Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 6 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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D€P ,|UG€lYftBUlNP miTT^iunGen Des vepBQnpes D€p jüoiscHen juGfcnDV6B€ine DfeuTscmflnDS 15. Jahrgang Düsseldorf, den 1. Juni 1929 Nummer 6 Aus den Inhalt: Gustav Lölfler. — Schein und Wirklichkeit, von Kurt Herz. — Der führende Mensch von Ernst Holzer. Zur Entwicklung unserer Neutralitätsidee, von David Krombach. — Bemerkung, von Fritz Schwarzschild Die Familie, von Hugo Hahn. — Einiges zur seelsorgerischen Praxis des Rabbiners, von Paul Lazarus. — Die jüdische Jugend in Frankreich, von Raymond-Raoul Lambert. Paris. — Feuilleton. — Gustav Löffler zum 2. Mai 1929. von Elsa Hirschel. — Fern- Beratungsstellen, von Arthur Reichenberger. — Bücherschau. — Die Junggruppe. — Aus dem Leben des Verbandes — Mitteilungen der ■ Verbandsleitung. — Adressenänderungen und Neugründungen. — Internationaler Briefwechsel. — Spendenliste. dem 50jährigen, in Freundschaft und C^l I cf"/Y7l T r%ffl n<v> ^em 50jäJmgen, in f v_7" Lto LCL U J^/UJ]v(Li 9 Verehrung gewidmet Schein und Wirklichkeit RandbemerHungen zum pädagogischen Problem von Kurl Herz Wir lesen bei Georg Simmel aus dem nachgelassenen Tagebuch: ,,Das eigentlich Tragische des Don Quic h o I e scheint mir dies zu sein: Wir glauben doch, daß die Qualitäten der Seele, Tapferkeit, Edelsinn, Idealismus, Großmut — ihren Wert eben durch ihr Bestehen in der Seele haben, als Tatsachen der Persönlichkeit, gleichviel an welchem Stoff des Lebens sie sich offenbaren. An Don Quichote, der all dieses besitzt, zeigt sich, daß ein solcher Glaube falsch ist, daß das eigentlich Irrelevante: daß es eine Hammelherde statt einer Reiterschar ist — daß die bloße Vorspiegelung des Intellekts, die doch an jenen Qualitäten gar nichts ändert, imstande ist, das seelisch Wertvollste und Höchste in ein läppisches Spiel, eine sinn- und wertlose Narrheit zu verwandeln. Diese Macht des Aeußeren und Objektiven über dasjenige, was wir in seinem Werke davon ganz unabhängig glaubten, was nur als innere, von dem Zentrum ausgehende Wirklichkeit seine Bedeutung zu haben schien — das ist das Erschütternde des Don Quichote." Hieran seien einige Bemerkungen zum pädagogischen Problem geknüpft. Nehmen wir den Don Quichote als ein Symbol des Menschen überhaupt, dann stehen wir mitten in der Fraglichkeit jeder Erziehung. Erziehung ist eine soziale Funktion, somit ein Vorgang, der unter der „Macht des Aeußeren und Objektiven" steht. Erzogen werden soll der Mensch, und zwar zur Entfaltung seiner „Persönlichkeit". Wäre es nun möglich, diese Entfaltung jeglicher Persönlichkeit unabhängig von irgend etwas zu bewirken, dann gäbe es keine Frage der Erziehung. Wäre es andererseits möglich, den Menschen als bloßen Träger gesellschaftlicher Notwendigkeiten auszurüsten, dann brauchte es keine Erziehung. Da aber beides in einem besteht, der Mensch als Einzelwesen und als Gemeinschaftswesen, und da dieses Verbundensein nicht nur ins Bewußtsein gerückt, sondern auch vom Bewußtsein her gestaltet werden soll, ist Erziehung gefordert und ihre Verwirklichung geboten. Halten wir nebeneinander: eindeutig ist, wer und warum erzogen wird; vieldeutig, wie und wozu erzogen werden soll. Eindeutig: der Mensch wird erzogen, weil er ein Glied in einer bestimmten Ordnung ist. Vieldeutig: was heißt erziehen und zu welchem Ziele führt das Geschehen. Es fallen also auseinander der Begriff Mensch und die Wirklichkeit Mensch, der Begriff Gesellschaft (Gemeinschaft) und die Wirklichkeit Gesellschaft (Gemeinschaft), d. h. logisch bestehen keine Schwierigkeiten, und es fällt nicht schwer, ein pädagogisches System zu schaffen; deren gibt es folglich genug. Aber was nützen sie? Daß man eine Ethik schreibe, besagt nicht, Konflikte in einer konkreten Situation beheben zu können. So lesen wir in einer kürzlich erschienenen Ethik: „Ethik lehrt nicht direkt, was hier und jetzt geschehen soll in gegebener Sachlage, sondern allgemein, wie dasjenige beschaffen ist, was überhaupt geschehen soll." Daß man eine Pädagogik schreibe, besagt nicht, die Dringlichkeit der augenblicklichen Lage auch nur zu ahnen. Wir lesen bei dem heute meistgenannten Pädagogen: „Es wäre der letzte Nagel zum Sarge unserer Nation, wenn auch die Lehrer Parteimänner würden. Deshalb und gerade deshalb müssen sie Männer der Wissenschaft sein und bleiben. Ihr persönlicher StandpunkrfBer — schon vorgebildet in Herkunft, Geistesart und Entwicklungsgang — sich nicht auslöschen läßt, muß geläutert werden durch echte Geisteswissenschaft, d. h. durch umfassende Besinnung über die möglichen geistigen Strukturen und durch die Schule des Verstehens." Betrachten wir die Dinge ohne Verblendung, so haben wir hier das Eingeständnis der Wissenschaftler, daß ihnen nur passive Haltung zukomme. Aber auch dem Erzieher wird diese rückschauende Haltung angemessen. Denn was heißt in diesem Zusammenhang „Männer der Wisenschaft", „echte Geisteswissenschaft", „Schule des Verstehens" änderes ab, ja nicht in die Zukunft schauen, ja nichts Neues wollen, ja nicht die Tradition brechen. Denn immer wird der übliche Wissenschaftler stolz sei auf die illustre Reihe seiner großen Ahnen, in der er — für sich und seine Achtung vor sich — den derzeitigen Schlußpunkt darstellt. Und deshalb auch sein Rat: Komme nicht den wirklichen Zuständen, den wirklichen Nöten zu nahe, es könnte deinem innerem Gleichgewicht schaden, es könnte dir deinen gesicherten Standpunkt rauben, kurz es könnte dich ratlos machen. Don Quichote sah Riesen für Windmühlen, unsere Wissenschaftler aber sehen Windmühlen, wo Riesen sind, und scheitern an ihrer eigenen Täuschung. Diese Täuschung beruht auf dem Glauben an den felsenfesten Bestand der heute herrschenden Gesellschaftsordnung, aus deren Geist alle Bewertungen historischer Tatbestände stammen. Das Verstehen als objektives Kriterium in die Geisteswissenschaften einzuführen, ist die Folge dieser Täuschung und weiterhin der Versuch, eine lückenlose Tradition aufzubauen zwecks Rechtfertigung heutiger Zustände vor der Vergangenheit. Diese Rechtfertigung führt schließlich zu einem extremen geistigen (und politischen)