Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 9 (1.9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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geworden. Bei dem Tempo der heutigen wirtschaftlichen Entwicklung, der Durchkapilalisierung der nichtkapitalistischen Lander reichen Jahrzehnte nicht aus, um im Krieg verlorene Stellungen wiederzuerobern. Der Weg internationaler Verständigung, zuerst von der Industrie durch ihre inter- ■ationalen Kartelle beschritten, könnte die Wirtschaft zum Frieden hinführen. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß diese Verständigung immer auf dem Rücken der Kleineren, der Schwächeren ausgetragen wird. Die Möglichkeit, Sonderprofite zu machen, und die Einsicht, den Krieg vermeiden zu müssen, streiten noch miteinander. Nationales Prestige, besonders stark verständlicherweise bei den bisher geschichtslosen Nationen, und die Generalherrschaft in den Ländern faschistisch gewordener Bourgeoisien, verstärken wirtschaftliche Spannungen so -ehr, daß der Krieg als die unvermeidliche Lösung erscheint. Der Gegensatz zwischen den erwachenden Kolonialvölkern und den kapitalistischen Mutterländern, bedingt durch die Notwendigkeit der Mutterländer, sich das Rohstoff- und Absatzgebiet möglichst lange zu sichern, kann ebenfalls zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Nicht minder groß sind die wirtschaftlich-sozialen Ursachen, die eine ständige Verschärfung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit, des Klassenkampfes — der eine Tatsache, keine Forderung und kein Ziel ist —, zur Folge haben. Streiks und Aussperrungen, Kämpfe um Lohn und Arbeitszeit, in den Mullerländern und in den Kolonien, sind Kennzeichen dieses inneren Unfriedens. Wenn auch die äußeren Auseinandersetzungen vielleicht nicht mehr den Umfang des letzten Weltkrieges annehmen, so wird doch eine Verbreiterung der Klassenfronl Erscheinungen des inneren Unfriedens immer deutlicher werden lassen. Brief aus den flandrischen Totenfeldern Juli 1929 - Von Hermann Grein, Düsseldorf Belgien. Ein strahlender Sommertag. Wir sind im Auto und fahren, von der herrlichen Nordsee kommend, nach Flanderns Totenstätten, um Andacht zu halten. An dem alten, lieblichen Brügge vorbei gelangen wir bald in das Landesinnere. Fruchtbare, herrlich bestellte Felder säumen die Straßen und ■ und erstrecken sich in die Weite; nach allen Himmelsrichtungen: Felder, Felder, Felder — dazwischen schmucke, neue Bauernhöfe mit leuchtenden roten Ziegeldächern, — überwuhin das Auge eilt — leuchtend rote Ziegeldächer neubauter Bauernhäuser — kaum hie und da ein Baum — öl'ters ein vergewaltigter Baumstumpf. Auch in den kleinen Orten und Städten, durchdie man fährt: — neues Haus an neuem'Haus. Diese neuen Häuser und Bauerngehöftc haben etwas Schauriges — sie leben noch nicht. Der Tod hält "diese Landschaft noch in seinen Knochenfingern — trotz -des so wundersam sich regenden Lebens der Erde und ihrer Felder •ind Menschen und Tiere. Bald — ganz unerwartet — mitten Feldern — kein Haus weit und breit — nur rechts auf -aftigen Weide einige braune Kühe — grüßt uns still und Jlich — der erste Friedhof — ein deutscher. Wir treten - Ein langgestrecktes Geviert, etwa 100:25 — Holzkreuz ilolzkreuz — unaufhaltsamem Verfall entgegengehend. Von hen sind nur Stumpfe und Brocken übrig, das schlichte schildchen sagt einen Namen »der das erschütternde „Unbekannt". Der unbekannte Soldat. Wir stehen da — und die Stiile der Ausgekämpften ist um uns, die wir zu kämpfen haben mit der Hingabe und der Opferfreudigkeit derer, die da unten liegen, daß das Bewußtsein der Menschheit den Wahnsinn des Mordens unmöglich mache. Ein hohes Kreuz am Ende des Feldes sagt, daß es Bayern sind, die hier ausgerungen haben. Wir schließen still das Eingangstor — und es geht weiter. Nun Bimmen vor Ypern die englischen Grabstätten — Stätte an Statte — viele Tausende liegen hier. Wie die Aufschrift meldet: Belgien hat ihnen den Boden gegeben — und England pilegt mit liebevoller Treue diese Gräber. Hellgrüner Rasen — weiße Steintafel an weißer Steintafel, etwa 60 Zentimeter hoch, oben abgerundet, mit Namen und Spruch der Hinterbliebenen versehen — oder das stereotype „nur Gott bekannt", „Known untp God". Und Blumen, Blumen, Blumen. Große weiße Die Störung des Friedens geht von Ursachen aus, die untrennbar mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verbunden sind. Wenn die Jugend wirklich den Frieden will, dann muß sie nicht nur alle Mittel internationaler Verständigung ergreifen, sondern vor allem mit dazu beitragen, durch eine Umgestaltung der heutigen Gesellschaftsordnung die Voraussetzungen für den wahren Frieden zu schaffen. Die Organisationen des Friedens Eine uebersicm 1. Die Deutsche Friedensgesellschaft. Hauptgeschäftsstelle Berlin SW 68, Zimmerstraße 87. Zeitschriften: Das Andere Deutschland, Hagen i. W„ Elberfelder Straße 73. — Die Friedenswarte. Berlin. 2. Deutsche Liga für Völkerbund. Berlin W 35, Potsdamer Straße 103a. Aufklärende Schriften und Mitteilungen über Völkerbundsfragen im eigenen Verlag. 3. Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit Deutsche Geschäftsstelle München, Kaulbachstr. 12. Gth. — Monatsschrift „Die Frau im Staat". Bezugspreis I, 50 RM. vierteljährlich. 4. Bund der Kriegsgegner. 42 Sektionen in 23 Ländern Deutsches Sekretariat Berlin N 24, Gr. Hamburger Straße 4. Organ: „Der Kriegsdienstgegner". Jährlich 8 Hefte, 1,50 RM. Probeheft 25 Pf. — Zentrale: War Resisters International. II, Abbey Road, Enfield, Middlesex, England. 5. Deutsche Liga für Menschenrechte. Berlin NW, Monbijouplatz 10, III. 6. Bund religiöser Sozialisten. Wochenschrift: „Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes". Bezugspreis vierteljährlich 1,50 RM. Adresse: Bernhard Göring. Berlin NW 52. Rathenower Straße 74. Quadersteine sagen, daß die Toten nie vergessen werden. Hoffentlich auf die einzig richtige Weise. — Neben den neuen Bauernhäusern begegnet man jetzt immer öfter auch noch alten Wellblechbaracken und in manches neue Häuschen ist ein Wellblechteil miteingebaut, als könnte sich der Bewohner von diesem Schutz in Zeiten der höchsten Not nicht trennen. An den zerschossenen Stadtmauern von J?)pern erhebt sich dann das eindrucksvolle Denkmal Englands für seine gefallenen Söhne. Ein Riesentor mit Aufgängen nach rechts und links und Wandelhallen an beiden Seiten, alles aus schönem, weißem Stein und alle die hohen Wände .bedeckt mit goldenen Lettern der Namen aller hier Gefallenen — Tausende und Tausende und Tausende. Erinnerungszeichen, Kränze und anderes sind am Boden und an den Wänden gereiht. Und überall laden Bücher den Besucher ein, sich einzutragen. In Ypern selbst wieder das gleiche Bild: — neues Haus an neuem Haus. Auf dem großen 'Platz die Trümmerstätte eines stattlichen-Gebäudes (Rathaus?) und eine noch unvollendete neue Kirche. Wir fahren nach dem „berühmten" Ktmmel. Auch hier: neues Häuschen an neuem — Felder — die gepflegten, eindrucksvollen Grabstätten der Engländer. — Sodann geht es weiter über Dixmuiden zurück zur Nordsee. Auf diesem Weg begegnen wir auch französischen und belgischen Grabstätten mit ihren kleinen, grauen Steinlafeln. Der Eindruck ist der gleiche. Noch dies: Unterwegs machten wir halt an einer der vielen „Herbergen"... Die Wirtin, eine freundliche Flamländerin, brachte uns Tee und Milch. Sie trug ein Kind unter dem Herzen. Wir kamen mit ihr ins Gespräch — sie erzählte, wie traurig es war, als die Vertriebenen zurückkamen und eine total fremde Gegend wiederfanden — Bäume, Wälder waren verschwunden — darum die Weite der Felder heute, wieviele sich noch herumschleppen mit ihren Gaserkrankungen und wie ununterbrochen der Kriegstod noch seine Opfer jährlich abholt. Nun, neues Leben ist wieder da — es regte sich auch unter dem Herzen dieser Volksfrau. Sie erfuhr durch uns von] der Arbeit und Rüstung der „Friedensarmee" in der Welt — auch im einst feindlichen Deutschland — und wir schlössen Freundschaft — die einfache Bauernfrau und wir Städte* aus verschiedenen Ländern mit dem Gelöbnis, zusammenzuarbeiten, daß es unmöglich werde, das aufwachsende junge Leben wieder unter irgend welchen Vorwänden zur Schlachtbank zu führen. Frauen, Mütter reichten sich die Händel 5