Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 9 (1.9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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VI. Zur Klein- und Werbearbeit für den Frieden gehört erst einmal Begeisterung. Wo finden wir die besser als in unserer .lugend. Wir brauchen eine Gruppe der revolutionären jüdischen Jugend in unseren Bünden, gleich, welcher Richtung. Vi ir brauchen keinen Verein, keinen ethisch-pazifistischen Friedensbund. Denn Kampf gegen den Krieg ist Kampf gegen die heutige Gesellschaft. Und ihn führen wir nicht als Sektierer, sondern in und über den Bünden. Der Verband kann der Boden für alle jungen Juden — wie sie auch ihr Judentum sonst definieren — werden, die auf ehrliche und unkompromißlerische Art Sozialisten (nicht im parteimäßigen Sinne) und Pazifisten sind. Wer gibt das Signal zum Sammeln? VIL Wir sind keine Schwärmer, wie uns viele gern nennen. Gerade darum sind wir in unseren Methoden sehr real. Wir werden ein Verbrechen mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Sonst wird man uns eines Tages wieder mit Gott für Republik und Vaterland unsere jüdischen und christlichen Mitmenschen anderer Staatsangehörigkeit morden lassen. Martha Sommer, Duisburg Bevor wir zu diesem Problem in irgendeiner Form Stellung nehmen wollen, müssen wir uns zum mindesten darüber klar sein, daß es sich im Moment weniger um die Schaffung des Weltfriedens, sondern vorläufig nur um den ersten Schritt auf diesem Wege, um die Vermeidung von Kriegen handelt. Noch so viele Proteste und Protestkundgebungen gegen den Krieg bringen uns dem Ziel nicht näher. Wenn dieses Werk gelingen soll, so heißt es, in allen Kreisen eine Gesinnung zu schaffen, die den Krieg in Zukunft, unmöglich macht, und auf dieses Gebiet wird sich unsere Arbeit zunächst wohl beschränken müssen. Daß wir Juden zu dem Werk des Weltfriedens stehen müssen, ist wohl für jeden Juden eine Selbstverständlichkeit, und zwar auf Grund seines Judeseins, auf Grund unserer Religion, deren letztes Ziel ja die Zeit des Friedens, die Messianische Zeit, ist. Da es uns Juden und ganz besonders der jüdischen Jugend infolge unserer verschwindend geringen Kopfzahl innerhalb anderer Nationen versagt ist, unsere Arbeit auf eine breite Basis zu stellen, müssen wir uns damit begnügen, unser Wirken zunächst auf ein ganz enges Feld zu beschränken, und zwar aaf die Judenheit. Auch haben wir gar nicht das Recht, unser Ziel so weit zu stecken, so lange wir nicht das Näherliegende, den Frieden und die Einigkeit innerhalb des jüdischen Volkes, erreicht haben. Man sollte gar nicht glauben, wieviel Unfrieden innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft, die noch dazu über die ganze Erde zerstreut ist, herrscht. Wenn wir uns also an der Schaffung des Weltfriedens beteiligen wollen, so haben wir in unseren Reihen schon ein sehr großes Tätigkeitsgebiet. Zunächst heißt es einmal. aufräumen mit alten, längst überholten Vorurteilen: da gibt es Brücken zu schlagen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Nationen (vor allem zwischen Ost- und Westjuden): Parteien, die sich bitter bekämpfen, müssen gelehrt werden, Verständnis zu finden für die Art und die Richtung der Gegenpartei: sie müssen sich die Hände reichen zu gemeinsamer Arbeit an der Menschheit für die Menschheit, Wenn die jüdische Jugend die dringende Notwendigkeit dieser Arbeit im eigenen Lager erkannt hat und sie ausübt, so ist sie auf dem besten Wege zum Weltfriedenswerk, sie erfüllt das Wort Gottes: „Ein Volk von Priestern sollt ihr sein!", nämlich Priester des Friedens. Walter meyerhon, Dresden Es ist schon in der Schule so, wenn eine Schlägerei stattgefunden hat, will keiner angefangen haben. Zum Schluß stellt sich immer heraus, daß sich einer angegriffen oder beleidigt 'ühiite. und darum zum „letzten Abwehrmittel" gegriffen hat. ■Sehnlich ist es auch im Leben der Völker, nur daß es sich hier um große Massen handelt, die durch eine Zeitungs- 8 kampagne in die zu einem Kriege nötige Stimmung versetzt werden müssen. Da einem jeden bekanntlich das Hemd näher sitzt als der Rock, so kommt es auch hier dazu, daß aus überzeugten Pazifisten dann „Abwehrmilitaristen" werden. Aus diesem Grunde ist die Kriegsdienstverweigerung zum Mißerfolg verurteilt. Es muß also verhindert werden, daß es möglich ist, eine solche Stimmung zu erzeugen. Das geschieht am besten dadurch, daß die Individuen der kontrahierenden Nationen miteinander in engen Kontakt kommen, und eine innere Verbindung über die nationalen Bindungen hinweg geschaffen wird. Die Mittel hierzu sind sehr einfach: Studium der Literatur, vor allem auch der politischen, von anderen Völkern, jnd vor allem in der Schulzeit und Studienzeit ein.gegenseitiger Austausch von jungen Menschen, die dann im fremden Lande Verbindungen anknüpfen, und sie bei einigem Geschick auch ausbauen werden. Hier liegt meiner Meinung nach eines der Hauptarbeitsgebicte auch der jüdischen Jugend, das vor allen Dingen organisatorisch erfaßt werden kann. Ein anderes Gebiet ist das der Wirtschaft. Die letzten Kriege entstanden vor allen Dingen aus wirtschaftlichen Gründen, und hier ist es unsere Aufgabe, zu lernen und zu sehen, wie die Völker durch ihre Volkswirtschaften oder besser die Weltwirtschaft miteinander verknüpft und verbunden sind, wie gerade auf wirtschaftlichen Gebieten die Reibungen stark und die Kämpfe schwer sind. Hier wird sich unsere Arbeit auf die Erkenntnis und die Verbreitung dieser Erkenntnisse beschränken müssen. Aber auch das kann sein Gutes haben. Dr. Ernst wemsch, manchen Die Vorfrage: Friedensarbeit oder nicht?, scheint nicht mehr umstritten zu sein. Für die Mitarbeit der Jugend ein paar Gründe: Jugendarbeit ist immer Aufbauarbeit. Gedankliche Einflußnahme auf die Jugend ist unbedingt die dankbarste vom Standpunkt des psychologischen Erfolges. Die Weltfriedensarbeit, die über die Zaunpfähle des „heute" hinaussieht, muß in erster Linie psychologische Arbeit sein; und deshalb muß sie zweckmäßigerweise bei der Jugend einsetzen. Die Kelloggsche Aechtung des Krieges muß den aufwachsenden Geschlechtern in das ethische Bewußtsein übergehen; die erwachsene Generation bekämpft den Krieg vor allem als politisches Problem mit Mitteln der Politik. Die Jugend muß ihn als menschliches Problem anfassen, d. h. ihm mit den Mitteln des Geistes und des Gefühls gegenübertreten. Sie muß lernen, daß der Krieg Faustrecht ist; sie muß als selbstverständlich empfinden lernen, daß modernem Menschentum Recht vor Macht geht und sie muß schließlich lernen, daß — politisch, wirtschaftlich und sozial — das Heil der Völker dieser Erde in der internationalen Zusammenarbeit liegt. Und nun die Sonderaufgabe der jüdischen Jugend. Es wird uns oft zum Vorwurf gemacht, daß wir Juden international eingestellt seien. Die Tatsachen liegen nicht so einfach, wie das hierin ausgesprochen wird, und es ist nicht der Ort, sich damit auseinanderzusetzen. Da wir aber, vom gemeinsamen Stamm kommend, über die ganze Erde zerstreut sind, wer wollte leugnen, daß wir aus diesem Umstand heraus besonders dazu qualifiziert sind, für den Frieden der Völker zu wirken, gegen einen Krieg, der uns Bruderkrieg sein muß? Die Mitarbeit der jüdischen Jugend am Weltfrieden muß eine Arbeit der geistigen Grundierung der Friedensidee sein. Weg der Grundlegung muß sein: Bearbeitung der Pädagogen, Ueberwachung der Lehrmittel, direkte Einwirkung auf die Jugend (in den Jugendbünden vor allem). Mittel der Einflußnahme sollen sein: persönliche Einwirkung und diejenige durch den Lesestoff. Ausgangspunkt für die sachliche Arbeit ist einerseits die Darstellung des Unheils der Kriege, andererseits die Darstellung der Erfolge friedlicher Zusammenarbeit der Völker auf allen Gebieten. Zusammengefaßt: die jüdische Jugend soll dem politischen Pazifismus fernbleiben, sie soll durch geistige Einwirkung auf die heranwachsenden Geschlechter die künltig Führenden dem Fluidum des Krieges entfremden und durch Herausarbeitung des Völkerverbindenden den Weltfrieden als einzig möglichen Zustand erscheinen lassen.