Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 10 (1.10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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DIE JUNGGRUPPE Alle Einsendungen sind an Herbert Felsenlhal. Düsseldorf. Graf-Adolf-Slro6e 14. zu ridilen. Grundsatzliches zur madchenerziehung Die Hauptaufgabe der gesamten Mädelerziehung ist, unsere Generation dazu zu bringen, aktiv von ihrer Gleichberechtigung zu profitieren. D. h. nicht etwa „Gleichheit" von Junge und Mädel in allen Dingen, sondern „Gleichwertigkeit". Wir Jüdinnen sind grundverschieden von unsern deutschen Schwestern! Der Grund dieses „Andersseins", lies „Alleinseins", liegt nicht zum mindesten in dem immerhin vorhandenen Quantum orientalischen Blutes! Manche werden „shocking" sagen, aber Tatsachen müssen ab und zu auch mal gebracht werden! Diese unsere Verschiedenheit macht sich besonders während der Pubertät bemerkbar! Wir durchlaufen früher alle Stadien der lEntwicklung. Das ist die natürliche Folge der obenangegebenen Tatsache! Wir sind also unseren christlichen Altersgenossinnen physisch und psychisch voraus. Daraus ergibt sich für jedes jüdische Mädel in christlicher Umgebung eine Art ungewollter Isolation! Haben wir das erkannt, so müssen wir die Konsequenz daraus ziehen und diese einzelnen Menschen zu sammeln und aus ihnen eine Gemeinschuft Gleichfühlender zu bilden versuchen! Im Alter von 10—16 Jahren ist es m. E. pädagogisch falsch. Jungen und Mädel in einer Gruppe zusammenzufassen. Beiden fehlt das Verständnis für den andern. Beide haben so viel mit sich selbst zu tun, daß sogar ein instinktives Verstehen des andern kaum möglich ist. Die bei den meisten Gruppen so beliebten „gemischten" Heimabende, Fahrten fallen gänzlich fort. An deren Stelle treten Jungen- und Mädelgruppen, die getrennt arbeiten. Da mich naturgemäß die Mädel mehr interessieren, gebe ich einen genauen Plan der Mädelerziehung, da ich dazu auch vieles aus meiner eigenen Gruppenerziehung sagen kann! Ein Mädel, das vielleicht 3—4 Jahre älter ist als der Gruppendurchschndtt, leitet die Heimabende! (Ueber die „Führerin" werde ich später einmal sprechen.) Der Altersunterschied ist unbedingt notwendig! Ein noch so feines, gleichaltriges Mädel steckt selbst zu tief in der Entwicklung, als daß es alles so überschauen kann, wie ein Mensch, der zurückblickt. In einer Gruppe 10—13jähriger Mädel muß die Gruppenarbeit aufklärend, beratend, allgemein- und jüdisch interessiert sein, darf aber nicht über eine kindliche Primitivität hinausgehen! Langsam muß sich der Stoff steigern. Die Arbeits- und vielleicht (wäre das nicht das Ideale) Lebensgemeinschaft der 13—15jährigen hat sich in primäre und sekundäre Fragen zu scheiden! Die primären Dinge sind die der Beziehungen von „Junge und Mädel", „Kind und Familie",, ,,Schüler und Lehrer". Zu den sekundären Fragen für diese Altersstufe rechne ich alles, was nicht in direkter Berührung mit dem eigenen „Ich" steht, also „jüdische Geschichte" usw. In der Gruppe der 15- bis 16jährigen Mädels muß sich rein geistig der Uebergang vom Kind zum reifenden Menschen vollziehen, der äußerlich schon an der Form der Themen zu erkennen ist. Hier handelt es sich jetzt um Probleme wie „weibliche Berufe", „Menschlichkeit", „Religion", „Moral und Gesetz des Staates", „Erhaltung des Judentums" usw. ■Das Wesentlichste für alle drei Gruppen aber ist die offene \ussprache, das Vertrauen zur Führerin! Nur so, auf Grund L-ines freundschaftlichen, beiderseitig gewährten Vertrauens, kann eine ersprießliche Arbeit geleistet werden! Sport, der Dienst am Körper, ist selbstverständlich ein Primat unserer Erziehungsmethoden und Ziele! Gruppengymnastik ist etwas sehr Schönes! Fahrten dürfen nicht auf „männlichen Klotz", sondern auf weibliches Naturgefühl, Schönheitsempfinden eingestellt sein. Bitte glaubt nicht, daß ich „Anhimmeln" der Landschaft oder ekstatischen Vortrag goethescher Gedichte in einer Mondscheinnacht mit diesen Worten meine. Ich hoffe, daß auch ohne Kommentar der Sinn meiner Gegenüberstellung klar ist. Sind die Mädels der 3. Gruppe und die Jungen der entsprechenden reif genug für eine Zusammenarbeit, so veranstaltet die Gruppe gemeinsame Heimabende. Nur innerlich feste Menschen mit ausgeprägtem Willen erfahren eine geistige Förderung in kombinierten Gruppen. Denn, sofort tm ers'en Heimabend, wird eine geistige Konkurrenz entstehen. Jedes Mädel will, bewußt oder unbewußt, wirken. Jeder Junge, um mit Mark Twain zu sprechen, „tut sich". In den heute bestehenden kombinierten Gruppen unterliegen, wie bereits getagt, die Mädels in corpore dem trainierten männlichen Intellekt. Sobald aber unsere Mädels systematischer erzogen werden, d. h. in diesem Falle, die verschiedenen oben angegebenen Schulungsstufen erreicht haben, werden sie zwanglos gelernt haben, ihre Scheu zu überwinden, kleine Referate zu halten, solche ohne Gähnkrampf anzuhören und, last not least, ernsthaft zu kritisieren und scharf beurteilt zu werden. Das ist ein Hauptfehler unserer ganzen Mädels, daß sie sich zu leicht bluffen lassen durch fabelhafte Zungenfertigkeit, ein durchaus technisches Ding! Was heißt „inlelegerc" anders als „auslesen", „unterscheiden"? Die selbständige Kritik der Mädels an allem, was ihnen geboten wird, müssen wir erreichen! Neben den gemeinsamen Heimabenden sind „Mädelsarbeitsgemeinschaften" notwendig. .Es gibt viele Dinge, die wir trotz der kameradschaftlichen, verständnisvollen Einstellung in unsern Gruppen nicht mit den Jungen besprechen können! Ich denke hier z. B. an die Auseinandersetzung mit der Lindseyschen Buch „Revolution der modernen Jugend", Weiningers „Geschlecht .-und Charakter", Sprangers „Psychologie des Jugendalters", auch an Problemen wie „Liebe", „Ehe", „Die Frau in der Religion", „Die Frau im Gesetz der Staaten" dürfen wir nicht vorübergehen. Soziale Arbeit! Ich halte es für die vornehmste Pflicht unserer Mädelsgruppen, sich geschlossen dem Frauenverein zur Verfügung zu stellen. In den drei Stufen der Mädelserziehung muß dem Alter entsprechend soziale Arbeit geleistet werden. Jetzt nur noch etwas über die „Jungcnsführerin"! In Kleinstädten ist es oft nicht anders möglich, als daß ein Mädel die Führung eines Jungenszuges übernimmt. Mir z. B. ging es so! Es gibt kaum eine schiefere Situation! Man verfällt leicht in einen Gouvernantenton. Die Jungen beherrschen sich, oder glauben es zu müssen, in ihrem Tun und Lassen. Der Erfolg" dieser ach so gut gemeinten Erziehung? Verweichlichte Jungen und burschikose Führerinnen! Eines so lächerlich und falsch wie das andere! Zu dem Jungen gehört Tollen, Krachmachen und ja sogar Fluchen ebenso, wie zu dem Mädel eine ruhigere Art des Sichvergnügens! Mädelserziehung? Wir haben viele Aufgaben! Schematisch dargestellt ergäben sie das Bild eines Stromes, der durch den Zusammenfluß vieler kleiner Bäche entsteht und nachher in zwei Armen ins Meer mündet! £s heißt nämlich: dem Manne eine wertvolle, geistige Kameradin zu erziehen und dem Judentun stolze, jüdische Frauen zuzuführen! Elsbeth Capell, Düren man sagt. Jugendbewegung sei tot Das darf nicht sein. Wohl sind gewisse Erscheinungen der Blüte der Jugendbewegung verblaßt, aber mit ihnen nicht die Jugendbewegung. Denn Jugendbewegung ist nichts Aeußerliches, sie ist eine geistige Haltung. Das Wort erklärt es: Jugendbewegung. Kein ruhiges Zufriedensein, sondern ein Suchen. Ein Ringen nach Besserem. Sie ist Erkenntnis der Hohlheit. Falschheit in der heutigen Gesellschaft, der Geistlosigkeit der Jugend. Die Sehnsucht nach einem Leben der edlen, inneren, wahren Freude, der edlen Tat und Gesinnung. Und die jüdische Jugend? Sie hat die Jugendbewegung als solche geistige Haltung bitter nötig. In ihr spiegelt sich die Kälte des Judeseins, wie es heute bei den meisten jüdischen Menschen zu finden ist, in grauenvoller Weise wieder. Und da muß es Menschen, junge Menschen geben, die diese Gefahr der Erstarrung auch erkennen und die die Größe der Aufgabe der Erneuerung des jüdischen Menschen zu fassen suchen. Diese jüdische Jugend erkennt mit Schaudern die Lage der Judenheit, und sie will helfen. Die jüdische Jugend erkennt das Fehlen des jüdischen Geistes, sje ist unzufrieden mit den jüdischen Menschen unserer Zeit, sie sucht nach dem wahren Juden, sie will helfen, ihn zu schaden, sie will sich selbst zu ihm erziehen. 9