Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Die Verbandsleitung hat Rundbriefe über Rundbriefe an die Vereine hinausgesandt, die zu einem sehr erheblichen Teil vorzüglich gewesen sind. Die Vereine haben diese Rundbriefe mehr oder weniger benutzt. Vorträge über Vorträge sind gehalten worden, Legion Vorträge und Diskussionen — und wenn die Macht der gesprochenen und geschriebenen Worte ihrer Zahl entspräche, der Himmel wäre zur Erde herabgezwungen worden ob dieser Fülle der Worte! Doch damit nicht genug: Delegiertentagungen der Bezirks- und Landesverbände sind abgehalten worden, die „Not der tischen Jugend" und „der junge Jude im Wirtschaftsleben" id besprochen, wenn auch nicht gerade behandelt worden, rner: die Verbandsleitung hat zahllose Korrespondenzen ciührt, sie stand mit zahllosen Verbandsfreunden in brieflichem Konnex. Und der „Jugendbund", er wurde allmonatlich gedruckt. — Wenn trotz all dieser rückhaltlos anzuerkennenden Betriebsamkeit der Verbandsleitung, wenn trotz all dem Unmaß von Zeit und Kraft ein negatives Ergebnis herauskommt, so muß dies daran liegen, daß eben nicht die Quantität der geleisteten Arbeit, sondern ihre Qualität entscheidet, daß nicht der Umfang der Tätigkeit, sondern das Wie den Erfolg verbürgt. Der Verband hat sich in Dresden als das „Bataillon der Zwölftausend" präsentiert. Herbert Felsenthal hat diesen Anspruch des Verbandes, die Organisation der jungjüdischen Massen zu sein, mit den Worten ausgedrückt: „Wir haben uns freudig der Masse verpflichtet!" Nun, ich wage es an dieser Stelle festzustellen: Diese Zwölftausend existieren nicht! Mit der freudigen Verpflichtung des Verbandes ist es Essig! Wer wie ich durch die Vereine gezogen ist, wer die Menschen beisammen gesehen hat, die in ihrer Summe die Zwölftausend ausmachen, wer mit ihnen über unsere Dinge zu sprechen versucht hat: den verfolgen sie auf seinen ferneren Wegen, den lassen sie nicht los, immer, wenn er vom Verbände spricht oder denkt, grinsen sie ihn an, dieses Korps der Balbattim und Ehefrauen, die, knapp gerechnet, die Hälfte des Verbandes der jüdischen Jugendvereine, Jugendvercine!, darstellen. Und die andere Hälfte? Nun wohl, es sind Menschen, die an '.ihren jung sind, Menschen, mit denen sich etwas anfangen ließe. Aber ich rufe hier die wenigen führerischen Menschen zu Zeugen auf, ich frage die Führer der Jugendgruppen, ich frage alle jene, die mehr als ein dutzendmal verzweifelt waren über den engen Horizont, über die bourgeoise Kleinlichkeit dieser jungen Juden, ich frage: War der Verband imstande, auch nur fünfhundert, auch nur hundert von ihnen zu wirklichen Kämpfern um die Erneuerung unserer Gemeinschaft zu erziehen? Ich frage: sind unsere Methoden, sind unsere Themata imstande, junge Juden mit ewigem Feuer zu durchglühen, damit sie draußen für das Kommende zu kämpfen in der Lage seien? Gibt es auch nur hundert, auch nur fünfzig Menschen von Aktivität und Format in unserem Verband der Zwölftausend? Wer wagt es, diese Fragen zu bejahen? Aus der jüdischen Generation, der wir angehören, aus der Masse, der „wir uns freudig verpflichtet" haben, desertieren sie heute in Massen. Nach zwei Seiten hin. Es wenden sich von uns . ab die geistig bedeutenden jungen Menschen, Studenten, weil sie die Probleme, die im jüdischen Kreis in ewiger Gleichheit abgedroschen 'werden, einfach kalt lassen. Weil sie sehen, daß wir an all dem großen Geschehen der Gegenwart vorbeigehen. Weil sie andere Kreise finden, wo man ihnen auf ihre Fragen auch Antworten gibt. Nach der anderen Seite aber wendet sich von uns das Heer der „Handlungsgehilfen", um einen Typ zu wählen, die Armee der kleinen Angestellten, Bankbeamten, Reisenden, Arbeiter« diejenigen, die sich in zunehmendem Maße proletarisieren. Manchmal haben sie zwar noch das Gesicht des Kleinbürgers, aber sie haben schon die ungeistige Denkart des Proletariers. Wenn ihr zu Menschen dieser beiden Gruppen geht und sie etwa fragt: Glaubst du an Gott? Warum bist du Jude? Bist du es überhaupt? Bist du für Palästina? Nun, die Antwort, wenn sie überhaupt erfolgt, wird ein Nein sein, eine ausdrucksvolle Leere (und Lehre!). Dies aber ist die Masse! Hic Rhodus, hic salta! Und wenn der Verband, der „sich freudig der Masse verpflichtet" hat, Methoden in seiner Arbeit anwendet, die auch nicht im entferntesten auch nur einen einzigen Menschen aus einem Massenschicksal herausreißen können, dann sage ich: Weg mit j^der Fassajlenpolitik! Erkennen wir, was ist! Finden wir Wege, sprechen wir das erlösende Wort, die uns Gefolgschaft, Gefolgschaft aus der Masse, sichern! Man erwarte nicht, daß ich jetzt hier verkünden werde, welches dieser Weg, welches dieses Wort sein werden, im einzelnen sein werden. An jedem Ort und zu jeder Zeil werden sie anders sein. Aber sie werden immer ein Gemeinsames haben, ein Gemeinsames, das dem heute im Verbände herrschenden System diametral entgegengesetzt ist. Dies Gemeinsame ist die radikale Haltung. Radikal sein, in diesem Zusammenhani!, heißt nicht, utopistische oder extreme Forderungen erheben oder gar Andersdenkenden die Fensterscheiben cinhauen. Radikal sein heißt, wörtlich übersetzt, etwas von seiner Wurzel her betrachten, etwas gründlich erkennen und, wenn es verbesserungswürdig ist, es gründlich und sofort zu ändernsuchen. Heutige Jugend, die die Verlogenheit der Phrasen erkannte, heutige Jugend, die die Wertlosigkeit der dutzende Weltanschauungen und Standpunkte erfuhr, heutige Jugend läßt sich nur mit einem imponieren: Nicht aussprechen.' was sein sollte, sondern aussprechen, was ist! Nicht nur fordern, sondern auch tun! Wenn ich also verlange, daß man im Verband — und im „Jugendbund", der ja das Sprachrohr des Verbandes ist — mehr tut als in jedem Literaturverein oder Lesezirkel oder Skatklub; wenn ich verlange, daß man die Fragwürdigkeit der überkommenen Anschauungen mit aller Klarheit und Rücksichtslosigkeit herausschält, sö deshalb, weil nur solche Tätigkeit bei heutiger Jugend Interesse findet, weil nur solche Tätigkeit schlechte Zustände bessern kann. Wenn man aber von der religiösen Not der jüdischen Jugend faselt, jener Jugend, die überhaupt keine religiöse Not kennt, weil ihr alles Religiöse fremd ist, statt zu sprechen von der Not der Religion; wenn man, wie es die Verbandsleitung mir gegenüber getan hat, erklärt, der junge Mensch heute habe andere Sorgen als die um den sexuellen Fragenkreis; wenn man die ..Stellung des jungen Juden im Wirtschaftsleben" behandelt, wo man doch weiß, daß man hier gar keine Parole zu geben hat, es sei denn die des Sozialismus, die man nicht zu geben wagt, oder die ausbeuterischsten „Rette sich, wer kann", die man ebenfalls nicht zu geben wagt: so soll man sich nicht wundern, wenn die Masse nicht hört, geschweige denn kommt. Und wenn man sich in der Oeffentlichkeit benimmt wie die Deutsche Demokratische Partei — in Berlin und anderswo >ind sie für die Republik und in Stuttgart und anderswo sind sie für die Herren Bazille —, wenn man für den Palästina- Aufbau ist, und trotzdem sich schützend vor die Unterzeichner jener famosen „Erklärung" stellt: so soll man sich nicht wundern, wenn man dieselben Erfolge aulzuweisen hat, wie etwa jene Partei mit der großen Vergangenheit. Ich soll euch sagen, wie man es anders macht? Nun, was Palästina anbelangt, so habe ich in dem gemeinsam mit Jakob Jacobs vorgelegten Antrag, der ja auch noch die Münchener Tagung beschäftigen wird, gesagt, wie man etwas tun kann, statt immer nur etwas zu sagen. Ich kann aber noch andere~'Beispiele erzählen. Ich kann erzählen von dem echt gesamtjüdischen Vorgehen unserer Mainzer Freunde, die .<ich nicht gescheut haben, gegen ihren Gemeindevorstand, der sie subventioniert, in offener Wahlschlacht aufzutreten, als er einen neuen mittelalterlichen Verfassungsentwurf der Mainzer Gemeinde vorlegte. Allerdings: die Hilfe der Verbandsleitung hat man vermißt. Ich kann auch erzählen von einem Verbandsfreund in einer Gemeinde in der Nachbarschaft Frankfurts, der seinen 'Eintritt in den Gemeindevorstand davon abhängig machte, daß gleichzeitig auch ein Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft der Stadt gewählt wurde und dadurch erreichte, daß wohl der erste jüdische Fabrikarbeiter einer Gemeindevertretung angehört. Allerdings: aus dem „Jugendbund" kam ihm die Aufforderung zu solchem Tun nicht. Aber wenn der Verband nichts sein sollte als die Summe seiner Vereine, wenn er nicht dazu imstande wäre, Parolen auszugeben, Wege aufzuzeigen, Ziele zu weisen: so braucht es - ' 3-