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Der Jugendbund · 1929-09-01 · 9 (1.9.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
9 (1.9.1929)
Date
1929-09-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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ihnen nicht gefällt und wie sie die politische Wirklichkeit gestaltet zu sehen wünschen. Es ist heute mehr denn je für die junge Generation notwendig, sich mit den politischen Fragen zu befassen und sich aus eigener Kenntnis der Dinge und Verhältnisse ein eigenes Urteil zu bilden. Heute mehr denn je, denn die politischen SchreUr von „rechts" und von „links" und zweifellos auch aus gewissen Kreisen der politischen „Mitte" haben nie phrasenhafter und gedankenärmer geschrien als heute — und haben, wie manche Ereignisse der letzten Zeit besonders erschreckend beweisen (man denke nur an den jüngsten Studententag in Hannover!) nie größeren Erfolg gehabt als heute. Die junge Generation konnte berufen sein, den Kampf gegen die Phrase zu führen, den Kampf gegen die politische L nit'ormr gegen den Parteigeist und die Parteischablone, und für die wahre Freiheit der Willensbildung, für die Vertiefung des politischen Verantwortungsgefühls und des politischen Wissens. Der Parteigeist in seiner heutigen erstarrten Form hat dazu geführt, im Andersdenkenden zuerst 'den zu bekämpfenden Gegner zu sehen, dann erst — vielleicht — nach der etwa vorhandeRen Substanz zu forschen. Es liegt auf der Hand, daß das kein gesunder Zustand ist. Es geht ja auch in anderen Ländern anders — warum soll nur der Deutsche immer der Zwietracht verfallen sein«?! Man kann sich vorstellen, daß die junge Generation hier mit ihrer Kraft und ihrem entschiedenen Willen, daß.es anders werde, einsetzen könnte. Es wäre denkbar, daß die junge Generation von sich aus mit der Beschreitung ganz neuer Wege begönne. Man möchte wünschen, daß die junge Generation endlich die Initiative ergriffe und selbst ans Werk ginge. Tatsächlich: sind ja auch schon in zunehmendem Maße von der .lugend ausgehende Bestrebungen im Gange, über die alten Partei grenzen hinweg zu einer neuen Verständigung, zu einer möglichst weitgehenden Kooperation mit den» in anderen Lagern Arbeitenden zu gelangen. Solche Vorgänge konnte man sowohl bei den nationalistischen wie auch bei den katholischen und sogar (wenn auch vorerst nur in kleinerem Ausmaß) bei den sozialistischen Gruppen und in einigen anderen Lagern feststellen. Es ist dabei charakteristisch, daß diese Vorgänge sehr stark auch aus der Erkenntnis erwuchsen, daß die eigene Stammpartei bzw. -gruppe doch nicht so vollkommen ist wie sie es glauben machen will. Man besinnt sich in der Jugend wieder auf die Notwendigkeit des Hinhörens, der Selbstkritik und der A n - erkennung der anderen in ihrer Andersartigkeit; man glaubt daran, daß aus dem hoffnungslosen Gegeneinander sich vielleicht doch ein zeitweises Miteinander ergeben könnte. Die von weitesten Kreisen der Jugend angestrebte neue politische Linie zielt auf eine weitgehende ^Verständigung der bisherigen politischen Gegner zur Erreichung neuer, breiterer, stärkerer Fronten mit gemeinsamen Zielen und begrenzt-gemeinsamen Aufgaben (Wegen) hin. Das geht so weit, daß zur Erreichung großer politischer Autgaben der Bruch mitten durch die politischen Parteien hindurchgehen kann, so daß tatsächlich eine vollige Neuschichtung erfolgt und das alte Parteigefüge einer tiefgreifenden Auflockerung unterzogen wird. (E i n Beispiel: kann nicht die Frage, ob Deutschland ein Kolonialmandat annehmen soll, einmal im größten Ausmaß quer durch die Parteien hindurch behandelt werden? Auf dem kürzlichen ..überhündischen" Freusburger Weltjugendtreffen wurde diese Frage bekanntlich von jungen Menschen aller möglichen Parteischichtungen untersucht und weitgehend gemeinsam geklärt!) Es ist klar, daß die hier skizzierte interparteiliche Zusammenarbeit auf keinen Fall an der Landesgrenze Halt machen darf. Diese Arbeit bekommt ja erst ihren tiefsten Sinn, wenn sie auch die Verbindung nach dem Ausland hin sucht und findet. Es kommt da zunächst darauf an, die Verbindung zu den geeigneten Organisationen zu finden (wobei die Weltjugendliga, Berlin N 24, Gr. Hamburger Straße 4, mit Hille ihrer zahlreichen Beziehungen viel beizutragen vermag). Und dann müssen in regem Gedankenaustausch schriftlich und mündlich (bei Austauschbesuchen, bei internationalen Jugend- 4 tagungen usw.) alle politischer, Fragen bis auf den Kern geklärt werden (indem alle überhaupt möglichen Gründe und Gegengründe sorgsamst erwogen werden). Der Arbeitsausschuß für einen Weltbund der Jugend (Frankfurt a. M., Eckenheimer Landstr. 287 I) ist bereits dabei, eine deutsch-französische, eine deutsch-englische und vor allem auch eine deutsch-p o 1 - i i s c h e überparteiische Arbeitsgemeinschaft dieser Art ins Leben zu rufen. Es ist sehr wichtig, dabei nicht nur mit Leuten einer Richtung Verbindung zu halten, sondern möglichst i iele Gesichtspunkte kennen zu lernen. So kann man sagen, daß der jungen Generation nächste und wichtigste politische Aufgabe die Aufgabe eines besseren Kennenlernens der „M einung der anderen" ist — innenpolitisch und außenpolitisch. Wenn die junge Generation wirklich einen Schritt weitergehen will, muß sie mehr von der politischen Wirklichkeit und ihren tatsächlichen Zusammenhängen wissen als die Vorgeneration. Die politische Wirklichkeit steht in keinem Lehrbuch und in keinem Leitartikel, sondern nur in der Gesamtheit der politischen Erscheinungen. Sich mit diesen so innigst vertraut wie möglich zu machen, den Illusionen und Theorien der politischen Parteien zu Leibe zu rücken und ihren echten Kern zu erforschen, sich nicht einfangen und für irgendwelche Sonderif.teressen mißbrauchen zu lassen, jedem Schreier gegenüber so mißtrauisch wie möglich zu sein — das wären Leitsätze, die sich auch mancher grauhaarige Politiker noch gesagt sein lassen sollte! Es ist ja ein Jammer und eine Schande, wie heute Politik gemacht wird — die Jungen müßten vor die Front und mit ihrem unverbildeten Willen das Steuer herumreißen — zumindest überall und immer wieder ihre Meinung sagen! Nie Wartete eine größere politische Stunde au! SM als heute, da man so gerne den „großen Krieg" liquidieren möchte und trotz aller Kabinettswechsel doch nicht recht vorankommen kann! Die Jugend beginne mit der Bildung eigener interparteiischer und internationaler Arbeitsgemeinschaften zu den konkreten politischen Fragen! Freiwillige vor! Wirtschaft und Friede Von Berat Hottmann, Breslau Millionen Toter und Verwundeter, der Verlust wichtiger Rohstoff- und Absatzgebiete, die Verlagerung des wirtschaftlichen Schwergewichts von Europa nach Amerika, die wirtschaftliche und politische Verselbständigung der Kolonien, das ist die Erbschaft des letzten Krieges, die Europa vor einem Jahrzehnt antreten mußte. Noch jahrzehntelang wird die Last der Reparationen für Deutschland ein wirtschaftliches Mahnzeichen sein. Der Kampf der europäischen, imperialistischen Staaten um die wirtschaftliche Vormachtstellung ist mit eine der Ursachen für den Weltkrieg gewesen. Das durch die Akkumulationsnotwendigkeiten des Kapitals bestimmte Expansionsstreben besteht fort, der nichtkapitalistische Raum wird zusehends kleiner, der Konkurrenzkampf der Staaten immer größer. Liegen also nicht gerade in unserer heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die sich allerdings schon in einem Umwandlungsprozeß befindet, die Störungsmomente des Friedens begründet7 Es ist nicht zu leugnen, daß die angeführten Tatsachen neue Kriegsursachen in sich bergen, und es kann auch nicht geleugnet werden, daß bestimmte Kreise der Schwerindustrie, der Rüstungsindustrie vor allem ein direktes Interesse am Ausbruch eines Krieges, an der Weckung und Verständigung akuter Kriegsgefahren haben. Jeder neue Krieg, jede neue Konfliktsspannung bedeutet größeren Absatz, gibt die Möglichkeit, Sonderprofite zu erzielen. Denn die bedrohten Vaterländer müssen ja geschützt werden! Mit zunehmender Kapitalverflechtung dürften die Möglichkeiten großer internationaler Konflikte, die ihre Lösung durci einen Krieg finden, abnehmen. Auch die als Folge der wirtschaftlichen Verluste der Fertigwarenindustrie im Weltkrieg entstandene größere Rechenhaftigkeit drängt nach Lösung de: Konflikte auf friedlicher Basis. Der Erfolg lohnt den Einsalr nicht mehr, das Risiko eines verlorenen Krieges ist zu grol

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