Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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lästinas ist heute nicht mehr allein eine Angelegenheit der Zionisten, sondern wird — eine Frucht auch unserer Bemühungen — eine Aufgabe, für die sich jeder Jude, auch die deutsche Judenheit, mit Liebe und Begeisterung einsetzt. Auf der anderen Seite wächst — nicht zuletzt auch in unserem V erbände — die Erkenntnis, daß für die deutschen Juden die deutsche Heimat ein Gut ist, für dessen Erhaltung zu kämpfen sich verlohnt und angesichts der immer bedrohlicheren Angriffe, die uns auf deutscher Erde zu Fremden machen und uns unseren Platz in der deutschen Kultur und deutschen Wirtschaft versagen wollen, höchstes Gebot der Selbsterhaltung ist. Diese großen und lebenswichtigen Aufgaben, die uns von der neuen. Wirklichkeit gestellt sind, rufen zur Sammlung aller Kräfte lauf und verlangen die Hintanstellung der innerjüdischen Kämpfe^ wahrlich die beste Rechtfertigung der Forderung der Neutralität, wie sie von uns aufgestellt und geübt wird. Wenn wir uns dessen freuen können, daß dieser unser Gedanke der Neutralität, der Befreiung der gemeinsamen Aufgaben aus den Fesseln des Parteiwesens, erhebliche Fortschritte macht, so werden wir freilich immer mehr gewahr, daß damit in sachlicher Hinsicht noch wenig erreicht ist, daß auf diese Weise nur gewisse Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt sind, dre unsere Kräfte bisher lahmgelegt haben: In Zukunft wird es darauf ankommen, ob unser Können und unser Wollen stark genug sind, um gemeinsam die großen Aufgaben zu lösen und überhaupt erst richtig zu erkennen. Deutsche Heimat einerseits. P a 1 ä s t i n a - A u f b-a u auf der anderen Seite, beides sind letzten Endes nur Teilprobleme, die ihre Vervollständigung erst finden durch die dringlichste der Fragen, wie wir den Weg zurückfinden z u den geistigen und sittlichen Quellen unseres Judentums, wie wir nicht nur.Juden heißen, sondern auch wieder sein können, Bemerkung von Fritz schwarzschlld In einem Brief an Martin Buber schrieb Gustav Landauer hu AiiL'ii-t 1912: .....Nicht so scheint <-s mir zu seht, daß einer in der Jugend ein Ganzer und Echter war und dann an den Wendepunkt kommt und ein Philister wird, sondern, was uns getäuscht hat, war bloß Jugend. Er hat sich nicht verändert; Jugend ist von ihm gegangen, die ihm den täuschenden Schein verliehen hat. als wäre er im Kern, was nur der t Mantel der Jugind war." Diese Worte rufen uns die Riesenschar derer in Erinnerung, die eine gewisse Zeit mit großem Elan, wie in anderen Lagern so bei uns, für eine neue Gesellschaft kämpften. Rasch müde geworden, sind sie in der Masse jener Unbeweglichen wieder untergetaucht, aus der sie sich für kurze Zeit heraus- . gehoben hatten. Nur ein verschwindender Bruchteil jener Jungen, .die einstmals zur Jugendbewegung gerechnet sein wollten, >iinl ..mit AnstaW" aller geworden. Ich ineine nicht jene wenigen grotesken Typen, die, aus Furctit, alt zu sein, versäumt haben, älter zu werden. Aber es muß doch nachdenklich stimmen, wie wenige Menschen, deren Lebensbild durch die Jugendbewegung maßgeblich geformt worden ist, heute in der jüdischen Oeffentlichkeit innerhalb des Lebens der älteren Generation wirksam sind. Gewiß, wir können nicht leugnen, daß sich manches in der jüdischen Jugendarbeit in den letzten Jahren geändert hat, aber wir sollten noch mehr als bisher betonen, daß Dienst am Geist, daß wahrhafte Tatbereitschaft des jungen Menschen notwendigerweise in die existente jüdische Gesellschaft hinein wirksam werden muß. Ein unheilbarer Bruch zwischen Idee und Verwirklichung muß sonst den jungen Menschen in ein ödes Spießertum zurücksinken lassen. Nicht Hochzüchtung geistiger Einzeltypen, sondern Bereitstellung des jungen jüdischen Menschen für die Mitarbeit innerhalb der jüdischen Gemeinschaft stellt die zentrale Aufgabe der bündischen Erziehungsarbeit jüdischer Jugend dar. Die Familie von Hugo Hahn Die oft zitierte Krisis des Familienlebens bedeutet keineswegs eine prinzipielle Abkehr der heutigen Jugend von der 4 Familie. Sie besagt nur, daß die heute lebende Jugendgeneration mit dem bestehenden Ideal des Familienlebens nicht mehr viel anzufangen weiß. Dieses Ideal kann man das patriarchalische nennen. Es stammt aus einer geruhsameren Zeit, in der das wirtschaftliche, das geistige und religiöse Leben i n der Familie seine Bewältigung fand. Jean Richard Bloch hat in seinem Roman „Simler u. Co.", diesen Tatbestand für die westjüdische Familie noch einmal festzuhalten versucht, ohne verhüten zu können, daß einige seiner jungen Simlers doch Outsider der Familie geworden sind. So war es nach Blochs Meinung um die Wende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seitdem haben sich Eltern und Kinder noch weiter auseinanderleben müssen. Das Wirtschaftsleben vollzieht sich meist außerhalb des Hauses. Sehr oft müssen Vater und Mutter berufstätig sein und sehen ihre Kinder oft nur abends. Die heute notwendig gewordene frühe Einbeziehung der Jugendlichen in den Wirtschaftsprozeß bedingt in den meisten Fällen eine weitere, nicht nur räumliche, Entfernung vom Elternhause. Zudem sucht auch die Schule in einer viel intensiveren ATt als früher die Schüler in ihren Bannkreis zu ziehen. ..Damit sind die Tore zu einer „anderen Welt" geöffnet, zu einer Welt, die \on der Familie nicht eingefangen und durch die Familie nicht ersetzt werden kann. Hier macht sich der Abstand der Generationen bemerkbar. Das ist der Berechtigungsschein für die Bildung besonderer Jugendgemeinschaften neben dem Elternhaus. Die Eifersuchtsszenen zwischen Familie und Jugendbund sollten endlich aufhören. Die Eltern sollten freiwillig jenen anderen Erziehungsstätten Raum lassen, die versuchen, den Jugendlichen für das Leben in der Zeit reif zu machen. Das bedeutet keine Außerkraftsetzung der Familie und keine Herabsetzung ihres erzieherischen Wertes. Damit ist nur kundgetan, daß die Familie heute nicht mehr alle Gebiete des Lebens selbst meistern kann und sich nicht nur damit abfindet, sondern sich darüber freut, ' in den außerhäuslichen Erziehungsgemeinschaften Bundesgenossen für das von ihr allein nicht mehr zu bewältigende Erziehungswerk gefunden zu haben. Damit ist der Gegensatz zwischen Haus und Jugendbund nicht aus der Welt geschafft. Das soll er auch nicht. Es wäre nichts verfehlter, als wenn das Elternhaus sein Einverständnis mit der außerhäuslichen Erziehungsstätte dadurch dokumentieren wollte, daß es versuchte, den Jugendbund „familiär" zu beeinflussen, wie es eine Katastrophe für die Heimerziehung wäre, wenn die Familie sich dort jugendbundmäßig aufmachen würde. Beide Erziehungsfaktoren haben ihre Eigengesetze, die ihre Gegensätze und damit ihr sich gegenseitig förderndes Leben ausmachen. Unser Ziel braucht' die Familie und die Gegenwelt des Jugendbundes. Es ist das Verdienst Gustav Löfflers, daß er diese Spannung frühzeitig als zu Recht bestehend erkannt und durch seine Arbeit im Jugendverband zu einer fruchtbaren für unser jüdisches Lebenzu gestalten suchte. Einiges zur seelsorgerischen Praxis des Rabbiners Von Paul Lazarus Stoßen wir uns nicht an das Wort „Seelsorge". Es ist einem fremden Wortschatz entlehnt. Und fremd wie das Wort ist uns Juden auch der Gedanke einer Sorge um das Seelenheil in irgendeiner dogmatischen Bedeutung. Aber ich glaube, daß es genügt, festzustellen, daß wir alle, die wir im praktischen Rabbinerberufe stehen, ausnahmslos auch Seelsorge treiben müssen. Bekannt ist die chassidische Legende, die Buber aufzeichnete: „Rabbi Mosche Leib erzählt: „Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Er saß mit anderen Bauern in einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die anderen alle.' Als aber sein Herz vom Woine bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: „Sag an, liebst du mich oder liebst du mich nicht?" Der andere antwortete: „Ich liebe dich sehr!" Aber er sprach wieder: ,J3u