Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 8 (1.8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JUNGGRUPPE Verantwortliche Schriftleitung: Jack Raphael. Beckum L W. Fahrt Lieber Kurt! Du bittest mich in Deinem letzten Briefe, Dir einmal ein Dild einer Fahrt der Jugendgruppe zu geben. Siehe, am frühen Morgen, wenn die Sonne blitzt und die hrsamen Bürger durch tiefe Sohnarchtöne noch die Nachbarschaft erzittern lassen, stehen unsere Jungens und Mädels in er einfachen, aber schönen Bundeskluft mit vollgepackten Kucksäcken und freudig strahlenden Augen am Bahnhof und uarten ungeduldig auf die Abfahrt." Nun sammelt der Führer das Geld ein. Jeder gibt, wenn er kann, mehr als das Fahrgeld kostet, um durch diesen Beitrag für die Fahrtenkasse anderen das Mitkommen zu ermöglichen. Bald ist der Ermäßigungsschein gelöst. Jeder bekommt seine „Hundekarte". Der Führer prüft, ob Wimpel, Vöball, Kochtopf, Spaten und Zeltgerit vollzählig vorhanden sind. Dort hat ein kleiner Junge zwei Zeltbahnen und den Vöball, Kochtopf, Spaten und da trägt ein kräftigerer nur eine Bahn. Gleich wird auch das gerecht verteilt, denn jedem das, was ihm zukommt. Nun geht's auf den Bahnsteig. Schnell ist ein Wagen gefunden. Sturm auf die Bude! Es dauert nicht lange, richtet sich die liandc ein Heim ein. Zeltbahnen werden auf den Boden gelegt, damit man sitzen kann, die Rucksäcke kommen an die Seiten als „Lehnen". Nun geht's los! Die einen diskutieren teste noch vom gestrigen Heim weiter, andere lesen was zusammen, andere versuchen einen „Affen", den natürlich einer ialsch gepackt hatte, weswegen ihm diverse Eier zerdrückt' waren, in Ordnung zu bringen. Der „fleißige" Wanderführcr beginnt, eine Unmasse von Meßtischblättern, einige Kompasse, Kilometermesser usw. vor sich liegend, allmählich den Weg ■erauszuknobeln. Mädels sind manchmal auch nützliche Geschöpfe, denn sie nähen gerade einem Jungen ein Loch im Slrumpf zu, das ja auf Fahrt unvermeidlich ist. Einige „Romantische" beschauen sich die Gegend, die der Zug, der in- Ewichen in voller Fahrt ist, „durchrast". Bald ist der Lagerplatz erreicht. Die Gruppe formiert sich zum Kreis. Der i'iihrer tritt in die Mitte and gibt das Lagerprogramm bekannt, bestimmt die Lagerämter u. a. „Lustig ist das Junggruppenlcben" würde das Volkslied singen, hätte es sowas je gesehen. Kinige schlagen die Zelte auf, die mit allem „Komfort" ausgestattet werden, andere legen eine Feuerstelle an, während die Köche das „Diner" vorbereiten, dritte holen Wasser von der Quelle. So hat jeder was zu tun, um das Lager, um die Stätte, die ihnen für Stunden Heim sein wird, zu bauen. Ist alles fertig, beginnt der Sport. Nur die Köche haben Dienst, dafür haben sie aber später frei, während andere dann irgendwelche Dienste leisten müssen. Alle entkleiden sich bis auf das Dreß bzw. den Turnanzug. Die unvermeidlichen Vöballspiele steigen, doch werden diese durch andere Sportarten abgelöst. Inzwischen ist das Essen fertig geworden. Mit großem Geschrei rufen die Köche zum „ersten Mittagessen". Das Spiel wird beendigt. Dann wäscht sich jeder und holt sein Eßgerät. Alle setzen sich in einen Kreis. Da kommt auch schon die ..Oberköcbin" mit dem großen Pott und dem großen Schöpflöffel, stellt sich in die Mitte und teilt das kostbare Gut aus. \achdem die Teller gefüllt sind, fassen sich alle an den Händen und singen ein Lied. Der Führer wünscht nun .beteamon" (auf deutsch: Mahlzeit), die übrigen darauf auch. Krst jetzt ißt man (keiner würde wagen, vorher nur zu kosten), aber mit um so größerem Appetit. Zu Hause würde der Junge den „Fraß" mit viel Gezeter stehen lassen, hier von Menschen seiner Gemeinschaft gekocht und mit seiner Gemeinschaft gegessen, schmeckt's „knorke". Ein Kommandopfiff des Führers ruft die Schar zum Heim. Es wird gelesen, diskutiert, beraten und entschieden. Auf das Heim folgt eine „freie Stunde", die jeder dazu nutzen kann, wozu er Lust hat, die die Gemeinschaft dem einzelnen freigibt. Nach geraumer Zeit ruft der Führer zum „Instruktionsheim". Dort wird dann gemorst, Spuren gelesen, Zeit ohne Uhr bestimmt, Knoten gebunden und was sonst noch Pfadfinderisches zu lernen ist. Nach Beendigung wird dann noch gespielt. Mittlerweile ist die Zeit vorgerückt und der Abbruch des Lagers beginnt. Wieder hat jeder zu tun, der eine die leichtere, der andere die schwerere, der eine die saubere, der andere die schmutzigere Arbeit. Aber jeder Handgriff wird geadelt duch das Bewußtsein, daß der einzelne für die Gemeinschaft am Werk ist, daß er als Glied in der Kette seinen Posten für das Große, das Höhere, als die Gemeinschaft der Menschen, für, die Idee ausfüllt. Einer für alle und alle für einen! Nun ist alles erledigt. Die Rucksäcke sind gepackt, der Lagerplatz gesäubert und abgesucht; fast nichts verrät, daß eine Gruppe hier gelagert hat, nur die Ränder des zusammengeschaufelten Grabens, der das Zelt umspannte, sind andeutungsweise zu erkennen. Unter frohem Sang zieht die Junggruppe ab. So ungefähr mag die Fahrt einer Junggruppe, die über das Anfangsstadium etwas hinaus ist, ausschauen. Natürlich wird bei trübem Wetter wenig gelagert und mehr „geklotzt". Bei großer Hitze macht man eine Badefahrt. Zur Abwechslung gibt's auch mal eine Nachtfahrt oder gar eine Mehrtagsfahrt. Manchmal verläuft's auch unprogrammäßig, manchmal hemmt schlechte Disziplin. Aber im großen und ganzen merkt man deutlich, daß auch in die Reihen der Junggruppen ein neuer Geist einzieht, daß sie fast mit Recht singen dürfen: „Mit uns zieht die neue Zeit!" Ich grüße Dich und bin Dein Martin Seligmann. Fahrt bedeutet gemeinsames Erleben. Gemeinschaft wird dem Junggruppier hier mehr als bloßer Erziehungsbegriff, denn er erlebt Gemeinschaft. Anfangs vielleicht nur notgedrungen. Die äußeren Umstände zwingen ihn jedoch, sich enger an den Kreis der Kameraden anzuschließen. Dieser äußere Druck aber knüpft Bindung im Innern. Und es kommt der Augenblick, da der Junggruppier klar erkennt: Ich gehöre nicht nur zu ihnen. Wir alle bilde'n eine große Gemeinschaft! Einer muß stehen für alle und alle für einen! Erste Pflicht ist es, dieses Gebot restlos zu erfüllen; denn es ist das Gebot der Menschlichkeit. Aber gerade Menschlichkeit, einst das herrschende Icjeal von Jahrhunderten, mangelt unserer heutigen, rationellen Zeit. Hier muß, getragen von reinstem jugendlichen Idealismus, die Wiederaufbauarbeit der Junggruppe einsetzen. Ich will jedoch Fahrt auch kritisch betrachten: Gerade Fahrt trägt erfahrungsgemäß oft dazu bei, junge Menschen zu lebensfremden Idealisten zu erziehen. Diese aber können wir nicht brauchen. Diese Menschen müssen an unserer heutigen Zeitrichtung scheitern. Ihre. Ideale zerbrechen an den Granitklippen des Alltags. Nichts bleibt von solchen Menschen übrig. Das Erleben der Fahrt darf später nur ein leises, frohes Erinnern sein. Mehr nicht. Aber trotzdem, Ideale müssen wir haben. tNie jedoch dürfen diese Ideale den Boden der Wirklichkeit verlassen. Für diese Ideale müssen wir aber auch eintreten im Leben, müssen für sie kämpfen mit unserer ganzen persönlichen Kraft. — Dazu soll Fahrt erziehen. Sie soll erziehen zu einem neuen Menschenschlag: Zum praktischen Idealisten, der den harten Anforderungen des Alltags gerade an uns jüdische Junggruppier auch aktiven Widerstand leisten kann. Nur dann ist die Erziehungsaufgabe der Fahrt erfüllt. Hans Cohn, Kaiserslautern. - - Osnabrück ist unterwegs! L Am Freitag Abfahrt von "Osnabrück. Auf dem Bahnsteig die letzten elterlichen Ermahnungen, worauf die liebliche Antwort kommt: „Ach, Mutti, du hast ja ganz vergessen, zu sagen, daß ich nicht an der Notbremse ziehen soll!'' — Die Mütter wissen nicht.mehr, ob sie lachen oder weinen sollen. Kurz entschlossen tun sie beides. II. In Düsseldorf am Abend nach kurzweiliger Fahrt würdiger Empfang. Im Jugendheim kulinarische Genüsse, für die dem unbekannten Stifter an dieser Stelle gedankt wird. Der folgende Tag war der Besichtigung der Stadt gewidmet. Spät in der Nacht zogen dann hochbepackte Gestalten zur Bahn, um III. mit „Windeseile" kommenden Ereignissen entgegenzufahren. Da die Ereignisse ausbleiben, wollen wir gleich zu den Begebnissen des 5