Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 11 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Fazit von JaKoD Jacobs 7.u dem von Ernst Glncser herausgegebenen Querschnitt durch die deutsche Publizistik. L Der Augenblick, als Guienberg die Kunst erfand Lettern anoinandeizureihen, um sie mit Hilfe von Farbe zu vervieli'äitigen, schul eine neue Macht: die Presse. Presse ist die Summe der erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften. Presse ist aber auch der Ausdruck der hinter den Publikationen stehenden Meinungen und ihres politischen -Willens. Aus den Blättern zur Mitteilung lokakr Nachrichten und Lntei bringung von Faniilienanzeigen, hat sich das weitverzweigte Netz der Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Zeitsehniien entwickelt, das alle Gruppen, die politische und wirtschaftliche Macht besitzen oder erstreben, als Werkzeug be nutzen, das heute zu einem wesentlichen Teil das Gesicht der öffentlichen Meinung ausmacht. ist jemand phantastisch genug sich den ganzen Betrieb i Pn ,-.-e aus dein Leben der Gesellschaften iiinwegzudenken, su besitzt er auch eine Yoistellung davon, wie die Stimmung tjei \ olker bei dem Beginn des Weltkrieges im Phantom des pressclosen zwanzigstes Jalirhunderts ausgesehen haben würde, und er kann sich eine Vorstellung davon machen, M eiche politischen Konsieilationcn herrschen würden, wenn es nur eine Presse gäbe, die dem Fortschi itt und der Aufu a i t.~-Kntwicklung der Menschheit dieut. Jede Interessengruppe hat ihre Presse, jede Partei ihre gedruckten Sprachlehre, die große Industrie ihre Werkszeitungen, um den „Wirtschaflsirieden" in unfriedlicher Gesellschaft auf die für die Macht Besitzenden angenehmste Weise, und das heißt in die Tagess*pracbe übersetzt, billigste Weise zu vollenden. Daneben, oder besser darüber, gibt es in Deutschland eine groie Presse, die das Unheimliche veimoclit hat, sich unaV c.niL'ig zu halten. Zu ihren würdigsten Vertretern gehört die frankfurter Zeitung'*. Andere große Blatte.- können wenig- .-ieus einige bedeutende Kessorts ihrer Druckwerke unabhängig gestalten, besonders das in seiner Wesentlichkeif nicht genügend beachtete Feuilleton. Das, was „über dem Strich" steht, setzt sich aus einem vom Augenblick geborenen Leitartikel, politischen und wirtschaftlichen Nachrichten mit für die jeweilige Richtung passenden Kommentaren, Unfallehrouik, Lokales und Sport zusammen: Line Aufzahlung und Aneinanderreihung der gi rade sich ereignenden Dinge mit der für die Mentalität des Lesers schmackhaften Würze zur Erweiterung des Frühstückst ischee in Form von Kommentaren. Herr Schulz kann hier lesen, wie schändlich die Franzosen die Amerikareise des „Grafen Zeppelin" zu vereiteln suchten, Herr von Treppnitz, wie es ihnen gar durch Fernlenkung geglückt ist, das Luftschiff auf französischem Boden notlanden zu lassen: Frau Säubeilu h v iid-darüber orientiert, wie verdorben die heutige Jugend ist, die aus Wollust und mangels anderer Sorgen Selbstmord begeht; Herr Missen findet aus der Feder seines Syndikus eine statistische Darlegung, aus der hervorgeht, daß aus wirtschaftlichen Gründen, an einem Vergleich der Teurung mit den Löhnen gemessen, die gefordene Lohnerhöhung im Interesse des sozialen Wohlergehens des deutschen Volkes abzulehnen sei. Jeder findet einen ausführlichen Bericht darüber, welch «eise Weite der Boxer X beim Betreten amerikanischen Bodens über die politische Annäherung der beiden Kontinente von sich gegeben hat. und sein Konterfei an' einem wohlgedeckten Frühstücktrsch inmitten der Honoratioren, ziert ii"V Seite. ,. 'Aber „nntei dem Strich"! da ist der Tummelplatz der „Literaten", der ewig Morgigen, die sich genügend freien Sinn gelassen haben, aus dem Erleben des Gegenwärtigen das Komme.nie Zu ahnen, ihm Weg zu weisen und zu bahnen. „rC* werden Dinge herausgeaibeitet und mit Augen gesehen, die vor einem denkenden Hirn als Wache postiert sind: Attgen. die nicht der Optik fotografischer Apparate gleichen, 4 die das Bild mechanisch aufnimmt und auf die Platte projiziert so, wie die künstliche Sonne eben Licht und Schatte:' wirft und verteilt. Doch der Raum, der Denkern und Poeten vorbehalten is: beträgt nur ein Bruchteil des Raumes, den der Sport in 6einei. verschiedenen Branchen ausfüllt — sie transit gloria mundi' II. ' Die jüdische Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft hat sich um die Entwicklung der deutschen Presse Lorbeeren verdient, die ihr selten gewunden werden. Am allerwenigsten sind sie da zu finden, wo eigene Hände Kränze bindeui könnten: in der jüdischen Presse Deutschlands, die sich in den letzten Jahrzehnten „großartig" entwickelt hat. Wh haben Parteien und die dazu gehörige Presse geschaffen (eine gewesene Notwendigkeit),- wir haben Gomeindeblätter un.i unabhängige Zeitung. Herr Pommern kann sich Uber die Som merfrisehen orientieren wo Juden unerwünscht sind, über dei Kampf der Hakoah gegen Fußballsport e. V., über die GO- 7U-, 80-jährigen Geburtstage, Diplomierung von Schülern 1 laneben laufen die so sehr interessanten Kämpfe angoblichci Parteien, die mit Mühe danach suchen, eine Ideologie z:. finden, und ein Feuilleton, das sich in den meisten Fälle, damit erschöpft, neben einem Feuilleton-Roman, Xachrichtci. iil)er ehemalige jüdische Leistungen und Aufzählung der An < rkennung jüdischer Leistungen gedruckt zu vermitteln. Wenn man ein bekanntes Wort variieren darf so kann ma: lagen, daß jede Gesellschaft die Presse hat, die sie verdien Wenn man so argumentiert so ist festzustellen, daß dn jüdische Gesellschaft beispiellos anspruchslos ist; vielleiclr ist es aber auch umgekehrt, daß der erzieherische Einfhu der jüdischen Presse so gering ist, weil zwischen dem geistigen Standard of life der Juden und ihrer Presse (hh c gibt es meines Wissens in Deutschland nur eine Ausnahme die Kluft so groß ist. \ IIL Ernst Glaeser läßt soeben bei Gebr. Enoch in Hamborg ein Buch erscheinen: „Fazit, ein Querschnitt durch die deutsche Publizistik". Aus der Ansage: „In dieser Sammln: . wird der Versuch unternommen, wichtige und typische Aufsätze deutscher Schriftsteller und Journalisten vor der Zeltungsmakulatur zu retten. Es kam dem Herausgeber nicln darauf an, schöne, geistreiche, malerische Feuilletons der deutschen Leserschaft als Sonntagsmorgengabe zu präse: tieren, sondern durch die vereinigten Beiträge nachzuweisen, über welche Tatbestände heute in der literarischen Publ - zistik nachgedacht wird. Es ist klar, daß jeder Autor für sieh steht — daß i diesem Buch nicht progranunatisch in Gesinnung gemacht wird — daß es sich lediglich um einen Uebcrblick handelt - um eine Dikussionsbasis, auf der zu entscheiden wäre, wie weit die deutsche Publizistik öffentliche Interessen vertritt cxler nicht." Ks ist zuzugestehen, daß die behandelten Themen wiehti. sind, daß die meisten der in dem Buch gesammelten Aufsätz zu scliade sind nach dem Tagesgibrau<h den Zwecken zu dienen, die alten Zeitungen zugedacht sind. Der Wunsch und Wille des Verlags, das Buch auf breiterer Basis fortzusetzen ist der Wunsch derer die wissen, daß Gedanken es nicht verdienen vergessen zu werden. IV. Wenn sich jemand an die jüdische Presse heranmachte um in der Sichtung dos Publizierten einmalige Gedanken zu f.nden und sie zu veröffentlichen, er hätte schwere Arbeit etwas zu finden, und dünn würde das Bändchen, das die Ge danken aufzunehmen bestimmt ist. Das ist das Kriterium für die jüdische Presse-Misere: daß nichts Einmaliges, Eigenartiges in ihr zu finden ist; daß si. in ihrer Technik da steht, von wo aus die Entwicklung Ibrei Anfang genommen hat. \ ersucht heute ziuu Beispiel jemand Aufsätze zur Ge schichte der Juden zu schreiben, die über das Mittelmaß B Gedanken und Art der Darstellung hinausgehen, es würd.