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Der Jugendbund · 1929-06-01 · 6 (1.6.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
6 (1.6.1929)
Date
1929-06-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Ideen waren aber in unserem Judentum schon lebendig, bevor Christus geboren war. Als katholischer Philosoph denkt Massis noch an den alten Traum der Gesta Dei per Franc os. Dieser Lehre setzt die jüdische Jugend in Frankcich einen menschlichen Plan entgegen. Wir erkennen wohl, daß man überall eine neue Ordnung sucht, eine neue Harmonie zwischen den veralteten Weltanschauungen. Besser als alle haben wir diesen grausamen Unterschied empfunden zwischen dem wissenschaftlichen Ideal eines zerteilten Europa und der Religion oder der neuen Weisheit des Orients. Durch das Leben haben wir aber gelernt, daß durch die Zeit alle Schützengräben und alle Verteidigungsapparate verlichtet werden. In einem lichtvollen Aufsatz hat uns Georges Duhamel — obgleich er kein Jude ist — unsere Pflicht klargestellt.1) Um die europäische Kultur zu retten, muß man zwischen Orient und Okzident eine feste und dauernde Urücke bauen. „Ich habe immer gedacht", schreibt Duhamel, daß man die Rolle des moralischen Vermittlers den Juden bieten könnte." Die französischen Juden, die Duhamel darüber gefragt hat, haben keine gute Antwort gegeben. Bloß die Jugend und Jean-Richard Bloch in dem Vorwort seiner Kurdischen Nacht haben die Schönheit dieser Pflicht verstanden. Der Künstler, wie immer, hat diesmal Recht gehabt. Die jüdische Jugend muß für dieses Ideal der Ver- ') Ueber die europäische Kultur in der Welt. — Le Rouge et le Noir. Heft 4. November 1927. söhnung kämpfen. Die Natur und die guten Eigenschaften der ältesten Tradition geben ihr die danu nötigen Kräfte. Wir glauben, daß nicht ein Kampf, sondern ein lebendiger Austausch zwischen Orient und Okzident die europäische Seele erneuern kann, für welche ein durch die jetzige Jugend neu belebtes Judentum das wertvollste Element bleiben könnte. Kann die jüdische Jugend in Frankreich die Schönheit dieser Rolle verstehen? Dafür muß sie zuerst alte Gewohnheiten und falsche Triebe vergessen. Vielleicht wird es unserer Zeit gelingen. Das Leben der Gemeinschaften gleicht demjenigen der Einzelpersonen; um zu dauern, muß man gegen sich selbst kämpfen; um zu siegen, muß man entsagen. Vor Faust hatte David, der jüdische König, den Sinn des Lebens verstanden. Wie David ist die jüdische Jugend heute auf die Wache gezogen, mit Freude und mit Hartnäckigkeit. Den Jüngsten wird sie einmal eine reichere Erbschaft mit der Fackel übergeben, die ihre Vorgänger ihr selbst anvertraut haben. Dustau Löffler zum 2. Mai 1929 von Elsa Hirschei Der Tag, an dem wir uns im Geiste mit herzlichen Wünschen um unsern Freund und Führer Gustav Löffler versammelten, war zugleich der letzte Tag unseres Pessach- Festes. An diesem Tage vernahmen wir in der Synagoge als Haftara die große Verkündung de« Propheten Jesaia vom messianischen Reich. weit es überhaupt möglich ist, etwas so Geschautes in Worte zu kleiden. Vom Reichtum der Pariser Kunstsammlungen habe ich nur eine Ahnung bekommen. Die Zeit war zu kurz, das Wetter zu schön, das Leben und Treiben der Sta'dt zu verlockend, als daß ich bei diesem ersten Besuch zu viel Zeit auf Museen hätte verwenden mögen. War ich allerdings einmal drin, so wurde es immer wieder schwer, sich loszureißen. Neben den allbekannten Gemäldesammlungen hat mich der Reichtum an allem, was Kunstgewerbe bedeutet, mitgerissen. Alle Gegenstände für kirchlichen und weltlichen Gebrauch sind hier in ihren feinsten und reichsten Exemplaren zusammengetragen. Im Cluny-Museum überraschte mich ein ganzer Saal mit Erzeugnissen jüdischen Kunsthandwerks. Frankreichs große Geschichte begleitet einen in Paris auf Schritt und Tritt. Aber trotzdem ist Parts nicht nur eine historische Stadt, nicht nur eine Sammelstätte jeglicher Kunst, es ist zugleich die Stadt einer vielleicht etwas konservativen, etwas traditionsbeschwerten, aber einer höchst lebendigen Gegenwart. Herrlich, auf einem der großen Boulevards, etwa am Opernplatz vor dem Cafe de la Paix zu sitzen, wo alle Stühle, wie im Theater der Bühne, so hier der Straße zugekehrt sind, um das Leben an sich vorbeibrausen zu lassen, oder in der Avenue de l'Opera die Auslagen in den Geschäften zu bewundern. Es ist herrlich, aber es gehören gute Nerven dazu, um längere Zeit dieses Maß von Verkehr zu ertragen, von Menschengewimmel und flitzenden Autos, in das höchstens die Autobusse in ihrer altmodischen Form auf hohem Untergestell trotz ihrer schnellen Fahrt «twas Gemütliches hineinbringen. Mich hat es mehr noch auf die andere Seite der Seine gezogen: ins Quartier Latin um die Sorbonne, die Pariser Universität, herum oder das Malerviertel am Montparnasse. Wem daran Kegt, etwas vom Geiste dieser Stadt in sich aufzunehmen, dem kann ich nur empfehlen, am späten Nachmittag über den Boulevard St. Michel zu bummeln, wo zahlreiche kleine Restaurants den Studenten und ihren auch hier nicht mit Glücksgütern gesegneten Lehrern für billiges Geld ein vortreffliches „Diner" liefern, oder einen Sonntagvormittag im einzig schönen Garten des Luxemburg-Palais zuzubringen, wo sozusagen die ganze Bevölkerung dieses Quartiers sich anspruchslos und heiter ergeht. Nicht auszulassen ist auch ein Besuch am päten Abend in einem der Cafes am Boulevard Montparnasse. Montmartre ist wohl noch immer das eigentliche Vergnügungsviertel, aber seine Lokale sind fast nur von Amerikanern und Engländern besucht. Es ist ein etwas künstlich aufrecht erhaltenes Vergnügungsleben mit einem wenig angenehmen Nepp. Ganz anders am Boulevard Montparnasse. Hier sitzen nachts zwischen 11 und 3 Uhr alle Bevölkerungsschichten durcheinander, wobei die Boheme vielleicht überwiegt. Jeder redet mit jedem, und es herrscht ein Geist .echter Lebensfreude, die keines äußeren Anreizes bedarf. Von den Menschen habe ich bei der Kürze meines Aufenthaltes nicht genug gesehen, um ein Urteil abgeben zu können. Nur über zwei, untereinander ganz verschiedene Eindrücke will ich berichten. Das eine ist die starke Rolle, die ganz offenbar die Kirche im Leben des einzelnen spielt. Fast bei allen Kirchenbesuchen habe ich ein Stückchen kirchlichen Lebens gefunden. Taufe, Kommunion, Hochzeit, Einsegnung eines Sarges habe ich nicht einmal, nein, jedes mehrere Male gesehen und immer unter Beteiligung eines großen Kreises, der voll naiver Freude am Festlichen und Theatralischen dieses Ereignisses erfüllt schien. Wie weit allerdings religiöser Sinn nach unserer Auffassung dahinter steckt, wie weit nur Freude am schönen Schein, darüber wage ich nicht einmal eine Vermutung zu äußern. Und nun der andere Eindruck. Ich hatte erwartet, elegante Frauen in Paris, zu sehen Ich wurde in meiner Erwartung auch nicht enttäuscht und habe mich am Anblick dieser GeschlccMsgcnossinnen erfreut, auch der reichliche Gebrauch von Puder und Lippenrot hat mich nicht gestört, weil d-.e Pariserin diese Dinge fast immer mit Geschmack zu handhaben weiß. Aber ich habe auch ganz andere Pariserinnen gesehen. Junge Mädel von großem Liebreiz, ungepudert und ungeschminkt, mit jener Offenheit und sicheren Bescheidenheit in Haltung und Blick, wie wir sie an den besten Vertreterinnen der modernen Jugendbewegung kennen. Und junge Männer gleicher Art: nachdenklich und doch zielbewußt, dabei freundlich und hilfsbereit. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß hier Menschen heranwachsen, mit denen uns Vieles und vielleicht Entscheidendes verbindet, und daß es sich lohnen würde, noch mehr als bisher Brücken zu schlagen zwischen der (Jugend verschiedener Nationen. Dabei fiel mir ein, ob wir nicht dazu auch einiges beitragen, können. Der Bildungsausschuß der Sozialdemokratischen Partei veranstaltet z. B. jedes Jahr — neben vielen anderen Auslandsreisen — eine solche nach Paris, bestimmt für Proletarier, die nur über acht Tage Urlaub verfügen; zu Preisen, die, über das ganze Jahr verteilt, auch für Poletarier erschwinglich sind. Sollten wir nicht eine ähnliche Organisation schaffen können, um unseren Mitgliedern die Kenntnis fremder Kulturstätten zu vermitteln? Vielleicht greift irgendjemand diese Anregung auf. Für Dich,' lieber Gustav Löffler, wäre ihre Verwirklichung, glaube ich, ein Geburtstagsgeschenk, über das Du Dich ganz besonders freuen würdest. In: der Gewißheit, daß auch das, was zwischen den Zeilen dieses Briefes steht, Dein inneres Ohr erreicht, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Deine Cora Berliner. 7

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