Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Die Argumente dieser vier Hauptgruppen spiegeln sicli med in den Büchern wider, von denen zu sprechen ist. Freilich die katholische Literatur fällt ganz aus. Es gibt neuere Bücher über Sexualpädagogik (..Die geschlechtliche ■ Erziehung". Beitrüge zur Grundlegung einer gesunden Sexualpädagogik, herausgegeben von Josef Srhräteler. Pädagogischer Verlag. Düsseldorf), aber sie kranken daran, daß sie die jugendlichen Nöte und Verfehlungen 'nicht als Folgen des zusainhienenirehrochenen Eheideals -eben und im Prinzip der Willensfreiheit des jungen Menschen eine untragbare Verantwortung aufbürden. Es wird am Schluß noch einmal auf 'Itc katholischen Dinge einzugehen sein. im protestantischen Lager erregt seit etwa anderthalb Jahren ein Buch von Wilhelm Schreiner großes Aufsehen; „Wir Männer in der Ehe" (Helmut Wollermann. Verlagsbuchhandlung, VF. Maus. Braunseh weig) und ernsthafte Menschen auf dieser Seite betrachten es wie eine Selbst - anklage der Mannerwelt über ihre bisher eigensüchtig'' Haltung zur Frau. Penn hier "wird mit einem rücksichtslosen Ernst gefordert, daß die Gestaltung der Ehe vom Mann aUS nur inr Hinblick auf Leben. Lieben und Leiden der Frau geschehen dnrf. Alle Haltung, die etwas für sich haben will, und wie oft ist das heute noch der Fall, wird entschieden bekämpft und abgelehnt. Sehreiner weist mit außerordentlichem Takt hin auf alle körperlichen and seelischen Zustände der Frau und verlangt vom Mann, daß er in der ..schonenden" und „schenkenden" Liebe sich ihnen anpasse. I Dabei wird aber in keiner Weise die Ehe als der glücklich" Hafen gepriesen, wie man es manchmal hört, sondern aljenes stärkste Kampffeld, auf dem es gegen den Feind des Egoismus anzugehen gilt, auf dem letzthin nur die Vereinigung beider Gatten als eine Oewissensgenieinschaft vor Gott eine-in die Ewigkeit reichende Wurzel ist. Schreiner weiß, daß sexuelles Sichauslebon nur Seheinbefriediguhg ist. laß in dem Opfer der Treue und des Willenzum Kind."mit deinsich der Sexualtrieb auseinandersetzen muß. erst seine wahre Sinngebung liegt. End so klingt bei ihm immer wieder ils Ausgangspunkt — oder wenn man will — als Ziel seiner < iodanken der wahre Sinn der allen l'eberlieferungen von Bibel, mittelalterlicher Theologie und lutherischem Schrift f..-tum. Von anderer Seite kommt II a n s II a rt m a n n in seinem Buch ..Kirche und Sexualität — Der Wandel der Erotik' (Greifenverlag, Rudolstadt; Thür.) an die Frage heran. Ei' versucht, völlig \ oraussetzungslodie Lebensereignisse zu betrachten. Zeigt einmal historisch, worauf wir schon oben -hinwiesen, wie -ehr kirchliche Anschauung und kirchliche Praxis das Staatsrecht beeinflußt haben, und gibt, zum andern eine Zerlegung des ganzen Lebenskomplexes, um den 1 - sich immer wieder handelt, in seine Komponenten. Er spricht dabei vom Sexualkreis, Liebeskreis und Zeugungskreis oder beim Mann vom Schöpfttngskreis. Die individuelle Not jede- Mensehen kommt nun daher, daß er diese Krei-c zur Deckung bringen muß. bzw. daß sie -ich so widerstreiten, daß sie nicht zur l ebereinstimmung kommen können. Mir scheint, daß dieser Versuch Hartmanns einmal dem ganzen l'liänomen der „"Liebe" in seiner Mehrseitigkeit nachzugehen, außerordentlich wichtig ist, denn alle anderen Schriften nehmen es in Bausch und Bogen hin," sprechen über «Reformen »der lehnen sie ab. ohne jene Leben-v nrgänge selber zu analysieren. Aber es ist nicht nur eine naturwissenschaftliche Internehmung. sondern gleichzeitig auch eine ethische: denn der tragische Begriff der Konfliktsehe wird für der» Verfasser zum Angelpunkt sittlicher, d. h. verantwortungsbewußter Lebensführung gegenüber aller herkömmlichen und aller ungewohnt neuartigen Forderung. — Die Individualakt 'ließt für Hartmann zusammen mit ih r Sozialnot der heutigen \ erhultnisse, in denen er sich völlig mit der Anschauung der Sozialisten deckt und sich mit ihren Forderungen identifiziert, obwohl alle Theologie der Ehe und der Sexualität eine scharfe Kritik erfährt, kling! dennoch durch das Bud gleichsam zwischen den Zeilen eine tiefe Religiosität, ein.' Achtuiii.' vor der Schöpfung, eine Liebe zum Mitmenschen, die oft brennend heiß ihren Ausdruck findet. Das Buch liest -ich lange nicht so angenehm wie da- Schreinersche, fordert mehr Denkarbeit, ist spröder und weniger ästhetisch im Stil; es ist auch nicht in allen Partien gleichwertig, und man spürt, wo sein Verfasser noch nicht im klaren ist; abei gerade das macht vielleicht seinen aktuellen Wert aus, zeigt ilie unfertige Situation, in der wir heute stehen, in der wir nicht so rasch zu überall wirksamen Rezepten der Glückselig keit kommen wie die Amerikaner. I etzten Endes weist auch llartmann ilarauf hin. daß es in der Sexualfrage um einen Kampf geht, um den wichtigsten, wertvollsten Kampf, der dem Menschen verordnet ist. und läßt ganz deutlich hören, daß Flucht davor ein Ausweichen vor den Lebeiisproblemen ist. Nicht Genuß des einzelnen, der ist zu verurteilen, sön (lern ein Ernstnehmen dessen, was Natur und Schöpfung vom Menschen wollen, gerade wenn es durch Leiden und ungeklärte Situationen geht. Träger und Verantworter einer Zukunft zu sein, dazu wird aufgerufen. Wieder von ganz anderen Voraussetzungen aus betrachtet Marianne Weber, die geistreiche Führerin der bürgerlichen Frauenbewegung ..Die Idee der Ehe und die Ehescheidung" (Frankfurter Societätsdruckerei, Abteilung Buch verlag. Frankfurt) in ihrer kleinen Broschüre. Sie ist der Ansicht, daß Ehe in dem Moment in der Entwicklung der Geschichte der Menschheit auftrat, als die Familie der Frau =ie vor dem Mann, dessen Eigentum sie durch Verheiratung wurde, durch bestimmte Kautelen schützte: sie war nicht mehr rechtsloses Eigentum. Nun wird die Wandlung diese- Ehe zifr Einehe und zur betont christlich-asketischen Ehe biznm 18. Jahrhundert hin verfolgt, der Freiheitsdrang der Idealisten, die letzthin aber doch Unterwerfung der Frau fordern, wird gestreift, ebenso das patriarchalische Natur recht des Staates, den Sinn der Ehe und der heutigen Situation ZU erörtern. Liebeserleben drängt zur Dauer, weil alle Lust Ewigkeit will im tiefsten geistigen Siim erotischen Erlebens und will immer mehr Vertiefung, die zum Kind, zur Familie und der mit ihr gesetzten Verantwortlichkeit zielt. Von da aus begründet auch ein nicht dogmatisch gebundener Mensch, wie M. Weber, das grundsätzliche Unauflöslichkeit-- |irinzip der Ehe. Aber da Ehe letzthin Wagnis ist und kein Mensch weiß, wie weit sein Wille zur Dauer der Liebe«- gemeinschaft reicht, so muß doch wieder die gesetzliche Möglichkeit der Scheidung gegeben werden. So endet die Schrift in einer Reihe praktischer Vorschlage zur Scheidungsreform. die die Fortführung einer sinnlos gewordenen, mitunter haßerfüllten Bindung zweier Menschen aufheben will, aber doch vor allem Frau und Kindern als den wirtschaftlich und lehensmäßic schwächeren Teilen eine unbedingte Sicherun:-' geben will. (Fortsetzung folgt.) O Tagungs-Tribüne O Unterbilanz! Uon Ernst Holzer. Frankfurt a. m. Von Düsseldorf 1926 bis Dresden 1928 führl eine steil auf steigende Linie. Von Dresden 1928 bis heute führt eine steil absteigende Linie. Hatte in Dresden die jüdische Öffentlichkeit, hatten wir selbst erkannt, daß der Verband für die Zu kunft der deutschen Judenheit eine Chance bedeutet, so erkennen wir heute, daß diese Chance in den zwei Jahren sei Dresden nicht genutzt worden ist. Wir erkennen heute, dal das;>roße Kapital an Arbeitsfreude und Energie, an Vertrauei und Hoffnung, das man uns entgegenbrachte, umsonst vertan ist. Wir erkennen heute, daß die Tätigkeit des Verbändemit einer Unterbilanz abschließt. Weil ich und mit mir zahl reiche Verbandsfreunde im Reich, die zur heutigen Verband, leitung in Opposition stehen, glauben, daß diese Dauerkrise des Verbandes keine Krise des Verbandsgedankens oder de «jesamtjüdischen Idee, sondern nur eine Krise der Verbands leitung ist, deshalb sei hier versucht, die Verlustquellen auf zuzeigen, die zu dieser Unterbilanz führten. Nehmen wir es vorweg: die Menschen, die seit zwei Jahreden Verband führen, haben ihre ganze Arbeitskraft eingesetzt