Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sehnsucht nach diesem Zeitalter, da Liebe und Frieden die Welt regieren wird, bewegt die Menschheit von alters her. Aber mancher strebende Mensch verzweifelt an der Möglichkeit der Erfüllung solcher Sehnsucht: sieht er doch, daß seit Jahrtausenden die Welt als Ganzes kaum dem Ziel näher gekommen ist, und auch heute liegt das Ersehnte nicht in erreichbarer Nähe. Ja, er fühlt sogar, daß sich die Verheißung vielleicht nie vollkommen verwirklichen wird, sondern daß sie ein Ideal darstellt, dem die Menschheit ewig zustreben wird. Lohnt es dann für den einzelnen, in seinem Leben die Verwirklichung eines solchen Ideals anzustreben, dessen Erfüllung er selbst nie schauen wird? Er hofft vielleicht auf ein Wnndfer. das ohne sein Zutun und außerhalb seiner selbst geschehen wird, um die Verheißung zu verwirklichen und ihn aller Verpflichtung zu entheben. Doch dieses Wunder geschieht nicht. Nur der hat Anteil an der Erfüllung und hat ihn heute schon —. der in sich selbst und zu seinem Teil mitschafft an der Durchdringung der Welt und des Lebens mit dem Geist des Guten und Wahren. Auf jeden einzelnen, auf ihn allein, kommt es dabei an. Junge Menschen tragen in sich die Sehnsucht nach dem Guten und den Willen, an einer Zukunft der Welt mitzubauen, die über die Existenz des einzelnen hinausgeht. W enn sie allein den Weg nicht finden, schließet] sie sich zu Gemeinschaften zusammen. Auch dort brauchen sie Führer, die ihnen den Weg zum Guten in sich selbst weisen. Der ist der beste Führer, der der ernsteste Ermahner auf dem Wege zur Wahrheit ist. •Uns ist der Segen zuteil geworden, in unserem Gustav Löffler einen solchen Führer zu finden. Weil er selbst 'eindeutig den stillen Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit ging, ward eruns zum Vorbild und zum berechtigten Ermahner, daß ein jeder den besten, ehrlichsten Weg gehe, um Liebe zu üben und Frieden zu stiften. Seine Forderung ist stark und eindeutig, zu stark für manche schwankende, Willensschwäche Seele. Mit dem Fanatismus und der unbeirrten Folgerichtigkeit des gläubigen Kämpfers, der den Kampf der Seele und den Frieden des Herzens liebt, geht er seihen Weg und mahnt in unerbittlicher Güte zur Gefolgschaft. Manche meinten. Gustav Löftier lc.be in, einer unwirklichen, erdfernen Welt, •die für junge Menschen nicht erreichbar, von ihnen nicht gewollt ist. So ist es nicht. Wir wünschen und bejahen nur eine Wirklichkeit, in der das Gute und das Ideale verwirklicht werden. Auch die prophetische Verheißung wird sich an der wirklichen Welt der Menschen und der Natur erfüllen. « "Gustav Löftier hat den Kampf in unserrt Reihen zeitweise sehy-'einsam ausfechten müssen. Wir danken es ihm heute erneut, daß er treu und unbeirrt daran festgehalten hat und uns mahnte, nicht allein in den Forderungen des Augenblicks unsere Kraft zu erschöpfen. Unser Wirken erhält seinen Sinn und seine Weihe erst dadurch, daß es aufs Ueberzeitlichc. Ewige gerichtet ist. Dieser Glaube hat in der Entwicklung gesiegt i-und hat unser Dasein gefechtfertigt. Ueberall, wo Menschen sich zum- Guten zusammenschließen, tragen sie ihr Teil dazu bei, das: Reich des Friedens der Welt näherzubringen. Unsere Gemeinschaft, die liebevolles Verstehen des Mitmenschen zur Forderung erhebt, erfüllt erst dann ihren Sinn, wenn sie eingedenk der prophetischen Verkündung •am Werk der Liebe unter den Menschen und des Friedens mitschafft, eines Friedens, der die Krönung täglichen Ringens und stets neuen Kämpfens ist. Die neuen Bestrebungen Gustav Löfflers. Brücken der Verständigung zu schlagen über die Grenzen der Länder hinweg, sind ein mutiger Schritt zu diesem Ziel. Gustav Löffler hat durch seine sittlichen Forderungen, die die Lebensgestaltung entscheidend beeinflußten, als erster in unseren Reihen vielen jungen Menschen geholfen, den Weg zu sich selbst und zu den besten, reinsten Quellen der Seele zu finden. Fern-Beratungsstellen Von Arthur Reichenberger Viele unserer Mitglieder, in den Städten wie auf dem Lande, leben — trotz aller Geselligkeit — oft in großer seelischer Einsamkeit. Sie wissen niemand, dem sie sich in ihren letzten, brennendsten Seelennöten anvertrauen könnten. Oft auch fehlt hierzu der Mut und das Zutrauen. Wäre hier eine Abhilfe möglich? Die sog. Erziehung*, beratungsstellen. wie sie Alfred Adler (der Begründer der vergleichenden Individualpsychologie) schuf, sowie die von Dr.~Dchmel n Berlin errichtete Lebensberatungsstelle stellen bereits etwas Aehnliches dar. Sie kommen aber nur für einen Bruchteil derjenigen in Betracht, denen gedient werden soll. ' Wir sind nun noch einen Schritt weitergegangen und möchten die Schaffung von Fernberatungsstellen anregen. Es sind dies -Stellen, welche auf Anfragen hin schriftliche Auskunft geben, ohne daß sie erfahren, wer sich an.sie wendet. Dies ist "dadurch möglich, daß der Anfragende unter Chiffre (Kennwort) schreibt und unter dieser Chiffre wieder — postlagernd — Antwort erhält. So fällt dann wohl die letzte Scheu, die sonst mancher. Ratsuchenden zurückhält. Diese Fernberatungsstellen sollen nun in selbstloser und absolut vorurteilsfreier Weise in allen religiösen und weltanschaulichen Zweifelsfragen, also in letzten Lebensfragen, aber .auch in sonstigen Fragen, welche dem Ratsuchenden sehr am Herzen liegen, Beratung geben. Sie sollen klären und helfen niemals aber einseitig beeinflussen wollen. Sie können daher keiner bestimmten Richtung dienen und dürfen nur soweit führen, daß sich nun jeder selbst entscheiden kann. Vielleicht kann auf diesem Wege so mancher Schwankende wieder zu innerem Halt gelangen. Schon das Bewußtsein, daß solche Fernberatungsstellen vorhanden sind, mag vielen etwa« Tröstliches und Befreiendes bedeuten. Nun zur praktischen Durchführung: Der ' Verband tri!', an Persönlichkeiten heran, die er für geeignet hält und forder: solche, die sich für geeignet halten auch außerhalb unserer Reihen — zur Meldung für die Mitarbeit auf. Die Mitarbeiter werden dann im „Jugendbund", eventuell auch ir anderen Zeitungen von Zeit zu Zeit veröffentlicht im Zusammenhang mit einem Aufsatz, der auf diese Stellen hinweist. Die Auskünfte sind unentgeltlich. Es bleibt jedoch jedem Ratsuchenden überlassen, ob und wie er sich erkenntlich zeigen will. Es wäre jedoch richtig,' wenn wenigstens die Unkosten für Porto und Schreibmaterial vergütet würden. Die Ratsuchenden müßten natürlich stets etwas Geduld haben, wenn durch berufliche Arbeit oder eine große Zahl von Anfragen die Antwort sich verzögern würde. Auch Helfer und Helferinnen, z. B. Stenographie- und schreibmaschinenkundige freiwillige Mitarbeiter, hätten hier ein schönes Betätigungsfeld. Sowie eine gewisse Praxis einmal da ist. ließen sich Richtlinien für solche Stellen schaffen. Außerdem wäre es begrüßenswert, wenn möglichst verschiedene Berufe unter'den Mitarbeitern vertreten wären. Von Zeit zu Zeit würden dann Tagungen stattfinden, an denen die Mitarbeiter ihre Erfahrungen austauschen könnten. Da ja die Namen der Ratfragenden nicht bekannt sind, so ist dies ohne Bedenken. Auf jeden Fall müßte aber jeder Mitarbeiter — ebenso wie Helfer und Helferinnen — ehrenwörtliche Diskretion der Verbandsleitung zusichern. Manche halten vielleicht solche Stellen für unnötig und überflüssig. Die Praxis muß erweisen, ob sie berechtigt sind. Alles aridere ist Theorie. Wenn die richtigen Mitarbeiter gewonnen sind, können diese Fernberatungsstellen vielleicht doch eine der vielen Brücken bilden, die von Mensch z-u Mensch führen. Erst aus der Verbundenheit, aus der Gemeinschaf! heraüs, können Zeitnöte wahrhaft überwunden werden. Bücherschau Hensel. „Die Familie Mendelssohn", 2 Bände, Hesse & Becker, Leipzig. Wenn in .diesem September der 203. Geburtstag Moses Mendelssohns gefeiert wird, dann gewinnt auch „Die Familie Mendelssohn" wieder erneutes Interesse.! Dieses klassische Memoircnwerk. in dessen Mittelpunkt Felix Mendelssohn- Bartholdy steht, wird von dem Verlag in geschmackvoller und wirklich billiger Ausgabe neu herausgebracht. Wer über die Enkel des alten Juden Moses, des Sohns des Hausierers Mendel aus dem Dessauer Ghetto, die alle gute, oder besser gesagt: weder an den Juden-, noch an den Christengott glaubende, Christen geworden sind, etwas mehr wissen will, der gehe an diesem Buch, das sich vortrefflich auch zur Bearbeitung in unseren Kreisen eignet, nicht vorbei. Ho. Fortsetzung si»he Seite 10.