Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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hätte er in vielem recht, so sind wir aber eine Organisation, die ihr Ziel in einer Erfassung der Masse sieht; und so ist auch seine Kritik in vielem falsch, zum mindesten aber schief. Es ist natürlich außerordentlich einfach, der Verbandsleitung die Schuld zuzuschieben. Schließlich aber darf man nicht vergessen, daß die Verbandsleitung nur die Linie einer Arbeit geben kann, nur die Anregung eines Schaffens vermitteln kann, niemals aber dies Schaffen selber sein kann. Dies Schaffen muß sich ergeben im Zusammenschaffen der Menschen mit dieser Leitung, dies Schaffen muß sich also aufhauen können auf einer Gegenseitigkeit der Menschen im Ver- .md und seiner Leitung. Daß gerade die Opposition es verhmäht hat mit der Leitung zu arbeiten, obwohl sie in >resden Wert darauf gelegt hat, einen ihrer Vertreter in den Vorstand zu bekommen, spricht nicht gerade für sie. Was hat die Verbandsleitung verbrochen? Jakob Jacobs gibt in einer reichlich großmütig anmutenden Geste zu. daß iliese Verbandsleitung eine Betriebsamkeit entfaltet hat, die Anerkennung verdiene". Nun, wenn man gerecht sein will — und wer von uns wollte das nicht sein? — dann muß man zugeben, daß diese Verbandsleitung ehrlich versucht hat. rrehr zu tun als nur Betrieb zu machen. Es handelt sich doch bei uns darum, die Masse der in Deutschland lebenden jungen Juden möglichst intensiv zu erfassen und diese jungen Menschen wiederzugewinnen für das Judentum. Man hat in Seesen auf der Tagung des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände mit Recht darauf hingewiesen, daß der Vorstand hier gegenüber den anderen jüdischen Jugendorganisationen eine besondere Stellung schon allein deshalb einnimmt, weil er dank seiner besonderen menschlichen Situation in der Lage ist. •\n Menschen heranzukommen, zu denen eine andere Organisation nicht herankommen kann, eben an die Menschen, die man gemeinhin als ..Masse" anzusprechen pflegt. Und wenn man erkannt hat, daß diese Masse die Aufgabe des Verbandes ist. dann heißt es um diese Menschen zu kämpfen und zu ringen, dies um so mehr, als sie die höchste Aufgabe in dem Sinn erscheint, den man gemeinhin als den gesamtjüdischen bezeichnet. Und von dieser Haltung aus und nur von dieser Haltung aus kann man den Maßstab gewinnen, den man anlegen kann, wenn man den Verband in seiner heutigen Situation beurteilt. Gewiß, wenn ich mich ernstlich prüfe, bin ich auch nicht in allem mit dem gegenwärtigen Verband restlos zufrieden, auch ich könnte mir manches anders und besser Vorstellen, aber ich bin ehrlich genug, die Zeit- und Menschgebundenheit einer Sache zu prüfen, ehe ich verwerfe Und schließlich — das mag nebenbei erwähnt werden, — darf man nicht vergessen, d-^ß wohl kaum eine Verbandsleilung zuvor so unter dem Druck einer finanziellen Notlage gestanden hat, wie gerade diese. Und ich muß da jeden einzelnen Vereinsvorsitzenden mitschuldig nnsnrechen. der durch seine Nachlässigkeit in den Beitragszahlungen diese Notlage mitverschuldet hat. Denn — ich habe durch meine Tätigkeit in der Finanzkommission hier den notwendigen Einblick bekommen — wenn eine Verbandsleitung gezwungen ist, manchmal auch dort zu sparen, wo eine Sparsamkeit nicht mehr im Verbandsinteresse möglich wäre, dann muß sich daraus eine außerordentliche Hemmung in der "Arbeits- und Entschlußfreudigkeit einstellen. Trotzdem ist der Vorwurf, den Jakob Jacobs der Verbandsleitung in der Frage der Agency macht, die Leitung habe i-ine schwankende Haltung eingenommen, zum mindesten übertrieben. Denn schon die Hainaktion, die die Verbandsleitung unternommen hat, ist der beste Gegenbeweis. Fs ist für mich durchaus bezeichnend, daß J. J. davon in seinen Angriffen kein Wort sagt, ebenso wie "es für mich bezeichnend ist, daß gerade sein Verein sich in keiner Weise an dieser Aktion aktiv beteiligt hat. Wer die Widerstände, die sich der Verbandsleitung gerade wegen dieser Aktion in den Weg stellten, kennt, der weiß auch, daß der Verband hier nicht nur keine schwankende Haltung eingenommen, sondern eine ganz ordentliche Portion Rückgrat bewiesen hat. Gewiß, es ist so, daß die Verbandsleitung außer ihrem Beitritt zum Initiativkomitee der Jewish Agency in dieser Richtung nicht viel mehr getan hat. Aber, was hätte sie denn sonst tun können? Es war vielleicht ein taktischer Fehler, den Artikel von Simonsohn, Bernburg, zu veröffentlichen, denn nachdem die Verbandsleitung sich nun einmal für die Agency entschieden hat, mag eine derartige Diskussion — zum mindesten in dieser Form — überflüssig erscheinen. Aber wenn man bedenkt, daß man mit einem Verschweigen die Gegner der Agency in. unseren Reihen nicht mundtot macht, dann kann man auch die Stellung einer verantwortungsbewußten Verbandsleitung begreifen, die versucht, hier jetzt schon im Hinblick auf die Münchener Tagung klärend zu wirken. Darüber hinaus aber bin ich der Ansicht, daß der Verband solange nichts in der Frage der Agency tun kann, als nicht die Agency selber eine größere Aktivität entfaltet. Fs soll an dieser Stelle einmal offen gesagt sein, daß die Agency in ihrer gegenwärtigen Gestalt trotz des berühmten „Fifty-Fifty-Prinzipes" ihre Aufgabe als überparteiliche" 1 Zusammenfassung aller Freunde des Palästinaaufbaues nach keineswegs erfüllt hat. Es wäre vielleicht die Aufgabe des Verbandes, alle diese Menschen, die zur Agncy in dieser überparteilichen Weise positiv stehen, zusammnzufassen, und so zu versuchen, die Agency aus dem Fahrwasser einer Scheinneutralitäl herauszuziehen, in eine wirklich alljüdische Atmosphäre hinein, in der man von Partei und Parleipolitik nichts weiß und einzig und allein die kulturelle Seite der Angelegenheit, den Aufbau des jüdischen Palästina als maßgebend betrachtet. Nur dann könnte man dem Verband einen Vorwurf machen, wenn er einem Versuch dieser Art aus dem Wege ginge, anstatt ihn weitestgehend zu stützen. Es mag hier auch kurz die Angelegenheit wegen der „Erklärung der Deutschen Juden" erwähnt werden. Es ist oben gesagt worden, daß der Verband von sich aus die Linie der Arbeit bestimmt. Keineswegs ist es aber seine Sache, die Gewissensentscheidung des einzelnen zu bestimmen. Wir waren bisher stark genug, auch Gegner ertragen zu können. Schließlich muß beiperkt werden, daß die drei Unterzeichner der Erklärung, die im Verbände stehen, in keinem Falle Menschen sind, die seine Arbeit beeinflußt haben. Keiner von ihnen steht in vorderster Linie und keiner hat die Richtung des Verbandes wesentlich beeinflussen können. Aus diesen Gründen erübrigt sich auch eine Maßregelung, die. das mag nebenbei erwähnt werden, auch rein satzungsgemäß gaj nicht vertretbar wäre. Jakob Jacobs wirft der Verbandsleitung noch vor, sie hätte es nicht verstanden, dem Verband eine klare politische Linie zu geben. Gewiß, es muß zugegeben werden, daß eine klar herausgearbeitete Verbandsidee fehlt. Aber ich bin noch immer der Ansicht, daß eine Idee nicht von außen her aufgezwungen werden kann. Sie muß vielmehr von innen organisch herauswachsen und sich herauskristallisieren. Und es kann mit gewisser Freude festgestellt werden, daß es zu dämmern beginnt unter der deutchen Judenheit unserer Tage, daß sie beginnt zu verstehen, daß das, was wir gesamtjüdisches Denken und Handeln nennen, mehr ist als sie bisher zuzugeben geneigt war, zum mindesten mehr als jede Parteidoktrin. Es ist das merkwürdige und außerordentlich wertvolle an dieser gesamtjüdischen Haltung, daß sie sich nicht in einem Programm manifestiert daß sie sich vielmehr in Entscheidungen dokumentiert und daß sie deshalb weniger Doktrin, als Handeln ist. Wenn wir vom gesamtjiidischen Standpunkt erkannt haben, daß unsere [ Aufgabe im Verband die Masse und ihre Erfassung ist. dann wird man versuchen müssen, in dieser Richtung das Menschenmöglichste zu erreichen, dann wird diese Aufgabe die Arbeit weitestgehend beeinflussen. Dabei muß oberster Grundsatz sein und bleiben, daß der Kontakt mit diesen Menschen immer mehr gefestigt wird und nicht verloren geht, denn sonst ist alles verloren. Wie das anderswo ist, weiß ich nicht, aber wir hier im Rheinland haben darnach von je unsere Arbeil eingerichtet. Ich weiß auch nicht, nach welchen Grundsätzen J. J. die Vereine beurteilt, aber wenn er _ wie er es scheinbar tut — den Maßstab der Intellektualität anlegt, dann werden wir hier wohl sehr schlecht zensiert werden. Ich wiederhole hier noch einmal das, was ich J. J bei seiner Anwesenheit in Duisburg gesagt habe: Er mag uns für „verlorene Schafe" oder sogar für dumm halten, wir haben nun einmal unsere Ansicht vom Verband und seiner " J* 3