen, Themen 7:1 besprechen, nach deren Aufrollung kein Bedürfnis vorliegt. Aber, wir fragen uns, warum liegt kein Bedürfnis vor? Und da kamen wir zu einer Beantwortung, die | etwas überraschend erscheint, aber doch sehr einfach An Lebensgestaltung kann unsere jüdische Stadtjugend leid' i augenblicklich gar nicht denken. Ihr Leben wird gcst.,1" von negativen Einflüssen. Einen Wirtschaftskampf kann sie auch nicht führ. , — denn — schlimmer als in irgendwelchen kleineren Ort.-, herrscht hier das Gespenst der Arbeitslosigkeit, der S Ja, es ist schon kein Gespenst mehr! Es ist Wirklich^ geworden. Viele unserer Mitglieder — und hier spielt Qualität in keiner Beziehung eine Rolle, sind arbeite Ganz schlicht arbeitslos. Sie kennen das „Stempelngeie aus eigener, trüber, bitterster Erfahrung. Sie haben nu einmal die Möglichkeit, weniger gut bezahlte Stellungen w. bekommen, trotz Tüchtigkeit und Intelligenz, und obgl sie gern jede Gelegenheit dazu ergreifen würden, weil z Maus die Eltern darauf angewiesen sind, von ihnen ante stützt zu werden — manchmal die Eltern, die durch Kru-jerleben und Inflationsverlust die Möglichkeit und Kraft i eigener Arbeit nicht mehr haben —. öfter die verwitwet . Mütter. ' Haustöchter und Söhne selbständiger Kaufleute mit gu; gehendem Geschüft, wie in der Kleinstadt, gibt es bei Uta fast gar nicht mehr! So also sehen die Jugendvereinsmitglieder der groß'": Stadt aus! Und nun werden vielleicht auch Außenstehend verstehen, warum diese Menschen sich nicht abends ui; den Tisch im Heim setzen wollen und können, um schön Worte über „Wirtschaftskampf" und Lebensgestaltung zu hören. Was einem so an der Kehle sitzt, kann man nichi besprechen! Der im Fogrom verfolgte Jude wird wohl kaun. mit seinem Nachbar über geistige Abwehr diskutieren - trotz aller jüdischen Intellektunlität. — Hier konnte nur eines in Frage kommen, das mit Interesse begrüßt ward':u würde, das war der glückliche Gedanke der Stellen Vermittlung des Verbandes. Im Anfang waren oft die Enttäuschten natürlich au. r, hiergegen mißtrauisch. Städtischer und jüdischer Arbeitnachweis und eigene Bemühungen hatten nichts geholfen - und nun sollte der Verband? Aber wir haben gesehen, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit, allerdings unter großen Schwierigkeiten und mit viel Mühe und Arbeit, doch einigen geholfen worden ist. Und es liegt an jedem einzelnen! Wir zittern um jeden einzelnen unserer Freunde, dem es schlecht geht, und wir freuen uns über jeden einzelnen, dem zur Weiterexistenz verholfen werden kann. Dann erst, wenn diese elementarste Bedingung erfüllt ist, können wir in Lebensgestaltung denken. Denn — wer kann sein Leben gestalten, wenn er Hunger hat? Das ist die erste positive Tat, die so lange gefordert, und endlich — so ganz nebenbei — ohne viel Aufhebens, getan worden ist im Verband! Diese Tat verdient wirklich Anerkennung, — aber sie ist keine „Betriebsamkeit". Nur eines fehlt noch! Das ist die Unterstützung dieser segensreichen Einrichtung von allen Vereinen und jedem einzelnen Mitglied. Jeder kann und soll helfen! Wenn jemand etwas von einer offenen Stelle hört, veranlasse er sofortige Meldung! Viele warten und viele werden ihren Freunden — bekannten und unbekannten — danken! Auch diese Hilfe ist „gesamtjüdischc" Haltung! Opposition - Opponenten?? Von Erna Kuppsnneimer, Rastatt „Es ist nicht genug, nur wahre Dinge zu sprechen: e.-> ist außerdem nötig, nicht alle die zu sagen, welche wahr sind; weil man nur die Dinge bringen soll, welche zu enthüllen nützlich sind und nicht die, welche nur verletzen, ohne etwas zu fruchten: und also wie die erste Regel ist, „mit Wahrheit zu sprechen", so ist die zweite „mit Diskretion zu sprechen", so hat einst Pascal gesagt. Ihn scheinen da weite Dinge dazu veranlaßt zu haben, Dinge, welche Frag. und Antwort, Für und Wider, pro und contra hervorriefen Welche Idee und welche Sache ist nicht bewegt und be