Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 8 (1.8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Moses Mendelssohn Zu seinem 200sten Geburtstage von Eugen Roth. Kothen Dessau, heute als die Stadt der Junkersflugzeuge und des Bauhauses in vieler Munde, rüstet sich, in feierlicher Weise den 200stcn Geburtstag seines großen Sohnes zu begehen, dessen schönes Denkmal in den geschmackvollen Anlagen nahe am Bahnhof steht, Moses Mendelssohns. Auch wir, der Verband und ieder einzelne junge Mensch, sollte sich in diesen Tagen das Bild jener einzigartigen Persönlichkeit zu vergegenwärtigen versuchen, die für die Entwicklung und die geistige Richtung des deutschen Judentums von so ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist. |Die folgenden Zeilen sollen kein« Biographie des großen Mannes zu geben versuchen, sondern nur kurz das Wichtigste! aus Leben und Werk Mendelssohns zii-ammcnstellen. In einem Häuschen in der Spitalstraße zu Dessau wurde Mendelssohn geboren. Er besuchte hier das Lehrhaus des Kabbi David Frankel, dem er, 13 Jahre alt, nach Berlin folgt«, um zu lernen. Es ist bekannt, unter welchen Entbehrungen er sich weiterbildete, wie er. Deutsch. Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch lernte, um sich weiterzubilden. Mit 25 Jahren war Mendelssohn ein vielseitiger Gelehrter, aber wie sollte er all dieses Wissen als Jude, dem jede öffentliche Lehrtätigkeit untersagt war, entsprechend verwerten? Als Hauslehrer und späterer Buchhalter des Seidenfabrikanten Btrnhard erwarb er seinen Lebensunterhalt. Da machte er im Jahre 1754 die Bekanntschait eines Mannes, dessen Einfluß auf das deutsche Geistesleben damals noch die wenigsten erkannten, L c s s i n g s. "Lessing war einer der wenigen in der damaligen Zeit in Deutschland, die den geistigen und sittlichen Gehalt des Judentums verstanden und würdigten. Voa seinem Lustspiel „Die Juden", das er als 20jährigcr Student schrieb, bis zum" „Nathan" war sein Leben dem Fortschritt, der Humanität und der echten Toleranz gewidmet. Beide Persönlichkeiten, Lessing und Mendelssohn, haben großen Einfluß aufeinander ausgeübt und sich gegen eitig viel gegeben. Die gebildete Welt des damaligen Deutschland hielt die Juden für unwissende, der deutschen Kultur unfähige Menschen. Und die Juden selbst hielten Judentum und freies Denken für unvereinbar, und ihre Rabbiner und Lehrer suchten die Jugend vom Deutschlcrnen und vom Lesen deutscher Literatur ängstlich zu bewahren. Hier liegt die gewaltige geschichtliche Bedeutung Mendelssohns, der als erster die Schranke zwischen Deutschtum und Judentum einriß und seinerzeit weit vorausschauend erkannte, daß Deutschtum und Judentum nicht zwei einander ausschließende Welten, sondern wohl vereinbar sind. Mendelssohn übersetzte den Pentateuch und die -Psalmen ins Deutsche, unbeirrt davon; daß Rabbiner die Benutzung seiner Uebersetzung als Gefahr für das Judentum mit dem Banne bedrohten. Er gründete im Jahre 1778 die erste organisierte jüdische Schule in Berlin, die erste, in der die jüdische Jugend die deutsche Sprache erlernte. Mendelssohn schuf die erste jüdische Zeitschrift, die in einem Anhang die hebräischen Artikel in deutscher Sprache wiedergab. Seine Gedanken über Religion und Staat legte er in seinem Buche „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" nieder, einem Werke, aus dem unsere Bünde und Vereine sich viel Wissen und Wertvolles über das Judentum holen können. Auch für die Besserung der politischen Lage der deutschen Juden erhob Mendelssohn seine Stimme. Er war es, der den Kriegsrat Dohm zu sefner berühmten Schrift über die „bürgerliche Verbesserung der Juden" veranlaßte. Seine Persönlichkeit auch war es, die in der Berliner Gesellschaft das Bild des Juden in der deutschen Kultur zu wandeln half. Auf die große Bedeutung Mendelssohns als des weisen Philosophen und phUosophischen Schriftstellers soll hier nicht eingegangen werden. Es sei nur sein Hauptwerk „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele" hervorgehoben, das in leichtfaßlicher Weise die Gründe für die Unsterblichkeit der Seele darlegt. Mendelssohns letztes Werk — er starb schon iiri Jahre 1786, im 57. Lebensjahre — war eine Verteidigungsschrift seines Freundes Lessing „An die Freunde Lessings", der er den Rest seiner Kräfte gewidmet hatte. Die Bedeutung großer Persönlichkeiten und ihr Einfluß war zur damaligen Zeit, wo Bildung und Kultur das Privileg eines kleinen Kreises waren, eine weit größere alsj heute. Zwar erklingt heute in vielen Kreisen und Klassen der Ruf nach dem starken Mann und der großen Persönlichkeit, idie zur Führung der Völker berufen sein soll. Es war« müßig, die Frage zu erörtern, ob ein neuer Moses Mendelssohn in Unserer Zeit nicht eine recht dankbare Aufgabe finden würde. Von Mendelssohn ging eine Verjüngung und Wiedergebtirt des Judentums in Deutschland aus. Auch das deutsche Judentum von heute könnte eine solche Verjüngung und Wiedergeburl wohl brauchen. Zwar die äußere und innere Angleich/ung an die deutsche Kultur ist dem deutschen Juden heute eine Selbstverständlichkeit, sie braucht nicht erst erkämpft zu Werden. Aber auch das deutsche Judentum von heute steht an der Zeitwende einer großen, inneren und äußeren Umschichtung, die Tradition aller toten Geschlechter, so hat einmal Karl .Marx gesagt, lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden. Mendelssohn war einer von denjenigen — und deswegen ist er viel angefeindet und mißverstanden worden — der den Alp der Tradition von dem Gehirn der damaligen Judenheit genommen hat. Diese Aufgabe, die einer Wiedergeburt und Verijüngung des Judentums in Deutschland, ist die Wegrichtung unseres Verbandes als des Trägers seiner Ideen, die ffeit Mendelssohn die geistige Kultur des deutschen Judentums zur einflußreichen in Deutschland und zur beispielgebenden im Weltjudentum gemacht haben. Indem wir diese Wegrichtung weitergehen, feiern besten und eindringlichsten Moses Mendelssohn. . Schlußwort zur lewish-ügency-Oiskussion Es sind uns noch eine große Anzahl Meinungsäußerungen zustimmender und kritischer Art im Zusammenhang mit der in der Mai-Nummer eröffneten Diskussion über den Eintritt in die Jewish Agency zugegangen. Da neue Gesichtspunkte nicht zutajie traten und überdies in der Zwischenzeit die Erweiterung der Jewish .Agency durch die Wahl einer Anzahl Persönlichkeiten aus nichtzionistischen Kreisen in Deutschland vollzogen ist, sehen wir von einer Weiterführung dieser Diskussion ab. Die erweiterte Jewish Agency ist hellte ein Faktum des jüdischen Lebens. Ich habe in einem einleitenden Artikel meiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß es gerade unter dem Eindruck dieser gemeinsamen Aktion von Zionisten und Nichtzionistcn auch im innerjüdischen Kampf in Deutschland unmöglich so bleiben kann wie vorher.; In nicht allzuferner Zeit wird die bisherige Basis der ideologischen Auseinandersetzung als nicht mehr zeit- und uns jheutigen Menschen gemäß empfunden werden. Ich bin überzeugt, daß die Entwicklung der jüdischen Jugend in der Richtung auf eine neue Wertung der grundsätzlichen Fragen jüdischen Seins für ihr Leben als Juden in Deutschland stärker sein wird ah das erneute demonstrative Bekunden gestriger Erkenntnisse Gerade, daß die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland die Zustimmung fast aller Kreise jüdischer Jugend gefunden hat, erscheint mir hierfür ein schlüssiger Beweis. Der Verband muß aus seiner Idee heraus in dieser Auseinandersetzung führend mitwirken. Das praktische Zusammenwirket in der Frage der JeVvish Agency soll in diesem Sinne als eit Anfang gewertet werden. Fritz Schwarzschild. Bücherschau Moses Mendelssohn, eine Auswahl aus seinen Schriften um Briefen. Zweite Auflage. Verlag J. Kauffmann, Frank furt a. M. 1919. Preis 1,93 RM. Ein ausgezeichnetes Buch, das in glücklicher Zusammen Stellung alles Wissenswerte aus den Werken Moses Mendels sohns für denjenigen bringt, der nicht Zeit und Gelegenhe hat, die Schriften Mendelssohns zu studieren. Ich halte da