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Der Jugendbund · 1929-07-01 · 7 (1.7.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
7 (1.7.1929)
Date
1929-07-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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HL Betrachtet man von der so gekennzeichneten Warte der gesamtjüdischen Idee unsere Stellungnahme zur Jewish Agency, so muß uns der Mahnruf Fritz Schwarzschilds, auch die deutsch-jüdischen Fragen nicht zu vergessen, verwundern. Eines ist jedenfalls klar: Die kommende JA. kann und muß ihre ganze Kraft auf den Aufbau Palästinas verwenden. Für die Zionisten ist er das Zentralproblem ihres jüdischen Lebens. Die Zionisten sind eben der Auffassung, daß alle Versuche, das Judentum in Gahith ohne den Aufbau Palästinas zu erhalten, fehlschlagen müssen. Erst müssen einmal wieder die natürlichen Lebensbedingungen für das jüdische Volk und damit für die Entwicklung des jüdischen Geistes gegeben sein; erst muß das jüdische Volk in Palästina wieder organisch wachsen. Judentum in Galuth gleicht einer Pflanze, die ohne \\ urzeln und ohne neue Nahrungszufuhr leben will. Erst wenn es einmal ein blühendes jüdisches Land, ein Reservoir von jüdischer Energie gibt, wird man an die Lösung der Weltjudenfrage herangehen können. Auch ich halte den Aufbau Palästinas für eine Vortrage, mit Sch. für „die Lösung eines Teilproblems der Judenfrage der Welt", aber für mich ist der Aufbau Palästinas d i e V orfrage, die unumgänglich notwendigste, nicht zu überspringende Sprosse, auf der Leiter der Entwicklung zur jüdischen Welteinheit. Das ist die einzige Unterscheidung, welche die gesamtjüdische Haltung von der zionistischen trennt. Meines Erachtens ist diese theorethische Unterscheidung nie haltbar gewesen. Ein klares Ueberdenken der heutigen Situation des Judentums, das in allen Ländern zu zerfallen droht, muß von dem gesamtjüdischen Gedanken zum zionistischen führen. Meines Erachtens war für die Mehrheit der nichtzionistischen Organisation, der kommenden JA. beizutreten, nicht allein die Tatsache bestimmend, daß in Palästina etwas Bewundernswertes vor sich geht, das die stärkste Unterstützung verdient, sondern es war für die meisten, wenn auch unbewußt, der Gedanke maßgebend, daß hier ein unzerstörbares Kraftzentrum des Judentums geschaffen wird und daß dieser grandiose Versuch, den Zerfall des Judentums aufzuhalten, die Beachtung der Gesamtjudenschaft verdient. W enn unser Verband aus ähnlichen Gründen die Teilnahme an der JA. wünscht oder besser gesagt, eine Sympathieerklärung dafür abgibt — mehr kann er aller Voraussicht nach in allernächster Zeit nicht tun — so muß man sich noch über eines klar sein: Der Kampf der Zionisten wird auch während des Bestehens der Jewish Agency sich weiter darum drehen, daß die jüdischen Massen die nationaljüdische Lösung der Judenfrage als die ihre anerkennt. Der Verband wird niemals erwarten können, daß die Zionisten die Existenz eines besonderen deutschjüdischen Problems anerkennen. Die Galuthbejahung, die Sch. fordert, wird zweifellos auch von den Zionisten gefordert. Aber sie wird sich in einer noch stärkeren Betonung der jüdischen Note in uns äußern und wird ein klares Bekenntnis zum Nationaljudentum fordern. Hans Karger. Görlitz Wir denken darüber nach, ob das Land wieder gebaut, das Volk wieder gebildet werden muß, damit Israel sein geistig-seelisches Gut durch die Jahrtausende weiterhin tragen kann oder ob Geist und Idee so stark im Judentum sind, daß sie sich ohne Land, und Volk bewahren werden, vielleicht nach ihrer Bestimmung nur so bewahren können. Unser Denken führt zu den verschiedenen Denkresultaten: Zionismus und — auf uns bezogen — Deutschjudentum. Aber dies Denken ist kein reines, wissenschaftlich-gültiges. Es ruht auf einem Fundament, das sich in seinen letzten Tiefen nicht mit der exakten Erkenntnis erfassen läßt. Das Fundament basiert nicht in unserem Kopf, sondern in unserer Seele, und die Elemente, aus denen es sich zusammensetzt, sind Fühlen und Glauben. * 1 Das müssen wir uns einmal vergegenwärtigen, wenn wir die Frage beantworten sollen, ob der Nichtzionist aktiv teilnehmen soll am Aufbau Palästinas, ob er mittun soll im Sinne der Jewish Agency oder nicht. Die Bedenken, die dagegen bestehen, wollen wir uns nicht verschweigen. Wir wissen, daß Palästina heute ein Werk, das große Werk des Zionismus ist; und wir stützen mit unabweisbarer Notwendigkeit die zionistische Volksidee, wenn wir nun weiterbauen an diesem Werk. Der Nichtzionist soll sich nicht verhehlen, daß er den Gegner, den Gegner der Ueberzeugung fördern muß, wenn er Palästina fördern w i Und doch müssen diese Bedenken zurückstehen. j Es ist ja eine eigene Gegnerschaft, die Zionisten und Nichtzionisten trennt. Sie löst sich in ihrem Ziele auf. Es ist nur ein getrenntes Ringen um ein und desselben willen: der. Lebendigerhaltung des Judentums, der Bewahrung seiner Werte für uns und alle nach uns. Schon dies muß mahnen zur tiefen Verantwortung bei Führung des Kampfes. Andere Kämpfe sind da, damit der eine erhalten, der andere vernichtet wird. Dieser Kampf wird sinnlos in dem Augenblick, wo er zum Schaden des dritten ist, um dessentwillen er geführt wird. Schon aus diesem Grunde darf keiner der Kombattanten den anderen so verwunden, so schädigen, daß offenkundige jüdische Werte vernichtet werden. Solch jüdischer Wert ist das jüdische Leben in Palästina, die Gründung der Heimstätte für die heimatlosen, die Verwurzelung der entwurzelten Stammes- und Glaubensgefährten. Solch jüdischer Wert ist der große Versuch schlechthin. Schon darum muß jeder helfen, damit der Versuch nicht darum scheitert, weil seine Hilfe fehlt. Vor allem aber ist hier an das zu denken, wovon wir ausgegangen sind: daß wir einfach nicht mit irgendwelcher Gewißheit sagen können, welcher Weg der richtige ist. Die Ueberzeugung des einen ist so gut wie die Ueberzeugung des andern; keine hat das geringste Uebergewicht an Wahrscheinlichkeit. Niemand vermag der großen Entwicklung vorzugreifen, die w i r nicht machen. Es ist eines jeden gutes Recht und eines jeden verantwortungsvolle Pflicht, nach seinem Denken und Glauben sich zu entscheiden. Es ist die harte Notwendigkeit, die so oft im Leben herantritt, zu entscheiden, obwohl die letzte Auswirkung der Entscheidung unübersehbar ist. Es bleibt nichts übrig, als daß man sich verläßt auf den Instinkt für den Lauf der Dinge, als daß man mit dem geistigen Spürsinn spürt, wohin der Weg der Entwicklung geht und d i e Richtung einschlägt, die diesem Gang des Geschehens entspricht. Gerade weil es ein gültiges Wissen hier nicht gibl, hier, wo das Wesentlichste und Letzte auf dem Spiel steht, darf die Entscheidung, die der einzelne trifft, nie zur These, zum Programm erstarren. Kann doch jede Minute, jedes neue Erlebnis und jede neue Erfahrung den Kreis der Erkenntnis erweitern. Und mehr noch: es kann ja sein, daß die Geschichte einst dem „andern" recht geben wird. Weil es sein kann, daß er zur Erhaltung des Judentums nötig ist, hat keiner das Recht, seine Kräfte dem Aufbau Palästinas zu versagen. „Wer weiß, wer weiß, ob nicht aus diesem Land, aus diesem kleinen Land, aus diesem Land mit all seinen Hemmungen und all seinen Beschränkungen und mit all dem, was diese Beschränkungen bedeuten, ein neues Judentum entstehen (Dr. Lee K. Frankel.) wird?" Darum ist es an der Zeit, das Kampfbeil zu begraben und zunächst in Reih und Glied" zusammenzutreten. Die Gefahr, daß man Ideen verwirklichen hilft, die man nicht bejaht, muß in Kauf genommen werden. Sie muß in Kauf genommen werden, weil alles, was dem Judentum helfen kann, gefördert werden muß und weil der Aufbau Palästinas — unabhängig von jeglicher Ideologie — jedem Juden am Herzen liegt um des Landes willen und um der Menschen willen, die es zur Heimat wählen. Erst mag Palästina werden, dann wollen wir, Deutschjuden und Zionisten, um Palästina ringen. Ein Ringen, nicht um seiner selbst willen, sondern um d^s uihrungenen Gegenstandes willen. „Wenn wir aus Palästina einen Stolz für das jüdische Volk und eine Hilfe für die Menschheit machen können, wenn wir es zu einem geistigen Schatz für alle Juden machen können, so hat, wie mir scheint, niemand ein Recht, die Teilnahme an dieser Arbeit zu verweigern." (Jugde Horace Stern.)

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