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Der Jugendbund · 1929-06-01 · 6 (1.6.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
6 (1.6.1929)
Date
1929-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Konservativismus, der auch nicht durch die Handhabung neuer Methoden verdeckt werden kann. Auch die Unterrichtsbewertung fällt heute diesem Methodenstreit anheim: im ganzen nichts anderes als die Annahme, durch einen neuen Weg neues Gebiet zu entdecken. Da man aber immer wieder in die Bahnen der jetzigen Gesellschaftsordnung geraten muß, bleibt es bei einem Versuch am untauglichen Objekt. Was bleibt zu tun übrig: zunächst den Anspruch jeder Pidagogik auf seine ökonomische und soziologische Bedingtheit zu prüfen; dem Erzieher immer wieder einzuschärfen, daß zu seinem Amt eine auf psychologischer Erfahrung aufgebaute Kenntnis der kindlichen und jugendlichen Seele und vor allem eine selbstlose Liebe nötig ist, und schließlich, daß jede Erziehungsgemeinschaft eben eine Gemeinschaft sei und so vielleicht schon etwas vorausnimmt, was eine zukünftige Gesellschaftsordnung zu werden verspricht. ' Bescheidenheit: Erziehung als ein Teil des Geflechts menschlicher Gesellschaft zu erkennen, und Liebe: dem Kinde und dem Jugendlichen bei der Ueberwindung seiner Nöte zu helfen, selbstlos und zurückhaltend, sind notwendige Eigenschaften jedes Erziehers gleich welcher Art. So liegt auch die Bedeutung bündischer Erziehung darin, daß sie jeden unter gleichen Bedingungen gleiche Möglichkeiten und gleiche Hoffmingen gewährt. Diese Bemerkungen sollten davor warnen, der Tragik des Don Quichote zu verfallen und so die Erziehung von vornherein zur Sinnlosigkeit zu verdammen. Deshalb wurden sie ganz allgemein gehalten; mögen sie dazu anregen, die hier geäußerten Ansichten auf das Gebiet der jüdischen Erziehung anzuwenden und ihre Berechtigung zu prüfen. Der fahrende Mensch Von Ernst Hölzer Jeder Fortschritt auf der Welt, alles neue Bessere, alles große Heldische, alles ewige Letztgültige, alles, was nicht alltäglich ist, muß zuerst von einem einzelnen gedacht, dann von einigen wenigen getan werden. Immer sind es einige wenige, die an der Spitze marschieren, und die Millionenheere der Herdenmenschen in die Höhe zwingen. Die Millionen, das sind die Massen der Geführten. Die wenigen^ das sind die führerischen Menschen. Die Organisation dieser Welt bedarf des Führers. Ueber die Masse kann nichts ausgesagt werden, denn sie hat kein Gesicht. Die Masse hat keine, oder, wenn man so will, immer dieselbe Eigenschaft, ob sie an diesen oder jenen „Idealen" sich begeistert. Die Masse ist immer dumpf und immer begeisterungsfähig. Der Führer: Ueber ihn ist alles auszusagen. Vor allem ergibt sich, daß es zwei Arten von Führern gibt, zwei Typeu von führerischen Menschen: Der negative Typ. Aus bedrohlich starken Minderwertigkeitskomplexen ergibt sich bei ihm ein brennender Ehrgeiz, an ragender Stelle zu stehen. Dieser Ehrgeiz ist ihm banaler Geiz nach Ehre und Ruhm, egoistisches Streben nach Anerkennung. Weil er sich vor sich selbst klein fühlt, weil er weiß, daß er der Masse nichts tu geben vermag, was größeres Glück, größeren wahrhaften Fortschritt unter den Menschen bringen kann, muß er immer neuen Ruhm einheimsen, seinen Namen immer mehr unter die Leute bringen. So kommt erzum Wirken an öffentlichen Dingen — um seiner selbst willen. Der positive Typ. Aus starkem Selbstbewußtsein heraus empfindet er die Verpflichtung, mit seiner ganzen Kraft sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Er fühlt sein Dasein und sein Sosein als eine Schuld, die abgezahlt werden muß, indem er aus seinem geistigen Reichtum, der ihm geschenkt ist, der Masse mitteilt. Er weiß, daß er reich ist, er weiß, daß er dem Volke etwas zu geben vermag, wodurch es besser und glücklicher zugleich wird. Ihm kommt es nicht auf Ehren und Anerkennung an, denn sein Tun ist ihm bereits Anerkennung vor der höchsten Instanz, die er anerkennt, seinem Gewissen. Er kommt zu öffentlichem Wirken — um der Tat willen. Aber er hat keine Zeit. Es könnten Konstellationen kommen, es könnten andere Menschen kommen, die ihn seines Ruhmes berauben könnten. Er muß schnelle Erfolge haben. Er muß schnell an sein Ziel kommen. Ihm kommt es nicht auf dauernde Wirkung an, er will schnell und leicht erreichbare, glitzernde Kronen gewinnen. Er geht darum die leichtesten Wege, die die Masse am liebsten mitgeht, die weder ihr noch ihm viel Gedankenschwere verursachen. Für ihn wurde der „goldene Mittelweg", den die Schafe wandern, erfunden. Er hat viele Eisen im Feuer. Wenn er das eine nicht zu hellem, weithin sichtbarem Glühen bringt, wird das andere schon zünden. Er ist auf allen Sätteln gerecht. Wenn er hier keinen Erfolg hat, wird er dort schon zeigen, was er kann. Er scheut keinen Mißerfolg. Er wird sofort etwas Neues beginnen, wo er mehr Hoffnung auf Ruhm haben kann. Er sucht nicht nach den Gründen für das Scheitern seines Plans. Er macht sofort einen neuen Plan, er faßt eine neue Idee, er gründet eine neue Partei, er übernimmt ein neues Ehrenamt, wie man sagt. Er ist in ewiger Bewegung. Er muß Lärm machen, — trop de bruit pour une Omelette. Er ist untreu seinem Wort. Denn er ist immer bereit, heute zu verbrennen, was er gestern anbetete. Er ist untreu gegen sich selbst, denn er ist wie ein Falter, der von Blume zu Blume schwingt, ohne festzusitzen. Er ist untreu seinem Werk, das er verläßt, wenn die ersten Schwierigkeiten sich einstellen, ohne letzte heroische Anstrengungen zu machen. Er ist ein Egoist. Denn er gibt nichts, aber ihm wird gegeben. Doch wird er sich immer in der Rolle des Opferwilligen gefallen, der allein der gebende Teil ist. Auch er hat das große Wort so klein verstanden, wie die vielen: Geben ist seliger, denn nehmen. So findet er in dem unwertigen Getue, das er um sich entfesselte, in dem Gewinnen immer neuer Orden und Ehrenzeichen, die Befriedigung seines Tuns. Negativ sind die Quellen, aus denen er schöpft. Wertlos ist darum seine Arbeit. Sie ist nichts als Betrieb, Lärm, Wortgeklingel, schalster Ersatz der wirklichen Tat. Er hat Zeit. Er weiß, daß die Sache, der er dient, Ewig, keitswert und -Charakter hat. Er weiß, daß sie gut ist, und daß das Gute am Ende bestehen wird. Ihm kommt es auf dauernden Erfolg an. Ihm ist es gleich, ob er heute oder morgen oder in Generationen erst zum Ziel gelangt. Er will für die Sache wirken, er will die Mensc ien, auf die er wirkt, dauernd an die Sache fesseln. Er führt sie daher die schwersten P wenn sie die überwunden haben, werden sie Diener am Werke immer sein. Er ist ein Pfadfinder. DäsEntdcen neuer Erdteile aber war tl ein undankbares Geschäft Er ist der Fanatiker seiner Sache, nur seiner Sache. Er kennt das Talmudwort, daß Gott seine Boten stets nur mit einer Aufgabe entsendet Er lebt für sein Werk. Er bricht zusammen, es entsteht ein Bruch in ihm, wenn sein Werk zerbricht. Er k..nn nicht sofort etwas Neues beginnen. Er hat sein Seih in das Eine eingeschüttet, dem er diente: nun muß er es erst wiederfinden. So wendet er sich, wenn er des Mißerfolges inne wurde, von allem Getriebe ab. Es wird ihm die schöpferische Pause nötig. Er wird einsam. 'Er wird ruhig. Er wird nach den Gründen seines Mißerfolges suchen. Er wird grübeln, zweifeln, verzweifeln. Er wird die Wunde, die in ihm gerissen wurde, nur schwer verwinden. Er wird, wenn es Schwierigkeiten an seinem Werke gibt, sich sagen: Als letzter verläßt der Führer das sinkende Schiff. Wenn er die Kra: es zu führen, nicht mehr in siel fühlt, wird er es einem anderen übergeben, den er für kraftvoller hält. Aber er wird bis zuletzt glauben, hof'en. Denn das ist die großartige Treue des Führers, der ich und seinem Werk treu blcibjt, denn beide cind eins. Für die anderen ist er am Werke. Er gibt, aber ihm «ird auch gegeben. Warum auch nicht? „Es ist eine Vermessenheit, zu helfen, ohne in die Gegenseitigkeit einzutreten" (Buber), So findet er in dem altruistischen Wirken am a idtren, auch wenn er langer, besinnlicher Atempausen bedarf, am Ende immer w ier die Erfüllung seines L«. ns, wenn noch so viel Gla 'en in ihm getäuscht wird. Es ist heilige Unzufriedenheit, die ihn treibt, in der der letztliche Lohn seines Tuns Legt Positiv sind die Quellen, *on denen er kommt. Wertvoll ist darum seine Arbeit. Sic ist immer wieder sich erneuernde Schöpfung, wirkliche, »'eil wirkende Tat.

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