Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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„Man kann ein Volk nur führen, wenn man ihm eine Zukunft zeigt. Ein Führer ist ein Mensch, der Hoffnung verkauft." Woher kam dem genialen Führer Napoleon diese Erkenntnis? Er hatte auf allen Schlachtfeldern Europas das Auge der Masse brechen und leuchten sehen; ihr und sein Wesen waren ihm aufgegangen. Und wie sich Napoleon, Kaiser der Franzosen, der den Menschen „Hoffnung verkaufte", unterscheidet von August Müller und Wilhelm Schulze, die nur Mitgliedskarten verkaufen — so unterscheidet sich der positive von dem negativem Führertyp. Zur Entwicklung unserer Neutralitätsidee Von David Krombach Der Ehrentag unseres Gustav Löffler gibt uns Anlaß, erneut unsere Verbandsidee zu überprüfen, anderen Befestigung und lebendiger Entwicklung gerade Löffler so entscheidenden Anteil genommen bat und hoffentlich noch lange nehmen wird. Da ist es immer wieder der Gedanke der Neutralität, dieses im jüdisch-politischen Leben heiß umstrittene und meist verkannte Problem, dessen Klärung und Erklärung sich auch in unseren Reihen immer von neuem als notwendig erwiesen hat. Blicken wir heute auf die Entwicklung der Neutralitätsidee in unserem Verbände und außerhalb desselben, so haben wir festzustellen, daß wir in diesem Punkte ein Stück vorausgekommen sind. In zunehmendem Maße findet — die Werbekraft unseres Gedankens wird hierbei durch die Wirklichkeit der neuen Zeitverhältnisse begünstigt — die Auffassung Anerkennung, daß diejenigen parteimäßigen Begriffe, die zuvor die deutsche Judenheit in feindliche, scheinbar unversöhnliche Lager schied, sich unter dem regulierendem Einfluß der praktisch-politischen Geschehnisse durchaus geändert und in wesentlichen Punkten einander genähert haben. Mehr und mehr ist deshalb das Verständnis dafür im Wachsen, daß es iür die deutsche Judenheit, namentlich für die Jugend, jenseits des Streits und der Auseinandersetzung der Parteien Aufgaben und Pflichten gibt, die nur gemeinsam zu lösen sind und nur bei Zurückstellung des Parteikampfes erfüllt werden können. Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht, wenn wir von unserer Neutralität sprachen? Als wir uns vor 19 Jahren unsere eigene Zeitung schufen, da wurde in der Einführung von dem um das Werden unseres Verbandes sehr verdienten Alfred Apfel unsere Idee in folgender Weise formuliert: Die Jugendbewegung ist die in die Tat umgesetzte Erkenntnis, daß die kleine und zurückgesetzte Minorität der Juden die Verpflichtung hat, nach außen und nach innen das Gemeinschaftliche mehr als das Trennende zu betonen — und zu empfinden. Es war der Gedanke, daß die jüdische Jugend ein „großes gemeinsames Arbeitsfeld" hat, „auf dem jeder Zank zu ruhen hat". Es war also schlechthin der Ruf zur Sammlung der Jugend und darüber hinaus der deutschen Judenheit, die, wie von einem anderen Freunde gesagt wurde, nicht zahlreich und nicht stark genug ist, daß sie sich den Luxus gestatten könnte, sich in Gruppen und Grüppchen aufzulösen. Es ist also nicht etwa ein negatives Ideal, wie man aus dem Begriff der Neutralität immer wieder hat folgern wollen, insbesondere nicht etwa das Ideal der Parteilosigkeit und der Versöhnlichkeit, das wir in unseren Reihen gefordert haben; es ist vielmehr die positivste Forderung, die wir überhaupt stellen konnten: Die Forderung, die Gemeifaschaft über alles zu stellen und — unter Zurückstellung aller individuellen Verschiedenheiten, sei es des Standes oder der Herkunft oder der Bildung, sei es der religiösen Haltung oder der parteimäßigen Sonderanschauung — eine einheitliche jugendliche Front zu bilden, die neben der Wahrung ihrer jugendlichen Interessen und Wünsche sich in reinem Streben um den Weg zum Judentum, diesem allen gemeinsamen Judentum, müht und dereinst den Begriff einer deutschen Judenheit in edlerem Sinne verkörpert, nämlich als einer wirklichen Gemeinschaft von deutschen Juden, die fest im Judentum wurzeln und sich auch der deutschen Heimat in gesundem und natürlichem Empfinden verbunden fühlen. Wir haben von vornherein daran gezweifelt, ob überhaupt die Gegenüberstellung der Begriffe, wie sie sich in dem Kampfe der Parteien herausgebildet hatten, richtig ist, ob nicht vielmehr die einzelnen Parteien sich in allzu theoretischem und engherzigem Streit in Grundsätze verrannt haben, die sich gegenüber der Wirklichkeit nicht aufrecht erhalten lassen. Eben deshalb haben wir den Standpunkt vertreten, daß es von großem Nutzen sein muß, wenn die parteimäßigen Probleme und Aufgaben gerade vom gemeinsamen, vorurteilslosen Boden unserer Verbandsarbeit aus geprüft und in Angriff genommen werden, und daß es die Arbeit der Parteien nur sachlich fördern und vertiefen Wann, wenn der junge Mensch, anstatt in die Schablone der Parteidoktrin hineingepreßt zu werden, bei uns zunächst den anderen in seinem Denken und Wollen kennen und achten lernt. Wir konnten es daher nicht gutheißen, daß etwa, wie man dies anfangs im Interesse einer friedlichen Entwicklung des Verbandes befürwortete, die Probleme der Parteien aus der Arbeit des Verbandes ausgeschaltet würden; es war vielmehr eine der wichtigsten Aufgaben, eine Diskussion über die brennenden Fragen des Parteilebens zustande zu bringen, die, getragen von dem Geiste der Gemeinschaft, bemüht war, Ansicht gegen Ansicht abzuwägen und zu dem sachlichen Kerne des Streites vorzudringen. Durch diese unbefangene und nicht durch Parteileidenschaft getrübte Arbeitsweise erhielt die Jugendbewegung, wie dies bereits Cora Berliner vor Jahren aussprach (Die Organisation der jüdischen Jugend in Deutsehland, Berlin 1916, S. 46), ihren starken Anteil an der allmählichen Umwertung der Begriffe. Heute ist man soweit, daß sich allenthalben diese Umwertung der innerjüdischen Begriffe langsam, vielleicht noch allzu langsam vollzieht, daß man hüben und drüben daran geht, aus der äußeren und inneren Entwicklung, die wir in dem letzten Jahrzehnt durchgemacht haben, die notwendigen Folgerungen zu ziehen und nicht mehr haltbare, durch die Ereignisse überholte Positionen der Grundauffassungen abzubauen oder zum mindesten mit der gewordenen Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhange die ähnlichen Gedankengänge, die wir in der neuen Schrift von Ludwig Holländer „Deutschjüdische Probleme der Gegenwart" finden, indem dort darauf hingewiesen wird, daß die Betrachtung der Entwicklung des Zionismus wie des Zentralvereins zeigt, daß „beide Begriffe in ihren) Inhalt einem steten Wandel unterworfen sind". Holländer ist im Recht, wenn er feststellt, daß Gedankengänge, wie sie Eugen Fuchs in seinen grundlegenden Schriften geprägt hat, heute auch im zionistischen Lager, wenigstens im Kreise der Zionisten der westlichen Länder, Anerkennung gefunden haben und der früher so umstrittene Volksbegriff he> dem heutigen Geschlecht einer gewissen charakteristischen Abmilderung Platz gemacht hat. Auf der anderen Seite, im nichtzionistischen Lager, kann der „Grundsatz nicht mehr aufrecht erhalten werden, daß es lediglich die Religion ist, welche die Juden eines Landes von ihren Mitbürgern unterscheidet"; es wird vielmehr festgestellt, daß „das Judentum niemals ein so eindeutiger Begriff war und ist, daß es mit der Bezeichnung als religiöses Bekenntnis erschöpfend zu kennzeichnen wäre". Das Judentum ist eine geschichtlich und gesellschaftsgeschichtlich gewordene Gruppe, die zu einem überwiegenden Teile durch religiöse Gesichtspunkte zusammengehalten wird. Aber diese religiösen Gesichtspunkte haben sich innig gesellt und' vermählt mit Gesichtspunkten der „Stammesgemeinschaft", der „Schicksalsgemeinschaft" und mit anderen kulturellen Erscheinungen, die auf Grund des Ghettos, auFGrund der Geschichte nun einmal innerer seelischer Bestandteil derjenigen Menschengruppe geworden sind, die sich heute .Juden" nennen." Dürfen wir also feststellen, daß sich die begrifflichen Grundauffassungen in einer deutlich sichtbaren Entwicklung und Klärung befinden, so ist nicht zu verkennen, daß auch in der praktischen, innerpolitischen Arbeit aus diesen neuen Erkenntnissen allmählich, die notwendigen Folgerungen in dem von uns vertretenen Sinne gezogen werden. Der Aufbau Pa-