Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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und mit einer aufrichtigen Eleganz, voll Selbstgefühl den jüdischen Namen. Er liebt die liberalen Ideen, die seine Eltern mit einer dankbaren Religiosität übermitteln, und seine Träume entwickeln sich mit einem kosmopolitischen Einschlag. Diese Aufrichtigkeit im Judentum, dieser Wille, die jüdische Abstammung frei zu bekennen, hat mit Propaganda und dem Hochmut eines Priesters gar nichts zu tun. Es ist ein neues Zeichen unserer Zeit. Man gesteht, daG man einer größeren Familie angehört, und man empfindet ein ständiges Gefühl dieser Zusammengehörigkeit. Als Gymnasiast, als Soldat erlebt der junge Jude keine Verfolgung und gar keine Unannehmlichkeit. Er ist trotzdem sehr froh, wenn er anderen Juden in der Schule oder in der Kaserne begegnet, mit welchen er ganz frei und ungeniert leben und die Umwelt kritisieren darf, Er weiß, daß er eine unberührte Erbschaft seinen Söhnen übermitteln soll. Jeder junge- Jude in Frankreich will heute alle Werte nach dem menschlichen Standpunkte beurteilen. Infolge seiner Geburt mußte er seine persönlichen Kräfte selbst benutzen, um alle seine Lebensmöglichkeiten zu entfalten. Er hat verstanden, daß man in der Einsamkeit des Denkers nie glücklich sein kann. Deshalb-hat jeder Jude einen intimen Freund. Sehr oft aber ist unser bester Freund ein Christ. Seit der Dreyfus-Affäre haben sich nämlich alle politischen Theorien in Frankreich im Sinne des moralischen Fortschritts verändert, und selbst Maurice Barres, der Theoretiker des Nationalismus, hat ein Buch geschrieben, in d-em unter allen geistigen Familien Frankreich* die Juden einen schönen Platz erhalten. Der Krieg hat auch bewiesen, daß gewisse Vorurteile und Rassenhaß kleinlich und grausam sind: trauernde Mütter haben in allen Ländern und in allen Kirchen, Tempeln oder Synagogen denselben Kummer erlitten. Dieser Gedanke des allgemeinen Schmerzes hat uns besonders berührt wegen unserer Liebe zur Einheit. Es gibt, als heutige Quelle unserer Leidenschaft für das Ideal des Frieden» und der menschlichen Brüderlichkeit, eine persönliche Erfahrung der Dummheit des Krieges und einen Protest gegen das unnütze Leiden. So, zugänglich allen menschlichen Wahrheiten unserer Zeit, konnte die jüdische Jugend' in Frankreich nicht die Werte verachten, die alle heutigen Denker aus den östlichen Kulturen geschöpft haben. Sie sollte aber eine eigenartige Geisteshaltung haben. In einem lesenswerten Buch, Verteidigung des Okzidents (Paris, Plön, 1927) hat der katholische Führer Henri Massis die Rolle der jüdischen Jugend fast genau so verstanden und geschildert wie unser Freund Löffler in einigen reichen und lebendigen Aufsätzen. Massis glaubt, daß bloß das strenge Christentum die verlorenen Europäer retten kann. Durch die slavischen Mystiker und die germanischen Philosophen wurden angeblich alle alten ketzerischen Irrlehren neu belebt, die dem heutigen Menschen seine harmonischen Linien nehmen. „Persönlichkeit. Einheit, Beständigkeit, Obrigkeit, Stetigkeit bleiben — so schreibt Massis — die Muttergedanken des Okzidents". Diese Feuilleton Lieber Gustav! Wenn für unsere Freundschaft eine Belastungsprobe überhaupt möglich wäre, so läge sie in meiner Unfähigkeit, Briefe zu schreiben. Um Dir aber einmal zu zeigen, wie sehr ich all' Deine jahrelangen Bemühungen, diese Unfähigkeit von mir zu überwinden, trotz ihrer Erfolglosigkeit zu würdigen weiß, mache ich anläßlich der Feier Deines 50. Geburtstages eine Ausnahme und schreibe Dir — keinen Artikel, sondern einen Brief, von einer wunderschönen Urlaubsreise, die mich nach Paris geführt hat. Nach einem in vieler Hinsicht wenig ergiebigen Winter spürte ich ein unwiderstehliches Verlangen nach einer gründlichen geistigen Auffrischung. So entschloß .ich mich, den Sommerurlaub bereits im April anzureißen und fuhr gen Westen. — Ein glücklicher Zufall ließ mich meine Pariser Wanderungen am Place d'Etoile beginnen, diesem großen kreisrunden Platz, auf den zahlreiche breite Alleen münden, alle hingerichtet auf den Are de Triomphe, der Napoleons Größe den späteren Geschlechtern verkündet. Unter dem Are de Triomphe ruht jetzt der ..L'nbekannte Soldat": eine einfache Steinplatte, dauernd mit frischen Blumen geschmückt, am Kopfende die Ewige Flamme des Gedenkens. Ringsumher der brausende Großstadtverkehr. Aber die eindringliche Sprache dieses schlichten Denkmals löscht ihn aus, löscht auch den Gedanken daran aus. daß hier ein französischer Soldat seinen Landsleuten die Kriegserinnerung wachhalten soll. Es ist ein Mensch, ein junger Mensch, vernichtet in der Blüte seiner Jahre, der hier zu den jungen Menschen aller Nationen und Völker spricht. Vom Are de Triomphe aus führte mich der Weg hinunter durch die Champs Elysees, zunächst auf beiden Seiten bebaut, dann sich erweiternd zur breiten, parkartigen Promenade bis zum Place de la Concorde, der so weit, so offen daliegt, daß man zunächst nicht das Gefühl hat, sich auf einem Platz, der doch eigentlich etwas Geschlossenes darstellen soll, zu befinden. Und doch fühlt man, wenn mart sich ein wenig gewohnt hat, daß Stahl recht hat. daß dies vielleicht der schönste Platz der Welt ist. Diese Wirkung mag darauf beruhen, daß man sich unwillkürlich im Mittelpunkte dieser Stadt fühlt, dabei in einem Mittelpunkt, von dem aus man nicht nur nach allen Richtungen weit und frei schauen kann, sondern wo auch nach jeder Richtung der Blick schließlich einen würdigen und erhabenen Abschluß findet. Ganz erfüllt von dieser Weiträumigkeit setzte ich meinen Weg fort durch den Garten der Tuilerien, der im ersten Frühjahrsgrün prangte, hin zum Louvre, durch seine Höfe, vorbei an den Wunderschönen, von den größten Baumeistern der Renaissance aus- 6 ' * geführten Fassaden des alten Louvre-Palastes. Es zog mich noch über eine der Seinebrücken hinüber aufs andere Ufer, an zahllosen, am Seine-Quai aufgebauten Bücherkästen vorbei, in denen alte und neue Bücher und Stiche zum Verkauf ausliegen, die Seine entlang, bis ich die Türme von Notre Dame vor mir auftauchen sah. Ich habe in den folgenden Tagen noch viele herrliche Eindrücke gehabt, zum Beispiel ein morgendlicher Besuch der Che, jener Seineinsel, auf der Paris entstanden ist: Der Justizpalast mit seinen dicken, alten Türmen und breiten Höfen, in deren einem sich als köstliches Kleinod die unwahrscheinlich zarte und schlanke Hauskapelle dieses Palastes, Saint Chapelle, verbirgt, sowie die wuchtige und schwere Kirche von Notre Dame zeigten sich unter einem schwefelgelben Gewitterhimmel. Oder der schon von Heinrich dem IV. angelegte Place des Vosges, dessen sämtliche Häuser im gleichen niederländischen Stil gebaut und noch heute unverändert erhalten sind; öder das Gewirr von engen, mit ganz schmalen, hohen Häusern bestandenen Gassen im alten Quartier Latin oder die Seineufer oder schließlich der Place de la Concorde im Licht zahlloser, mit unerhörter Geschicklichkeit angeordneter Lampen. Aber entscheidend für meinen Gesamteindruck vor! der Stadt ist doch diese Wanderung am ersten Nachmittag gewesen. An ihrem Schluß hatte ich das Gefühl, müßte ich jetzt aus irgendeinem Grunde plötzlich wieder abreisen, dieser eine Nachmittag hätte die Reise verlohnt. Der höchste Reiz dieser Stadt liegt immer wieder in der Gesamtwirkung des Stadtbildes, in der unglaublichen Sicherheit, mit der fast alle öffentlichen Gebäude so in ihre Umgebung gestellt sind, daß sie mit dieser zusammen als ein einheitliches Ganzes wirken. Gewiß gibt es viele schöne einzelne Gebäude in Paris, angefangen bei den schönen, alten, gotischen Kirchen bis hin zu den Palästen der Renaissance und des Barock. Aber schöne Gebäude gibt es auch anderswo. Ich will hier erwähnen, daß das größte Erlebnis, das mir, nicht nur auf dieser Reise, je ein Denkmal der Architektur vermittelt hat, nicht in Paris, sondern 2% Stunden elender BiimmoIzufr-FaJirt von Pari« entfernt war: Es ist dies di<" Kathedrale von Chartres, die in ihrer ganz reinen, im wahrsten Sinne des Wortes erhebenden Gotik und mit ihren wunderbaren, alten Glasfenstern in dem Besucher eine Ahnung von Vollkommenheit erweckt. Doch zurück nach Paris! Die Architektur von Paris wirkt durch das Gesamtbild. Die glatten Flächen der Häuserfronten, die den Straßenzügen so etwas Geschlossenes geben, die weiten Plätze, das viele freundliche Grün, die zahlreichen Brücken über dem immer belebten Fluß, gewisse Gebäude als weithin sichtbar^ Wahrzeichen, an denen der Blick sich immer wieder orientiert, dies alles zu einem Ganzen verbunden durch einen merkwürdig ausdrucksfähigen grauen Stein, in dem ganz Paris gebaut ist, und eine silbrig glänzende Luft — das ist das Stadtbild von Paris, «o-