Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 10 (1.10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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dauernde, über Raum und Zeit Erhabene, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht sei, scheint ins Wanken geraten zu sein. Die Spannung zwischen dem religiösen Erhabenheits- und Unabhängigkeitsmoment einerseits und der Tatsächlichkeit menschlichen Seins anderseits droht zu gegenseitiger völliger Entfremdung von Religion und Wirklichkeit zu führen. Es fällt der religiösen Praxis unendlich schwer, den Weg vom übersteigerten Individualismus vergangener Zeiten zu dem immer stärker sich entwickelnden Wir-BewuQtsein unserer Zeit in dem gleichen Rhythmus mitzugehen, wie dies den anderen Erscheinungen im gesamten Kultur- und Geistesleben gelingt. Die größte Schwierigkeit einer Auseinandersetzung der Religion mit der Wirklichkeit ist aber darin gegeben, daß angesichts des heute alles beherrschenden Elements, der Wirtschaft, die Arbeitsmethoden praktischer Religion viel zu wenig umfassend und großzügig sind, um diese Auseinandersetzung zu einen; fruchtbaren Ende zu führen. Die Frage lautet hier nicht, was Religion ist. Darauf eine Antwort zu erteilen, wird immer Sache des Einzelmenschen bleiben; es ist die letzte und tiefste Vertrauensfrage, die der einzelne an sich und sein Werk stellt, und aus deren Bejahung er die unwägbare Kraft schöpft, eine gute Sache um ihrer selbst willen zu tun. gleichviel, wie '-.x dieses unmeß- und" undarstellbare Kraftzentrum nennt. Es geht hier um die Wirksamkeit religiösen Geistes nach außen, um die Gestaltung des Realen, um die religiöse Praxis. Zu einem der stärksten physischen, geistigen und seelischen M.ichtiaktoren im menschlichen Dasein ist heute mehr als je die Wirtschaft geworden. Sie beeinflußt das Denken und Handeln, sie bestimmt das Milieu, sie formt und wirkt mit;.n den Charakteren und bei der Bemessung menschlicher Qualitäten. Sie verfügt über den größten Teil unserer Zeit und bestimmt unseren Wohnort, entscheidet also über zwei tief in unser Leben einschneidende Dinge: Raum und Zeit. Die Wirtschaft entfacht Kriege, wirft Völker durcheinander, vernichtet ganze Stände und Klassen, bringt andere empor, macht den einzelnen glücklich und unglücklich, reich und arm. Gibt es einen, der ernstlich glauben könnte, die jüdische Religion eine Botschaft vom endlichen Heil auf dieser Welt, dürfte, am wenigsten heute, an den- Dingen und Erscheinungen der W irklichkeit, an den gewaltigen Umwälzungen der Wirtschait und Kultur, und damit letztlich der menschlichen Seele, passiv und tatenlos vorübergehen, ohne sich selbst aufzugeben, sie dürfte, auf ihre absoluten Wertmaßstäbe pochend, erklären: auch meine Zeit kommt wieder, ich brauche nichts dazu zu tun? Die protestantische Kirche ging blind durch die Zeit des Kaiserreichs. Sie glaubte, während sie auf der einen Seite s-ich mehr und mehr der herrschenden Adels-. Feudal- und Militärkaste verschrieb, dem V olke durch möglichst zahlreichen Kirchenbau die Religion erhalten zu können. Sie sah nicht oder wollte' nicht sehen, daß ihr Gefolge nur noch aus einer Schicht geruhsamen, selbstzufriedenen und doch in der Seele ängstlichen Kleinbürgertums bestand, während dem schaftenden \ olke längst eine andere, greifbarere Heilsbotschaft verkündet wurde, die ihm viel einleuchtender war als die beste Prediyt \ om Lohn auf jener Welt. Und als sich die Kirche schließlich zum ungeheuersten Widerspruch gegen sich selbst mißbrauchen ließ und im Zeichen der Religion Krieg und Mordwaffen segnete, da war es bei den Massen des leidenden Volkes um sie geschehen, und es bedarf mühsamster Wiederaufbauarbeit bei gründlicher Umstellung, um bei pen breiten Schichten das alte Vertrauen wieder- und neues dazu zu gewinnen. Aber die Kirche scheint diesen neuen, steilen W eg zu Menschen und Problemen einer anderen Zeit doch zu finden. Die religiöse Krise von heute beruht in der Gefahr, daß man noch nicht genügend erkennt, wie sehr die Schwerpunkte menschlichen Innenlebens und Wirkens. Hoffens und Glaubens, Erlebens und Empfindens, sich von den Stätten unmittelbarer Religionsübung, von Gotteshaus und Familienkreis, in die große bestimmende Wirklichkeit, in die Wirtschaft, in die Gesellschaft, ins Soziale, ins Politische, verschoben haben. Die Leere unserer Synagogen ist nicht ein Beweis dafür, daß der jüdische Mensch jede Fühlung zu den Grundwerten seiner Religion verloren hat, sondern umgekehrt, daß sie den Weg zur Lebenssphäre des heutigen jüdischen Menschen nicht mehr oder noch nicht wieder findet, des Menschen, der von ganz anderen Lebensbedingungen geformt wird als vorangegangene Geschlechter. Die Vorkriegsjahrzehnte fanden, im großen gesehen, eine wirtschaftlich stabile Judenheit in Deutschland vor. Der größte Prozentsatz der deutschen Juden gehörte dem Mittelstand an, hiervon wiederum ein größerer Teil stand in unabhängigen kaufmännischen oder freien Berufen. Wie ja auch allgemein in Deutschland der gebildete Mittelstand der beste und solideste Kulturträger war, so konnte man von der Judenheit im großen und ganzen, bei allem Indifferentismus, doch behaupten, daß in ihr eine gewisse Garantie für die eigene Erhaltung und die Erfüllung der religiösen und sozialen Aufgaben gegeben sei, und daß man einen Zerfall im allgemeinen nicht zu befürchten brauchte Eine gewisse Ruhe und Stetigkeit den engeren Glaubens- und Traditionsfragen gegenüber war vorhanden, weil eben die wirtschaftliche Lage sich in einem Zustand befand, der zur Beunruhigung des äußeren Lebensganges wenig Anlaß gab. Freilich kann man die wilhelminische Epoche nicht als eine Zeit inneren Aufstiegs für das deutsche Judentum bezeichnen, sie konnte es nicht sein, denn ein schrankenloser Indifferentismus und Materialismus, eine lähmende Selbstzufriedenheit, damals noch ohne Widerstand in den eigenen Reihen, herrschten vor und ließen Impulse jüdischer Eigenart nur schwer aufkommen. Weder auf engerem religiösem noch auf erzieherischem oder sozialpolitischem Gebiet lassen sich Taten und Entschlüsse von für das jüdische Gemeinwesen überragender Bedeutung vermerken. Aber die Gefahr einer Krise bestand nicht, die Religionspraxis in ihren unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen war auf die mittlere W irtschaftsschicht eingestellt, Judentum war in Deutschland eine Religion des Mittelstands geworden. Und weil letzteren, keine Gefahren drohten, konnte auch die religiöse Praxis in ruhigen störungsfreien Bahnen wandeln. Es braucht hier nicht lange erörtert zu werden, warum dies von Grund aus sich ändert und erst recht noch ändern wird. Krieg und Inflation, die ungeheuren Umwälzungen in der Verteilung der Güter durch modernste Verkehrs- und Verkaufstechnik, die bestrebt ist, den kürzesten Weg vom Hersteller zum Verbraucher zu finden, die Zentralisierung der Rohstoffgew innung und -Veredlung bei den meisten Warengattungen, die Umgruppierung und gewaltige Hochwertung des Kapitals in der Konzernietung von Industrie und Handel, — all diese mit logischer Konsequenz sich vollziehenden gründlichen V eränderungen in den Wirtschaftsformen treffen in erster Linkdie Mittelschichten, die Mittler zwischen Gütererzeugung und verbrauch. Wir sehen es heute deutlich, besonders in Großg^meinden, daß die Lebenshaltungskurve des jüdischen Mittelstands rapide abwärts geht, daß sich in der wirtschaftlichen Schichtung auch der Judenheit die Begriffe Kapitalismus und Proletariat zu den maßgebenden entwickeln. Noch liegt vielleicht kein unmittelbarer Anlaß vor, von einer Proletarisierung der jüdischen Massen zu sprechen, aber man bedenke, daß heute zehn oder zwanzig Jahre in der äußeren Entwicklung soviel bedeuten wie ein ganzes früheres Jahrhundert. Wartet man mit den hieraus neu sich ergebenden Aufgaben, bis die Entwicklung soweit ist, dann wird es zu spät sein. Pflicht und Aufgabe der Religion ist es, am Menschen zu wirken. Die neuen Grundlagen der Wirtschaft schaffen veränderte Grundlagen der Kultur, des gesamten Denkens und Bühlens. "Der jüdische Mensch von heute steht den jüdischen Dingen aus seiner anderen Lebenssphäre notwendigerweise anders gegenüber als der geruhsame Mittelständler von früher, die sozialen, erzieherischen, sexuellen, die Ehe- und Gemeinschaftsprobleme der Judenheit finden eine veränderte Beurteilung. Die Hauptgefahr für das Judentum aus der gekennzeichneten Entwicklung scheinen zunächst die damit verbundenen soziologischen Folgen zu sein. Die „Versachlichung" der Beziehungen seiner Menschen und Menschengruppen zueinander, ihr Auseinanderstreben, gemäß dem Auseinanderstreben der beiden herrschenden Wirtschaftspole, die hieraus sich ergebende Lockerung des Verantwortlichkeitsgefühls des 2