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Der Jugendbund · 1929-08-01 · 8 (1.8.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
8 (1.8.1929)
Date
1929-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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oep Ji/G€]UfiBi)1NP miTTfeituneen Des vegBAnoes Dep jüdischch juGenoveoeine DfljTSCHLQnps 15. Jahrgang Düsseldorf, den 1. August 1929 Nummer 8 flllS flPni Inhalt' r'-rf,,11,,nllnd Enrarturig von I>. Gustav Löfflor, Frankfurt a. M. — Moses Mendelssohn von Eu<ron HUO Ublll IIMIUIl. Hoth, Kothen. — Schlußwort zur Jewish-AgencvJJiskussion. — Bücherschau. — Aufruf. — Aus »U ni Leben dos Verbände«. — Die Junggruppe. — Mitteilungen der Yer'rxuulsleitung. — Spendenliste. — Adressenänderungen. Erfüllung und Erwartung Zugleich ein Akt des Dankes an die Freunde im verbände von dp. Gustau Uhler, Frankfurt a. rti. i. Nun stehe ich seit mehr als 20 Jahren dem Verbandsgelriebe ganz nah«, — bald als freudig Nehmender, zu Zeiten als bescheiden Gebender, seit Jahr und Tag als freundwilliger Beobachter und Mahner. Wer hätte gedacht, daß nach so langer Zeit und so vielfältiger Beziehung noch eine Entdeckung von Bedeutsamkeit möglich seil Und doch machte ich sie in diesen Tagen, machte ich sie angesichts der mir seitens der Verbandsleitung bereiteten feinsinnigen Ehrung aus Anlaß meines 50. Geburtstages. Dabei wurde mir unbezweiielbar klar, daß dem VJJD. eine Seele innewohnt. Schon in früheren Jahren, bei größeren Tagungen in Eisenach, in Nürnberg, Kassel und Bonn, hatte ich manchmal beim Aufleuchten eines Augenpaares, dem festen Druck einer Hand, dem Beben eines Wortes, das wohlige Gefühl, daß zwischen einem, wenn auch kleineren Kreis von Menschen eine bindende Kraft wirksam sei, die aus seelischen Gründen entsprang, die nicht organisatorisch gemacht war. Jetzt aber kam ein warmer Sirom von Treue, Liebe, Verstehen auf mich zu, kam ohne Anruf der Verbandsleitung von jüdischen Menschen aus dem Lager des Verbandes, die ich teilweise jahrelang nicht mehr gesprochen hatte, kam in einer Schöne, mit einem Leuchten, das nur dem letzthin Menschlichen zueigen ist, — der Seele. In mir hat dies ein Glücksgefühl und eine unvergängliche Dankbarkeit ausgelöst. Darüber hinaus hat mich's nachdenk- 1 ich gestimmt. Ist doch dieses Inerscheinungtreten der Verbandsseele von soziologischer Bedeutung. Wieder einmal ist dargetan, wie schmal die Grenzlinie, wie fließend die Uebergänge zwischen Jugend bewegung und Jugend b u n d. Die Beseeltheit der Gemeinschaft zwischen „bewegten" jungen Menschen galt als wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber der „Organisation" der „unbewegten" Jugendvereine. Man wird nach meinen Erfahrungen künftighin gut tun, auch mit diesem Kriterium vorsichtiger umzugehen. Indes — für einen weiteren Kreis besinnlicher Menschen dünkt mich das Ergebnis weit wichtiger, das sich bei der Frage bietet, wie denn eine so innige Verbundenheit von Menschen und darum eine wahre Gemeinschaft in der Atmosphäre des VJJD. möglich wurde, die man, nicht ohne einige Berechtigung, als ungünstig für beseelte Beziehungen von vornherein ansprach. Kurzum, die Frage nach dem Sein oder Werden der „Gemeinschaft" — zum Unterschiede von der Gesellschaft, vom organisierten Betrieb — erhebt sich aufs neue, mit frischer Wucht. Man weiß, wie unmittelbar nach dem Kriege der Ruf nach der „Gemeinschaft" laut wurde. Alle Sehnsucht nach Ueberbrückung der Kluft zwischen Mensch und Mensch, nach neuartigen, unerhörten, gefühlsgeschwellten Beziehungen offenbarte sich in diesem Schrei nach Gemeinschaft. Bewegte Jugend glaubte damals, ihre ehrliche Bereitschaft zu solch neuer, weltweiter Haltung' genüge, um den neuen Zustand menschlicher Beziehungen zur Wirklichkeit werden zu lassen. Doch der Glaube war irrig. Frische und Adel der Jugend reichte nicht aus, um Kälte, Haß und Neid aus den breiten Schichten der Gesellschaft zu scheuchen. Viele der einst siegesgewissen Jungen sind selbst Neidlinge und Haßerfüllte geworden, haben sich um die Banner des Klassenkampfes und Rassenfanatismus geschart; andere zogen kleinmütig weiter und machten Frieden mit der unveränderten „Gesellschaft". Aber — die Sehnsucht nach der wahren Gemeinschaft blieb und ist eher größer geworden. Vor einigen Tagen erst gab ihr der Hochschulprofessor v. Aster, manchem von uns aus dem „Morgeru bekannt, im Kreise sozialistischer Akademiker Ausdruck. Die ältere Generation mag von dem Glauben an ihre Erfüllung nicht lassen, obwohl sie weiß, daß sie mit der bloßen Bereitschaft nicht zu erreichen ist. t Wie aber anders wäre sie zu verwirklichen? Herzliche Beziehungen, wie sie auch anderen im Rahmen des VJJD. vergönnt waren und sind, Gemeinschaftskreise, die allerhand Belastungsproben überdauerten, geben einige Hinweise. Wo die Lebensrichtung und der Lebensrhythmus mehrerer Menschen sich gleichen, da ist die Gemeinschaft als Beziehungsform d a, gleich einem gnadenreichen' Himmelsgeschenk. Allein wie selten ist solche „apriorische" Harmonie. Wo ganz verschiedenartige Menschen einandertreffen, gleich nur in der Sehnsucht nach etwas Güte, etwas Liebe —, die des Lebens Härten erträglicher machen —, da gilt es, um das Werden der Gemeinschaft ernsthaft sich mühen, sie zu schaffen. Dies aber scheint mir am ehesten, vielleicht ausschließlich möglich durch das gemeinsame Erlebnis von Glück und Freude oder auch von Leid über gemeinsam erstrebtem Werk. Darum tut eines not, um die echte Gemeinschaft zu gestalten, und muß dies Eine um der Sehnsucht der Vielen willen von allen gefordert werden; Hingabe an das gemeinsame Werk, vor allem Hingabe an den anderen, um ihn bereit zu machen, mit noch so schwachen Kräften auf ein gemeinsames Ziel sich einzustellen. Glaubt mir's: Jeder, und gerade der einfache Herdenmensch, kommt, um seinem Geltungsbedürfnis Genüge zu leisten; aber irgendwie ist ihm zugleich bewußt, daß er dies nur vermag, wenn er zugleich mit anderen wirkt. Freude am gelungenen Werk aber — wer hätte dies nicht schon erlebt! — macht die Menschen weit offen für einander, nähert sie, läßt den Funken der Freundschaft, der Liebe überspringen, schafft — Gemeinschaft. Daß ich mit etwa 20 Menschen im Laufe von zwei Jahrzehnten unverdrossen am Werke des VJJD. diente, manche Enttäuschungen und einzelne frohe Augenblicke mit ihnen durchkostete, schuf mir die beglückende Stunde, da ich den VJJD, als Stätte der Gemeinschaft, da ich die Seele des Verbandes entdeckte. (Fortsetzung in der Oktober-Nummer.)

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