Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 9 (1.9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Kriegsdienstverweigerung und lugend von Martna Stelnitz, Leeds „Ich glaube nicht, daß Juden jemals noch kämpfen sollen. Auf keiner Seite, für keine Sache. Juden sollten dem Grauen und der Erniedrigung des Militärdienstes nicht zustimmen. Welches Volk, oder, wenn man will, welche Religion hätte ein besseres Recht, sich von den Barbareien des Krieges zurückzuziehen? Wie die bewunderungswürdigen Quäker sollten wir erklären, daß Krieg unseren Instinkten, unserem Gewissen, und der Tradition unserer Propheten und Weisen seit mehr Jahrhunderten entgegengesetzt ist, als die modernen kriegführenden Nationen überhaupt bestehen . . . Wir können Märtyrer für den Frieden sein, treu uns selbst und Israel. Wir können wie die Ouäker ein Licht für die sein, die in der Dunkelheit wandern. An dieses Ideal glaube ich. Seine Zeit wird kommen." Ludwig Lewisohn in „Israel". Kriegsdienstverweigerung ist eine Jugendbewegung. Zunächst müssen ihre Träger jung sein, denn in erster Reihe i% erden junge Menschen in Krieg und Frieden zum Heeresdienste eingerufen. Unsere englischen Kameraden, deren Wider- -tand gegen die Wehrpflicht während -des Weltkrieges die moderne Bewegung ins Leben rief, waren alle jung. Harold Bing, der Führer der neuenglischen Jugendbewegung, ging als I8jähriger, als jüngster Kriegsdienstverweigerer, ins Gefängnis. Heute sitzen hunderte junger Menschen in den Gefängnissen Europas, in Holland, der Schweiz, Frankreich, Rußland, Polen and den Balkanländern, weil ihnen ihr Jungmenschentum verbietet, sich in der Kunst des Tötens beim Militär ausbilden zil lassen. Viele wählen statt eines Uebungskursus von wenigen .'. ochen Monate und schwere Jahre im Gefängnis. Sie alle >tehen im Alter von 18 bis 25 Jahren. In Neuseeland, Australien und Kanada aber wird unser Kampf für den Frieden von Knaben zwischen 14 bis 18 Jahren gekämpft. \X ichtiger noch ist es, daß die Bewegung Geist vom Geiste ,1er Jugendbewegung ist. Jugend kennt kein Kompromiß; sie geht aufs Ganze. Wer den Krieg verneint, kann den Kriegs- Jicnst nicht bejahen, Jugend fragt nicht nach den Folgen, Jugend ist heldenmütig und wagt Freiheit, Glück und Leben an das einmal erkannte Ideal. Jugend hat Kraft zur Umkehr. Träge Gewohnheit schlägt sie nicht in Fesseln, sie wählt und entscheidet neu. Für die Jugend ist Kriegsdienstverweigerung kein einmaliger Akt, keüie losgelöste Tat, sondern Basis des Lebens. Wer einmal sich entschieden hat, den Kampf um eine neue Welt mit den Waffen des Geistes zu führen, wer einmal in jedem Menschenantlitz das Ebenbild Gottes zu sehen vermocht Hat, dem wird sein ganzes Leben zu einer Kette von Wagnissen und Erfüllungen. Seht auf die Kriegsdienstverweigerer in der Schweiz. Sie weigern dem Staate die wenigen Wochen des Militärdienstes, aber jeden Sommer finden sie sich zusammen, junge Lehrer und Studenten, Arbeiter und Kaufleute, Jungen .nd Mädel, und ziehen in die Dörfer, die Lawinen und Bergrutsche geschädigt haben, und in harter Arbeit verbringen sie ihre Ferien im Dienste an der notleidenden Gemeinschaft. Seht nach England. Kaum waren unsere Freunde aus dem Gefängnis befreit, so machten sie sich daran, der englischen Oeffentlichkeit zu erzählen, wie es denn eigentlich hinter Gefängnismauern aussehe. Und in wenigen Jahren wurde Jas gesamte englische Gefängniswesen revolutioniert und aus Stätten des Zwanges und der Rache Erziehungsanstalten, in denen die menschliche Seele gesunden kann. Nach Palästina seht, wo unsere Freunde in den herrlichen Kinderdörfern einer glücklichen Jugend die Möglichkeit freiester Entfaltung bei größter Selbstverantwortung gewähren und das arabische Kind mit einbeziehen in den Kreis der Freundschaft. Es ist kein Zufall, daß überall in der Welt die Kriegsdienstverweigerer mitten drin stehen in jeder sozialen Bewegung, sei es Gefängnis- oder Erziehungserneuerung, religiöse Einkehr oder Umkehr zu neuen Lebensformen. Ihr Glauben und ihre Liebe lassen sich nicht aufspeichern bis zur Katastrophe, sondern wird zum beständigen Dienste an der Menschheit und am Siege des Geistes. Juden haben starken Anteil an dieser Bewegung, wie ja an der gesamten Friedensbewegung. Habt ihr schon einmal nachgedacht, wie es kommt, daß Esperanto von dem jüdischen Arzte Zamenhof erfunden wurde? Daß die Internationale Frauenliga von der jüdischen Dr. Aletta Jacobs ins Leben gerufen wurde? Daß der Jude S. O. Levinson der intellektuelle Urheber des Kellogg-Paktes ist? Leicht hat es der Jude, dem Kriege den Rücken zu kehren, sobald er es nur wagt, Jude zu sein und nicht nach den anderen und ihrer Meinung zu fragen. Denn immer — auch wenn Palästina seine leibliche Heimstätte werden sollte — wird seine wahre Heimat im Geistigen sein, wo sie seit Jahrtausenden begründet ist. Ist nicht die jüdische Geschichte ein einziger Beweis der Sieghaftigkeit des Geistes über Waffengewalt? Verschwunden vom Erdball wären die Juden, wie ihre Zeitgenossen, die Griechen; die Phönizier, die Babylonier, hätten sie sich gegen Pogrome und Verfolgungen mit dem Schwerte in der Hand gewehrt. Viele einzelne gingen unter, aber das Judentum, Volk und Geist, lebten weiter,! Seine erste Pflicht ist, an der Verwirklichung des Prophetenwortes mitzuarbeiten, das der ganzen Menschheit den Frieden .verkündet. Wie aber kennzeichnet Jesaja die Zeit der Erfüllung? „Nicht mehr werden sie den Krieg erlernen." Junge Juden, das ist es. Wenn junge Menschen nicht mehr den Krieg erlernen wollen, dann wird der Frieden kommen. Seid stolz darauf, daß einer von euch der Menschheit so den Weg gewiesen hat; aber erkennt auch, daß euch dies eine besondere Verantwortung gibt. Nur dann sind wir unserer großen Vorfahren wert, wenn wir leben, was sie lehrten. » Na chbemerkung: Wer sich ausführlicher über die Bewegung für Kriegsdienstverweigerung informieren will,, der lese „Der Kriegsdienstgegner", Nachrichtenblatt der Internationale der Kriegsdienstgegner, Preis 0,20 Mark pro Stück, Moderne Märtyrer, Briefe gefangener Kriegsdienstverweigerer aus 11 Ländern, 0,50 Mark, Kriegsdienstverweigerer in vielen Ländern, Konferenzbericht der Sonntagsberger Tagunji 1928, mit der großen Rede des palästinensischen Jugendführers Dr. Hans Kohn, Preis 0,50 Mark, Gewalt und Gewaltlosigkeit, Handbuch des aktiven Pazifismus, Rotäpfelverlag, Zürich, Preis 6,40 Mark, alles zu beziehen durch die War Resisters International, 11, Abbey Road, Enfield, Middlcsex, oder durch die deutsche Zweigstelle, den Bund der Kriegsdienstgegner, Berlin N 244, Große Hamburger Straße 4, Ouergeb. III. Interparteiische und internationale Zusammenarbeit von Werner Jantschge, Franhiurt a. m. Die parteipolitische Entwicklung der letzten zehn Jahre hat in der jungen Generation denkbar größte Enttäuschung hervorgerufen. Den großen Worten von 1918 19 folgten in keiner Partei auch nur halbwegs entsprechende Taten. Deshalb bemächtigte sich der jungen Generation nach einem letzten verzweifelten Anlauf im Inflations- und Ruhrjahr in zunehmendem Maße Resignation und Verzweiflung. Die erste und sofortige Wirkung davon war, daß die ältere Generation triumphierend den Kopf schüttelte und „feststellte", daß also die Jungen auch nicht mehr' weiter wüßten und keine neuen, besseren politischen Ideen hätten. Die jungen Menschen, die vielleicht die politischen Führer von morgen sein werden, haben schon sich selbst gegenüber die Pflicht, ihre Meinung zu sagen und offen zu erklären, was 3