Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492456-6352311-6352563--0900-4929048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kompliziertheit unserer heutigen Lage manchen Aufschluß zu geben vermag. Wenn wir uns so, ohne jede W ertbetonung das \X erden der jetzigen W irtschaftsorganisation vor Augen gefuhrt haben, so können wir getrost daran gehen, die mächtigen Gegenbewegungen aufzuzeigen, die diesem System der Wirtschaft den Kampf angesagt haben. Wir können dazu übergehen, festzustellen, welche Erfolge die Kräfte dieser Gegenbewegungen schon im Rahmen dieses Wirtschaftssystems errungen haben. Wir kommen allmählich zur Kenntnis und Erkenntnis des Ortes, an dem wir heute stehen. Damit sind wir beim heutigen W irtschaitskampf angelangt.- ohne etwas über die Gestaltung unseres Lebens ausgesagt zu haben. Dies ist - und das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden — ein lußerordentlich Schwieriges. So viel steht fest, daß die B eitlen vrn uns in einer Weise erzogen worden sind, die wir den bürgerlichen Lebensstil zu nennen gewohnt sind. W eiterhin steht fest, daß es den meisten von uns nicht möglich «■ein wird, bei diesem Lebensstil weiterzuleben, ohne wirtschaftlich zugrundezugehen. Es fragt sich, was sollen wir hier tun? Mit Schlagworten, wie Einfachheit der Lebensführung und, Bescheidenheit M es nicht getan. Es gilt — und dies ist die eigentliche Aufgabe dieses Themas — in gemeinsamem Nachdenken und Ringen eine Antwort auf diese Frage zu findend Sie muß in den einzelnen Bünden so gründlich durchdiskutiert werden, daß wir in München zu einer fruchtbaren Debatte über die Frage kommen: denn es geht nicht an, daß auf einer solchen Tagung in der Aussprache über das geredet wird, was der Augenblick eingibt, sondern was wohl überlegt und gut durchdacht ist. Wir wollen uns in München mit den Fragen auseinandersetzen, die uns zuinnerst angehen. W ir wollen nicht Worte machen. Das ist der Sinn unseres W interthemas: Arbeit an uns selbst. Arbeit für den Bund. Arbeit an der .lugend. Arbeit an der jüdischen Jugend. O Tagungs-Tribüne O Entwicklung oder Rückschritt? uon Kurt von Jewish Agency (J. A.j ist ein Prüfstein unseres Verbandsij'.-w issens geworden. Der kommende Delegiertentag wird zu entscheiden haben, ob der von der neuen Führergeneration eingeschlagene Weg der richtige ist oder nicht. Es soll in diesen Zeilen der Nachweis versucht werden, daß der Beitritt des Verbandes zur J. A. der gesamtjüdischen Haltung unseres Verbandes entspricht. Eine Betrachtung von irgendeinem weltanschaulichen Gesichtspunkt hat hier auszuscheiden: Veri sser stellt sich auf den Boden des Verbandes. Auszugehen ist von der Natur der J. A. Dr. Kanowitz hat bereits ausführlich die Entstehungsgeschichte der J. A. in unsern Blättern dargestellt. Die J. A. hat die einzigartige Möglich! eit geschaffen, Juden aller Richtungen zu einer Tatgemeinschaft zu vereinigen: Namhafte Nichtzionisten haben durch ihren Eintritt in die J. A. den Willen bekundet, mitverintwortlich für den Aufbau Palästinas zu sein. Damit unterstützen sie zweifellos das Werk der" nationaljüdischen Kenaissjncebewegung. Die Verfassung der J. A. legt auch in ihrer Präambel die nationalen Grundprinzipien der Aufbauarbeit fest. Sie hat auf der Grundlage des Baseler Programms und des vom Völkerbund dem englischen Reiche übertragenen Mandates zu beruhen. Unwillkürlich fragen sich die in unserem \ erbande befindlichen Nichtzionisten, warum Leute ihrer Gesinnurg. Menschen, die z. B. dem Zentralverein angehören, den Beitritt zur J. A. vollziehen konnten. Bei diesen Menschen kehrt in ihren Aeußerungen immer ein Gedankengang wieder: .Der Pala\*linaaufbau darf nicht eine Aufgabe lediglich der Z.ionislen sein, sondern, cfa dort etwas geschaffen wird, was für das gesamte Judentum von grolier Bedeutung ist. verdient dieses Werk die Unterstützung aller Juden." (Brodnitz.) Die zionistische Bewegung hat immer wieder betont, daß sie Palästina für das gesamte jüdische Volk aufbaue und daß sie ille diejenigen Menschen, denen der Aufbau irgend etwas be- 2 deutet zur Mitarbeit heranziehen wolle. Es ist allerdings ungemein schwierig, sich in den Gedankengang der Palästinafreunde, die für ihre eigene Person die Lösung der Juden ,e in der Assimilation sehen, hineinzudenken. Aber r ,e Menschen sagen sich: „Wir haben eingesehen, daß in Palistiu ein Werk begonnen wird, das vor hohem Idealismus getr n wird, daß dort em neuartiges jüdisches Gemeinschafts', n entsteht, daß dort für das Judentum bleibende Werte und i n neuer Typ des jüdischen Menschen geschaffen werden. r können uns zwar personlich aus mancherlei Bindungen flicht zu diesem W erk bekennen, indem wir selbst hinübergehen : durch unserer Hände Werk den Aufbau unterstützen, aber r sehen ein, daß das. was dort geschieht, von uns wenigste--., mit unserem Gelde unterstützt werden muß." Es erhebt sich nun die Frage, ob der Verband als solc! et ahnlich argumentieren kann. Bevor diese Frage beantwoi! werden kann, muß darauf eingegangen werden, was das Wes-.n des Verbandes heute ausmacht. Die Entwicklung unserer Idee hat in den letzten Jahren einen mutigen Schritt vorwärts getan. Wir betrachten unsern Verband nicht mehr als ein Sammelbecken von Juden verschiedenster Parteirichtunge 1. sondern wir bekennen uns zum Gesamtjudentum. Wir fühhr uns verbunden mit allen Juden in der Welt. Wir haben erkannt, daß die Juden eine gemeinsame Geschiente gehabt und .-in gemeinsames Schicksal haben. Wir fühlen, daß eine Blut gemeinschaft zwischen allen Juden besteht. Das hat natürlich mit dem Irrglauben, daß wir etwa noch reinrassig seit: gar nichts gemein. Auch ist damit keineswegs anerkannt, da:( wir Juden in der ganzen Welt eine einheitliche Nation bildeten Damit wird aber zugegeben, daß unter den Juden Bindungen bestehen, die weit über die religiöse hinausgehen und fast an die volksmäßige heranreichen. Sogar Ludwig Holländer h : das ebenfalls in seinerletzten Broschüre „Gesinnungs- oder Abwehrverein*' anerkannt. Unser Verband gibt damit zu erkennen, daß er sich mit aller Macht gegen jegliche assimilatorische Tendenz wehrt. Er sieht den großen Zusammenhang mit dem Gesamtjudentum und setzt sich für alle Autgaben, die dem Wohle des gesamten Judentums dienen, ein Es soll auch hier offen ausgesprochen werden, daß das Bekenntnis zu diesem oben formulierten Gesamtjudentum keineswegs ein verstecktes Bekenntnis zur zionistischen Idee bedeutet. Um diesem Irrtum vorzubeugen, sei ganz klar gesagt ..Der Zionist sieht in dem Aufbau Palästinas die einzig artige Lösung der Judenfrage. Für ihn ist der Aufbau eine entscheidende Tatsache. Sein Bekenntnis zum Nationaljudentum bedeutet, daß er alle Fragen des Lebens von seinen nationaljüdischen Standpunkt aus betrachtet." Die Entscheidung, ob unser Verband den Beitritt zur J. A billigt, dürfte nach der voraufgegangenen Analyse des J.-A.-Gedankens und der gesamtjüdischen Idee leicht sein. Da wir unin den Rahmen des Gesamtjudentums hineinstellen und alk Bewegungen unterstützen, die sich für die Erhaltung de¬ Judentums einsetzen, so k innen wir, ohne unser Gewissen zi beunruhigen, den Aufbau Palästinas zu unserer eigenen Sache machen. Wir jungen Menschen sollten Ernst machen mit unsern W'orten und nicht soviel über gesamtjüdische Haltung reden, sondern sollten die Gelegenheit, unsere gesamtjüdische Haltung durch die Tat zu beweisen, nicht ungenützt vorüber gehen lassen. Den Schritt, den der Gesamtvorstand neuerdings in vollkommener Uebereinstimmung aller seiner Mitglieder gebilligt hat, können wir nicht wieder zurückgehen Er war ein mutiger Schritt und unserer Entwicklung und unserer Verbandsidee gemäß. Sinnvolle Opposition uon Fritz Reinhard. Duisburg. Kritik ist notwendig, aber sie verliert ihren Wert und ihren Sinn, wenn sie aufhört in sich den Willen und den Weg zum Besseren zu bergen. Deshalb erscheint auch die Kritik von Jakob Jacobs, Frankfurt, unsachlich. Nicht nur weil er es verschmäht uns Wege zum Besseren zu zeigen, sondern weil er an die Dinge einen Maßstab anlegt, der ihnen heute noch nicht zusteht. Wären wir eine Jugendbewegung, dann