Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 10 (1.10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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einen für alle und aller für einen, rütteln an der stärksten Säule des Judentums. Das religiöse Prinzip muß sich auf seine Führerrolle im Judentum neu besinnen. Um die Vertrauenskrise zu überwinden, wird die religiöse Praxis die notwendigen Wege zur umgestalteten Lebenssphäre der Menschen auffinden müssen. Wegweiser hierzu wird zu allererst die Deutung sein: Judentum ist soziale Predigt. Diese erfordert harte Kleinarbeit, verlangt Ausdauer und Geduld, Demut und große Liebe zum Menschen. Aber ihr allein wird es gelingen, das Weltbild les einzelnen wieder mit religiösem Vertrauen zu erfüllen, och nicht nur von Kanzel und Gotteshaus, sondern draußen >r allem muß sie zuerst ertönen, denn ihr nützt nur wenig die asch vergängliche seelische Hochstimmung des Feiertags, im i.eben des Alltags ruht ihre Verwirklichungsaufgabe. Sie muß Tat fordern und selber tun. Die soziale Predigt muß ans Ohr des jüdischen Unternehmers dringen und ihm die Besonderheit seiner Pflichten als Jude klarmachen, wenn es um Lohnverhandlungen geht — denn mit einem einzigen Beschluß, mit einem Federstrich kann man über zahllose Menschen Hunger und Elend bringen und viel Menschenhaß säen. Die soziale Predigt muß bei Neueinstellungen auf die jüdischen Arbeitnehmer hinweisen, die anderwärts boykottiert werden. Sie muß bei der Lösung der neuen, gewaltigen jüdisch-sozialen Aufgaben ihr gewichtiges Wort sprechen und den Organisatoren klarmachen, daß Wohlfahrt heute, soweit es irgend geht, produktive Hilfeleistung sein muß, daß Darlehnsbanken und industrielle sowie landwirtschaftliche Unternehmungen großen Stils auf genossenschaftlicher Basis zu schaffen sein werden, um allen, die arbeiten wollen und können, Arbeit zu sichern. Denn die wirtschaftliche Erhaltung der deutschen Judenheit wird mehr und mehr ausschließlich auf Selbsthilfe aufgebaut sein müssen. Dies im großen und nach außen. Neben der Gruppennot aber stehen die Nöte des Einzelnen, riesengroß und nicht durch wirtschaftliche Maßnahmen allein zu beheben. So wird die soziale Predigt mit Rat und Tat zu den Alten und Enttäuschten, zu den Kranind Schwachen, zu den Jungen und Unerfahrenen, den Gelährdeten und seelisch Unglücklichen, dem „gefallenen" Mädchen und der unehelichen Mutter, zu den zerrütteten Ehen und verfehlten Existenzen, gelangen müssen, um sie zu betreuen :>d zu stützen, niemals aufdringlich, aber mit großer Geduld nd Liebe. All dieses mannigfache Leid ist durch die kompliziertere Gestaltung der sozialen und gesellschaftlichen Zeitverhältnisse hervorgerufen oder zum mindesten wesentlich verstärkt worden. Nur ein Eingreifen am Gefahrenherd selbst kann hier Hilfe bringen. In den Synagogen wird man diese Menschen kaum auffinden, man muß sie aufsuchen, sie werden zum Teil schamhaft und stolz, oder vielleicht grollend und verbittert sein, und auch dem wäre mit menschlichem Verständnis zu begegnen. Aber auch der Masse der physisch und seelisch Gesunden gegenüber wird die soziale Predigt angesichts der Umgestaltung der Lebenssphäre Pflichten und Aufgaben genug haben. Der ebensstandard wird dem Einkommen nach ein niedrigerer wern. Die Ehe des mittleren und kleinen Angestellten und des Arters wird sich auf bescheidener Grundlage aufbauen müssen, genug unter tätiger Mithilfe seitens der Frau. Wir stehen n den Großgemeinden schon heute mitten in dieser Tatsache, werden. Wege zu suchen sein, um bei dieser in der deutschen vnheit relativ neuen Gesellschaftsschicht eine „Verproletari- Merung" im schlechten Sinne dieses Wortes zu verhüten. Soziale ( Helligkeit auf wirklich jüdisch-menschlicher Grundlage, d. h. echt und natürlich, ohne Dünkel und Vorurteil, auf wahrhafter Kultur und Aesthetik gegründet, wird das Mittel sein, um zu zeigen, daß wirkliche geistige und menschliche Werte heute bereits billig zu erlangen sind, viel billiger jedenfalls als alleTalmiundFassadenikultur. Vortrags-U.Ausspracheabende, Musikpflege, Bibliotheken, Gesellschaftsreisen, all das wird in das Arbeitsgebiet solcher sozial-geselliger Vereinigungen gehören, die sich vielleicht — und diesen Gedanken möchte ich hier propagieren — als eine Art Erwachsenen-Bünde auf den zahlreich und vielseitig bestehenden Bünden der Jugend aufbauen könnten. Sind doch in jedem, der die heutigen Wege bewußter Jugend führend oder geführt mitgegangen ist, Lebenselemente, Innenwerte, haften geblieben, die unverlierbar sind, und die zum Segen der Erwachsenen und Gereiften in bestem Sinne nutzbar gemacht werden können. Soll doch Jugendarbeit nicht Selbstzweck, sondern richtunggebend für das wirkliche Leben sein. Aufgaben von ungeheurer Mannigfaltigkeit sind hier angedeutet. Weil sie der Hebung jüdisch-sozialen Geistes und jüdischen Gemeinschaftsgefühls zu dienen berufen sind, sind es jüdischen Gemeinschaftsgefühls zu dienen berufen sind, sind es jüdisch-religiöse Aufgaben. So sind für diese Arbeit in erster Linie die religiösen Führer und die Gemeindeleiter berufen. Die Arbeitsgebiete werden geteilt, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften werden in den Bereich religiöser Führerbildung gerückt werden müssen. Alle Kräfte guten Willens sind heranzuziehen. Doch gehört dazu mehr als „Betriebsamkeit". _ Das Vertrauen zur Religion wird wieder zu wecken sein, wenn Menschen da sind, die sie von der Enge in die Weite zu tragen vermögen und zu wirklichem Leben machen, die gleichsam die Thora nicht hinter dem Vorhang auf das Volk warten lassen, sondern sie herausholen und mitten unter das Volk tragen. All die großen, kleinen und kleinsten Fragen des Kultus und der Religionsauffassung, die heuje ein Mittelpunkt jüdischen Meinungskampfes sind, werden zu organischer Lösung gelangen, wenn es gelingt, überhaupt erst wieder an die Menschen heranzukommen, wozu der Schlüssel heute nicht nur Kanzel und Gotteshaus, sondern in erster Linie Vortragssaal und Wohlfahrtsamt, nicht Dienst am Kult, sondern Dienst am Menschen ist. Religiony nach innen, wird immer seelisches Gut des Einzelnen bleiben. Religiöse Praxis, nach außen, religi. se Tat tun, bedeutet für Männer und Frauen mehr als je: Mitarbeiten an der Lösung der allgemeinen und vor allem der besonderen jüdisch-sozialen Frage, die sich gigantisch vor uns erhebt und im Zeitalter der Umgestaltung von Wirtschaft und Kultur gebieterisch auf neue Wege weist. Es gibt Zeiten, in denen der mutige Kampf um das Heute weitaus lebenswichtiger ist als die schönsten Rettungsideate für übermorgen. Und das sind im eigentlichen Sinne die großen Zeiten. Erfüllung und Erwartung Von Dr. Gustau LOttier, FranMurt a. hl. ii. (I. Teil im Augustheft.) Welches sind nun die praktischen Folgerungen, die der Verband aus solchen seelischen Gegebenheiten und Möglichkeiten ziehen sollte? Auf eine knappe Formel gebracht, lauten sie: Schafft G e s t a 1 t u n g s möglichkeiten für die große Mehrheit der bündischen Jugend, — neben den fast überall bestehenden und mehr weniger gut funktionierenden B i 1 - d u n g s einrichtungen. Als gestaltend wird jede Arbeit empfunden werden, die ein geistige oder stoffliches Werk erstehen läßt, es erstehen läßt unter tätiger Mitwirkung der jungen Menschen. Gestaltung kann aus jeder wahren „Arbeitsgemeinschaft" erwachsen, wenn deren Träger sich nicht darauf beschränken, geformte Weisheit einfach hinzunehmen (rein „rezeptiv" zu sein), sondern miteinander um die darin enthaltenen Fragwürdigkeiten ringen und das gemeinsam Errungene wiederum nicht als bloßes Wissen in sich stapeln, sondern als gesammelte Kraft, die das wirkende Leben des einzelnen bereichert (als „Dynamik"). Als Gestaltung, die das Glücksgefühl der einzelnen und damit zugleich den Geist der Gemeinschaft zu steigern vermag, kommt aber heute vor allem die Hingabc an die großen Aufgaben der Gesamtheit in Betracht. Mehr denn je erkennen es heute weite Kreise als die zentrale Aufgabe, sich um die Lösung des sozialen und des wirtschaftlichen Problems zu, müh,en. Erkennt man doch immer klarer, wie die bange Sorge aller Völker um die Schaffung eines dauerhaften Frieden« zwischen den Staaten, den Nationen, den Erdteilen und Rassen nur durch Beseitigung der unerhörten Spannungen im Bereiche des Gesellschaftslebens und zumal der Wirtschaft behoben werden kann. Ich weiß, hier liegen Aufgaben von 3