Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1930-01-10 · 1 (10.1.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
16 (1930)
Issue
1 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352311-6352562--0891-4929040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seine persönliche Entscheidung in Fragen strittiger Natur aus dem Neutralitätsprinzip lassen müsse. de J o n g e : Wir haben zu unterscheiden, wo wir stehen und wohin wir wollen. Wir kommen alle vom Kleinbürgertum: aber es wird sich nicht vermeiden lassen, daß bei den derzeitigen Wirtschaftsverhältnissen unser Kleinbürgertum immer mehr proletarisiert wird. Es ist nicht zu übersehen, daß in unserem Verband bereits auch schon eine geistige Proletarisierung eingesetzt hat. Die Gefahr einer allgemeinen Ver- Üachung ist damit gegeben. Das Wirtschaftsleben absorbier', unsere Menschen vollständig, wenn es uns nicht gelingt, unserer, Freunden im Verband einen Halt zu geben. L nsere Aufgebe ist es. in diesen Menschen Jüdisches hochzuhalten. Jüdisch-Religiöses, Nationales. Geistiges. Der Verband stellt so eine voraussichtlich langdauernde Diskussion junger deutscher Juden dar, die sich in Galuth zu konsolidieren haben. Diese »chwere Arbeit der Einung der deutschen Juden ist die L rauigabe unseres Verbandes. Gewiß müssen wir auch Zedokoh, wie -Dr. Lö:iler gesag: hat. üben, aber Zedokoh nicht nur im Sinne von Gerechtigkeit, sondern vor allem im Sinne des Mit-Leidens. Nicht so sehr Mitleid als Mitleiden aus Gründen einer inneren Gerechtigkeit ist damit gemeint. Aufgabe der Führer i-t •-. sich in jeden einzelnen, der zu ' im.- gehört, zu verdenken. n einzelnen aus seinen Elementen aufzubauen zu seinem RanJ. Daß wir nicht allzuviele Führer in diesem Sinne haben, und daß wir gleich den übrigen Bünden einen großen Mangel an geeignetem Führernachwuchs feststellen müssen, das macht die Kris;s dieser Stunde aus. Entweder es gelingt uns, diesen Mangel zu beheben, oder wir werden es erleben müssen, daß viele aus unseren Reihen zur Sozialistischen Jugend abwandern. Elsbeth Cape 11: Bei der bisherigen Diskussion sind die Jung^ruppen viel zu wenig berücksichtigt worden. Ich habe 'Ii..- l"eberzeugunjr; daß dies da* Hauptproblem in unserer Situation ist: einen Kreis dieser jungen Menschen aus. ganz Deutschland zusammenzurufen, um ihnen in Schulungskursen das nötige Rüstzeug zu.geben, damit sie nicht nur Fuhrer ihrer Iirnggrupien sind, sondern später auch die Führung der Verein« übernehmen können. Mit mir ist eine Anzahl junger I iihrei r r,! eberzeugunsr. daß ■[• r Verbind ••inen aus- - Mai:gebenden Erzlehung-faktor für die ii.di-ihe Jugend in Deutschland darstellt. l'a!> diese Jugend •!• n Verband in ^•■im.r* heutigen Form nicht akzeptieren kann, i-t vtr- -tändlich. Nur wenn ••- diest-r neuen (ienerati-.n jMiiisrt.- den Verband in ihrem 1 •••i-t zu formen, wird <li-- Fraire des Fnbrernaehwuches gelöst werden können. Aus d:esem Grunde habe ich mich entschlossen, dert von Herbert Felser.thal in Dresden propagierten Gedanken der Schaltung einer Gilde aufzugreifen. Die Gilde soll eine Avantgarde des V erbandsgedankens in unserer Mitte werden. Die G.lde setzt voraus, daß die Menschen, die ihr angehören, hundertprozentig verbandstreu sind, und daß sie die Verbandsidee, die schöpferische Neutralität, hundertprozentig für sich anerkennen." Ich bin bereits mit sieben jungen Menschen in nähere Fühlung hinsichtlich der Ausgestaltung der Gilde getreten. Es ist gedacht, diesen Kreis durch Hereinnahme von geeigneten' Menschen aus dem ganzen Reich zu vergrößern. Elsbeth Capell teilt zum Schlüsse mit. daß die Gründung der C.!de bereits vollzogen sei und daß man beabsichtige, Weihnachten ein Meeting'in Düsseldorf abzuhalten. Lehmann: Noch schlimmer als die finanzielle erscheint mir die seelische Not des Verbandes. Ich bezweifle, daß in der leatigen Zeit der Verband imstande ist, dem jungen Menschen eine einheitliche Form seiner Leoensgestaltung zu bieten Gerechtigkeit, Einheit und Tat sind gewiß erstrebenswerte Ideale, aber sie reichen nicht aus. dem jungen Menschen Antwort zu geben auf die konkreten Fragen des täglichen Lebens. Darum dürfte die erzieherische Einwirkung des Verbandes auf se:ne Mitglieder im Augenblick sehr gering sein. Friedberg, Eppstein. Tschorknicki, Löwe n s t ein, Lazarus machen ergänzende Ausführungen h.nsichtlich ihrer Erfahrungen aus dem Bereich der innen- und außenpolitischen Situation. •Felsenthal: Man hat gesagt, daß das einzig Erfreuliche in der heutigen Jugendarbeit die Erfolge von Kadimah und Aclterenbund der Kameraden sind. Das mag richtig sein. Aber man darf nicht vergessen, daß beide -3ünde in der letzten Zeit nichts anderes getan haben, als das. was der Verband schon seit Jahren tut. Sie sind die Erben der Verbands- :\:hrer, die sich bei der Arbeit mit der Masse aufgerieben haben. Wie kommt es, daß wir nicht in der Lage sind, die neuen Menschen vollständig zu erfassen? Das liegt darar. daß auf fast allen Posten im Verband Menschen stehen, die durch ihre starke Inanspruchnahme zermürbt sind. Zudem ist es so. daß die Führerschicht unserer Junggruppen noch nicht so stark ist. um über ihren eigenen Kreis hinaus wirksam werden zu kor.nen. Es ist klar, daß Menschen, die mit der Masse arbeiten ,anz anders verbraucht werden als solche, die immer nur im gleichartigen Kreis stehen. Für die Führer des Verbandes is! die Arbeit oft durch Monate ein ständiges Geben und kein Empfangen. Es wären also Maßnahmen zu treffen, für die Verantwortrieben im Verband ein (in iniuni zu schaffen; indem sie gegenseitig geben und nehmen können. Deshalb habe ich in Dresden die Schaffung der drei Krebse gefordert, Die Gilde .'.•II ein Führernachwuchsinstrument der Verbandsleitun. werden. Es ist nicht wahr, daß die Wirtschaftskrise die Arbeitsfreudigkeit unserer jungen Mitglieder lähmt und hemm', im Gegenteil. Es kommt überhaupt nicht auf das geistige Nivea.i der Masse, sondern auf ihre menschliche Haltung an. Desha'l jst es unsere Aufgabe, eine einheitliche' geistige und menschliche Haltung unter den Führern und denjenigen, die Führer werden wollen, zu schaffen. Hahn Schlußwort): Es ist gewiß bedauerlich, daß die Finanzlage in unseren heutigen Erörterungen einen so breiten Raum eingenommen hat. aber diese Tatsache ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Ich gebe gern zu, daß frühere Vorstandssitzungen oit eine größere Befriedigung bei den Teilnehmern auslösten, einmal weil die persönlichen Reibungen auf Grund der inneren Lebereinstimmung der Vorstandsmitglieder so gut wie ausgeschaltet waren, und dann, weil es meist rein geistige Fragen waren, die uns auf solchen Tagungen beschäftigten. Wir würden aber die Zeichen unserer Zeit schlecht verstehen, wenn wir * 1 j• - schweren Existenzfragen des großen Teils unserer .Hitglieder nicht zu den unseren machen würden. Ich bedauere deshalb die Kritik, die bei der heutigen Sitzung an der Arbeit der Verbandsleitung geübt worden ist, keineswegs. Sie soll uns Beweis dafür sein, daß wir in dieser schweren Zeit nur durch offene Aussprache und einheitliches Zusammenwirken unsere verantwortungsvolle Arbeit leisten können. Folgende Resolution wird darauf einstimmig angenommen: Resolution Philipp: „Der Verbandsvorstand billigt die Maßnahmen der Verbar.dsleitung innerhalb der Jewish Agency. Er erwartet von der Verbandsleitung, daß sie sich für die Bestrebungen einsetzt, die den neutralen Charakter des Palästina-Aufbaues immer stärker in Erscheinung treten lassen. I -r Verbandsvörefand erwartet) daß auf diese Weise die innerj Alm he Befriedung in Deutschland am ehesten herbeigeführt und die friedliche Besiedlung Palästinas gewährleistet wird.. Der Verbandsvorstand betrachtet es als eine Selbstverständlichkeit, daß auf dieser Grundlage die Verbandsvereine tätigen Anteil an den Arbeiten des neutralen Aufbauwerkes nehmen." Der Antrag» Raphael betr. Dezernatseinteilung wird bis zur Münchener Tagung zurückgestellt. Hahn beantragt die Einsetzung einer Satzungskommission. Aur^abe dieser Kommission soll es sein, die Statuten zu überprüfen und vor der Münchener Delegiertentagung- Bericht zu erstatten. Der Antrag wird angenommen. Lehmann wird zum Vorsitzenden, Einstein. Hagelberg und de Jonge werden zu Mitgliedern dieser Kommission einstimmig gewählt. Die Kommission hat das Recht der Kooptation. Antrag Capell — Lehmann: Für das erste Meeting der Gilde bewilligt der Verbaiiil-\••i-taml 1000 Mark. Der Antrag wird angenommen. Hahn gibt bekannt, daß er in München den Vorsitz des \erbandes auf keinen Fall mehr übernehmen könne. Er umreißt sodann das von der Verbandsleitung vorläufig in Aussicht genommene Programm für die Münchener Pfingsttagung. Es ist beabsichtigt, die Probleme, die sich um das Verbandsthema: ..W rtschaft-kamj.f und L. h. n^g. Maltung des juniren Juden" gruppieren, in München auf Grund der Arbeiten und Erfahrungen des letzten Winters einer Klärung entgegenzuführen. Am ersten Tag soll vormittags eine Kundgebung stattfinden, in der von hoher Warte zu den Grundfragen des Themas Stellung genommen werden soll. Nachmittags sollen Spezialgebiete von jugendlichen Verbandsfreunden behandelt werden Anschließend Diskussion über das Verbandsthema. Am Morgen des zweiten Tages soll die geschlossene Delegiertentagung stattfinden, eingeleitet durch den Geschäftsbericht des geschäftsführenden Vorsitzenden. Darauf Generaldiskussion und Wahlen. 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.