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Der Jugendbund · 1929-07-01 · 7 (1.7.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
7 (1.7.1929)
Date
1929-07-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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u/eltkonferenz der jüdischen Frauen (3.-6. Jini 192« in Hamburg) von Anne Hahn. Essen Es kann natürlich nicht Sinn dieses Berichtes sein, den gesamten Verlauf der Tagung hier wiederzugeben. Diese Aufgabe wir<J von anderen Zeitschriften gelöst werden. Hier kann es sich nur darum handeln, von den Problemen zu sprechen, die für die Jugendarbeit von besonderem Interesse sindv Der äußere Rahmen: Der erhebendste Moment\der ganzen Konferenz war die Gründung des Weltbundes jüdischer Frauen. Nach anfänglichen, begreiflichen Schwierigkeiten gijng die Gründung überraschend gut von statten. Das Bewußtsein von der Größe der gemeinsamen Aufgaben war stärker als die Macht der persönlichen Hemmungen. Ausdruck dieses Willens zur Gesamtheit war Mrs. Kohut, die Einberuterin und Präsidentin des Kongresses. Sie war es auch, die bei dem vom Hamburger Senat veranstalteten Empfang ein so warmes Bekenntnis der Frau zum Judentum gab, daß sich aus den Augen des Oberbürgermeisters Dr. Petersen, der vorher selbst herzliche Worte der Begrüßung gesprochen hatte, eine „historische Träne" stahl. Es wird jetzt Aufgabe des Weltbundes sein, die inneren Kräfte zu sammeln, um die Rechte der jüdischen Frauen in der Welt gemeinsam zu wahren. Manche Delegierte wird den Kongreß mit dem Wunsche verlassen haben, daß die jüdische Jugend, von der oft bei den Beratungen gesprochen wurde, bald auch sich in einem Weltbund organisieren möchte. Die jüdische Ehe: Man achtet im allgemeinen viel zu wenig darauf, daß eine jüdische Ehe nicht nur unter dem Staatsgesetze steht, sondern gleichzeitig auch dem jüdischen Gesetze genügen muß. Daraus entstehen' manchmal juristische Konflikte, die bei der Eheschließung und Scheidung Schwierigkeiten hervorrufen können. Miß Lizzi Hands (England) hat den Kongreß in einem ausgezeichneten Referat über den heutigen Stand dieser Fragen objektiv unterrichtet. Zu diesen Schwierigkeiten gehören nach ihrer Meinung vor allem die Unmöglichkeit für eine geschiedene Frau, eine neue Ehe einzugehen ohne vorherige religiöse Scheidung; die Notwendigkeit, daß die kinderlose Witwe durch den Bruder ihres verdorbenen Ehemannes freigegeben werden muß (Chalizah); die Wiedervirheiratung einer Frau, deren Mann als verschollen gilt odef für dessen Tod keine Zeugen aufzutreiben sind (Aguna). Aus der Fülle der Diskussionsreden sollen vor allem die Ausführungen von Frau R. A. M a r g. Berent hervorgehoben werden, die wohl eine neue Ausarbeitung der jüdischen Ehevorschriften unter Erhaltung des jüdischen Grundsatzes fordert, aber gleichzeitig darauf hinweist, wie lückenhaft auch heute noch die deutsche Gesetzgebung in dieser Hinsicht ist. Da die Vereinigung der liberalen Rabbiner in ihrer letzten Sitzung sich bereits mit diesen Problemen befaßt hat, beschloß der Kongreß, eine Eingabe an die orthodoxen Rabbiner mit der Bitte zu richten, sobald als möglich eine Entscheidung in diesen drängenden Fragen herbeizuführen. Die Erziehung: Siddy Wronsky ging in ihrem -•roß angelegten Referat von folgender Definition des Begriffes ' rziehung aus: Erziehung bedeutet Erhaltung und Entwicklung des Menschen. Voraussetzung ist Erkenntnis der Entwicklungsgesetze und der Erriehungsmaterie sowie Anerkennung der Pflicht djer Gesellschaft zur Erziehung. Nun sind die Lebensbedingungen und Lebensformen, unter denen die jüdische Jugend heranwächst, durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse besonders ungünstig geworden. Sie erzeugen leicht Disharmonie der Lebensführung. Folgen sind: Verkümmerung der Lebenskräfte, Schwächung des Lebenswillens (Selbstmord), übergroßer Geburtenrückgang. Eine Besserung kann herbeigeführt werden durch einen Ausbau in sozialer Hinsicht (Mutterschutz, Jugendwohlfahrt, Wohnungsreform): durch Anwendung der Ergebnisse der modernen Jugendpsychologie (Freud, Adler); durch Schaffung von neuen Lebensformen zum Ausgleich der Spannungen, die heule zwischen den Generationen herrschen. Nach ihrer Ueberzeugung kann ein solches jüdisches Erziehungsprogramm nur geschaffen werden durch das Zusammenwirken der Frauen aller Länder mit der jüdischen Jugend selbst. Ein die jungen Menschen besonders interessierendes Referat hielt Mrs. Henuiques (England), die über die Grundsätze des von ihr geleiteten Settlements berichtete. Ihre Ausführungen gipfelten in der Forderung, daß der Jugendarbeiter im Settlement wohnen und leben muß, um mit allen Schichtender Jugend jederzeit zusammen sein zu können. Nur auf diese Weise kann das Jugendheim, das nach ihrer Meinung im Wohnviertel der jüdischen Massen liegen muß, der Mittelpunkt des gesamten Lebens werden. Sozialarbeit: Ein wichtiges Einzelgebiet aus der praktischen Sozialarbeit behandelte Mrs. P o l l a k (Amerika) in ihrem Referat: „Das Vorurteil gegen das jüdische Mädchen und die Berufsberatung". Auf Grund'eines reichen statistischen Materials stellt sie fest, daß neben antisemitischen Vorurteilen folgende schädliche Eigenschaften den Berufsweg des jüdischen Mädchens erschweren: Aggressives Auftreten, Klatschsucht, ungenügende Berufsausbildung usw. Abhilfe kann nur geschaffen werden, indem den Mädchen eine bessere Berufsvorbereitung ermöglicht wird, indem man die Mädchen veranlaßt, nicht nur den Beruf der Bureauarbeiterin zu ergreifen, sondern sich auch in anderen Zweigen des Berufslebens umzutun. So wichtig wie die Erziehung der jüdischen Angestellten ' sei aber auch die Weckung des sozialen Gewissens des Arbeitgebers, der bei Anstellung neuer Kräfte auf die Notlage'der jüdischen Mädchen Rücksicht nehmen muß. Ein kurzes, aber wichtiges Korreferat hielt Frau Dr. Zad i k . Hamburg, die vor allem auf die Einstellung der Eltern zur Berufswahl ihrer Kinder einging. Oft kann man beobachten, daß die Ellern unter größten Opfern ihrem Kinde eine höhere soziale Stellung verschaffen wollen. Daraus resultiert häufig eine übertriebene Meinung der Kinder von ihrem eigenen Können und den Möglichkeiten des gewählten Berufes. Die Enttäuschung kann auf diese Weise nicht ausbleiben. Es ist deshalb notwendig, daß auch hei uns die Berufsberatung durch geschulte Kräfte viel stärker ausgebaut und in Anspruch genommen wird, als das bisher geschehen ist. Eine klare Uebersicht über „Die soziale Frauenarbeit in den verschiedenen Ländern" gab Frau Paula Ollendorf, Breslau. Politisches: Ueber „Gleichberechtigung und Mitarbeit der Frau in der jüdischen Gemeinde" sprach in einem ausgezeichneten Referat Frau Ottilie Schöncwald, Bochum. Auf Grund einer Rundfrage, die von neun Ländern beantwortet wurde, stellt sie fest, daß die Gleichberechtigung der Frauen innerhalb der Gemeinden im allgemeinen noch sehr gering ist. Die Widerstände sind teils religiöser, teils gewohnheitsmäßiger Natur. Die Gutachten der rabbinischen Autoritäten sind nicht einheitlich. Bemerkenswert ist, daß der bekannte Frankfurter konservative Rabbiner Nobel s. A. den Standpunkt vertrat, daß im ReKgionsgesetz gege'n das aktive und passive Wahlrecht der Frau keinerlei Bedenken beständen. Nicht um ihrer selbst willen, sondern um der jüdischen Zukunft zu dienern müssen die Frauen stärker als bisher um ihre gleichberechtigte Mitarbeit in der Gemeinde kämpfen. Ein Referat von Frau Wiysenbeek (Holland) über Frauen- und Mädchenschutz, Palästinamandat und Minoritätenrechte orientierte die Delegierten über die Bedeutung des Völkerbundes für die Judenheil. Die. hervorragenden und begeisternden Ausführungen von Anitta Müller-Cohen (Oesterreich) und die sehr sachlichen Darlegungen von Helene Hanna Thon (Palästina) gaben einen tiefen Blick in die Bedeutung der Kulturarbeit Palästinas für die Frauen. Trotz der sehr aufklärenden Worte von Mrs. Lindheim (Amerika) konnte sich der Kongreß entschließen, zur Yewish Agency positiv Stellung zu nehmen. Ergebnis: Jede Tagung birgt neben ihrem Sinn auch Un-sinniges. Die Frage ist nur, welches Maß überwiegt. Das Gefühl einer ungeheuren Stoßkraft, die in dieser Weltverbundenheit aller jüdischen Frauen liegt, kam auf diesem Kongreß so stark zum Ausdruck, daß die Hamburger Tagung immer ihren Sinn für die jüdische Welt behalten wird. 3

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