Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492456-6352309-6352553--0811-4928969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
t „ich liebe dich" und du weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen!'' Der mderc vermochte kein Wort zu erwidern und auch der Bauer, gefragt hatte, schwieg wie vorher." — Ich aber verstand: is ist die Liebe zu den Menschen: ihr Bedürfen zu spüren und hier Leid zu tragen. Das Wissen um des anderen Bedürfen, Sorge des Menschen für den Menschen, das scheint" jüdische SeelsörgC zu sein. Sollten wir sie bisher allzu sehr vernachlässigt haben, jetzt wäre es an der Zeit, mit aller Kraft uns ihr hinzugeben. Bekannt sind die Verfallserscheinungen im deutschen Judentum: man weiß, daß dieses deutsche Judentum inrettbar verloren ist, wenn der Zersetzungsprozeß so weiter geht — und alle rhetorischen Floskeln, die wir Rabbiner auf .inseren Kanzeln zu gebrauchen pflegen, werden daran nichts indem. Schon die Tatsache, daß wir deutschen Juden heute, nicht etwa nur in den Inflationsjahren, in der Selbstmordstatistik an erster Stelle stehen, die Katholiken um das Vierfache, die Protestanten um drei Achtel übertreffen, sollte uns Kabbinern zu denken geben, ob wir wirklich immer der Secllorge in dem oben angedeuteten Sinne genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben. Dieselben Klagen vernimmt man auch aus nichtjüdischen Kreisen, und vor nicht allzu langer Zeit konnte man in einer großen deutschen Tageszeitung den erschütternden Ruf nach Seelsorge lesen, der in der Forderung gipfel'e, „Stuben des Vertrauens" in allen. Städten zu errichten, in die Menschen, die an sich, an Gott irre geworden, verzweifelte Lebensmüde, anonym eintreten und ihr Herz ausschütten können. Es scheint also auch im christlichen Lager eine Art Krise der Seelsprge zu bestehen, und es ist schon heute so, daß die Menschen - zumal der Großstadt nicht mehr zum Pfarrer als Seelsorger kommen, und daß die Studierstuben des Pfarrhauses nicht mehr die „Stuben des Vertrauens" sind, in denen ein verstehender Mensch ihrer wartet. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die vorhandenen Schäden in der christlichen seelsorgerischen Praxis aufzudecken; fest steht nur, daß im jüdischen Kreise besonders die Klage über den Mangel an seelsorgerischen Persönlichkeiten berechtigt ist. über die Weltfremdheit eines großen Teils der heutigen Rabbiner, über die Tatsache, daß an den modernen Rabbiner allzu viele und allzu mannigfache Anforderungen gestellt werden, denen kein normaler Mensch mehr gewachsen sein kann. Der Rabbiner von heute ist — sit venia verbo — weiter nichts als ein „Mädchen für alles" geworden und unter dieser Verzettelung, Geschäftigkeit leidet das Amt, leiden vor allem die Gemeinden und die Menschen in ihnsn. Wieviel Rabbiner z. B. mag es geben, die sich wirklich ernst mit dem modernen und brennenden Problem des Sexualgebietes, also mit Psychoanalyse, Eugenik, Soziologie und Bevölkerungspolitik befassen und sich wirkliche Sachkenntnis auf diesem Gebiete zu erwerben suchen, Rabbiner, die sich wirklich ehrlich eingestehen, daß sie im Grunde genommen all den schwierigen Nöten der Gegenwart — vor allem der Sexualnot — in völliger Ohnmacht gegenüberstehen, weil sie viel zu einseitig all diese Zersetzungserscheinungen unter dem Gesichtspunkt der verwerflichen Laster betrachten, sich viel zu viel mit hilflosen Protesten und Predigten, die oft sehr gut waren (ich erinnere an die ausgezeichnete "Predigt von Rabbiner Stein in Schweinfurt, den Geburtenrückgang . betreffend) begnügt haben. Was können wir Rabbiner Positives tun in diesen Dmgen außer dem oben Erwähnten? Wir kämpfen mit den anderen gegen Schmutz und Schund, für die Bewahrung und den Schutz der Jugendlichen, für die Pflege der gefährdeten Jugend. Wir üben scharfe Kritik an den unhaltbaren Zuständen der Gegenwart — aber all das ist doch nur äußerlich. Wir haben versäumt, uns mit den praktischen Fragen der leibseelischen Gesundheit und Krankheit zu befassen, die Naturvorgänge und natürlichen Zusammenhänge dieses Gebietes haben wir ganz den Biologen und Aerzten überlassen. Das rächt sich nun. Wir sind lebensfremd in gewissem Sinne g e.w o r d e n bei all den Protesten. Deshalb geht man heute bei den allerwichtigsten Entscheidungen und schweren Nöten des Lebens nicht zum Seelsorger, sondern zum Arzt. Er ist der Mann des Vertrauens geworden; bei ihm sucht man Hilfe und Rat. Das soll nur einfach festgestellt werden, ohne irgendein Wort des Bedauerns oder^er Zustimmung hinzuzufügen. Was vom heutigen Rabbiner, wenV er überhaupt den Anspruch, Seelsorger zu sein, machen will, verlangt werden muß, ist einfach dies, daß er versuchen soll, wenn auch nur bescheidene, Kenntnisse sich auf dem Gebiete der Psychotherapie zu erwerben, daß er vor allem die Ergebnisse der psychoanalytischen Wissenschaft, die sich an die Namen Freud. Adler (Indivjdualpsychologie) und Jung (Psychosynthelik) knüpfen, zum mindesten ernsthaft zu studieren beginnt, um seinen Pflichten als Seelsorger und als Erzieher auf den überaus mannigfachen Gebieten des Lebens, die gerade an ihn herantreten, gerecht zu werden. Vielleicht eröffnen sich dann große Perspektiven, sowohl grundsätzliche für die kommende Zeit, in der der Arzt auch Seelsorger und der Seelsorger auch Arzt sein kann, als auch praktische für die nähere Zukunft, in der Arzt und Theologe zusammen seelsorgerische Beratungsstellen. „Stbben des Vertrauens" errichten werden. Zwei Berufe treffen sich; sie senen sich ins Angesicht, sie kreuzen ihr Werk, verbinden sich, zum Wirken, und diese beiden Berufe sind diejenigen, die in den Urzeiten der Menschen stets vereint waren: Priester und Arzt. — In dieser Hoffnung seien diese wenigen Zeilejn dem Freunde und Mitkämpfer, dem Arzte und Seelenfreunde Gustav Löffler gewidmet. Die jüdische lugend in Frankreich Von Raymond-Raoul Lambert. Paris Meinem Freund Gustav Löffler, dem Wegbereiter des wahren Friedens und des schöneren Judentums. Seit dem Kriege spricht man in allen geistigen Kreisen in Frankreich von einer Erneuerung des jüdischen Lebens im Geiste der Jugend. Alle Zeitschriften, und nicht nur die rein konfessionellen Blätter, beschäftigen sich mit dieser Frage Neue jüdische Jugendvereine werden jeden Monat gegründet; einige Verbände bekämpfen sich gegenseitig wegen ihrer verschiedenen politischen, sportlichen, literarischen oder weltlichen Anschauungen. Eine tatsächliche Wahrheit kann aber niemand verleugnen: die Weltanschauung der jüdischen Jugend in Frankreich bleibt gar nicht sicher und die geistigen Richtungen verändern sich ständig.- Natürlich erscheint die kleine Gruppe der Orthodoxen wie eine glänzende Ausnahme. Ein großer Teil der jüdischen Jugend bewegt sich aber außer allen Vereinen und lebt mit der Umwelt und mit der Zeit. Drei Viertel dieser jüdischen Jugend können durch keine Statistik erfaßt werden. Wie kann man also die gemeinschaftlichen Züge der jüngsten Juden in Frankreich begreifen? Die größte Mehrheit der Mitglieder in fast allen Jugendfrereinen sind Ausländer oder Söhne der in Frankreich Eingewanderten. Ich kenne bloß zwei Ausnahmen: der Verein Chema Israel vereinigt die jungen Franzosen der bürgerlichen Kreise, die durch die religiöse Tradition des Judentums gebunden werden; auf der anderen Seite entwickelt sich die Union universelle de la Jeunesse Juive, kleiner und schüchterner als ihr Namen, die aber als der Kern einer wirklichen Weltjugendliga für das neue Judentum erscheinen könnte, wenn die jetzigen Führer die" zionistische Politik etwas zurückstellen könnten, um die soziale Notwendigkeit der neuesten Bewegungen zu betrachten. Auf jeden Fall entfaltet schon die UUJJ. eine beneidenswerte Propaganda für den wahren Frieden, für das Ideal des Völkerbunds und für die internationale geistige Zusammenarbeit. — In den rein zionistischen Verbindungen begegnet man sehr selten jungen Franzosen. Es ist trotzdem möglich, durch die tägliche Erfahrung, durch den Verkehr mit den Verwandten, durch die Beobachtung derjenigen, die in der Geschäftswelt, in der Literatur, in der amtlichen Verwaltung, jüdische Namen mit einer stolzen Aufrichtigkeit tragen, die Züge des jungen Juden in Frankreich zu zeichnen. » Der junge Jude in Frankreich trägt heute ohne Furcht 5