Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 5 (1.5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Befürchtungen dem zentralen Gedanken zuliebe zurückgestellt. .haben nunmehr aber das Recht, zu fordern, dafi sich der zionistische Partner aus gleichweiter Einstellung heraus den Problemen der deutschen Judenheit gegenüber verhält, deren Inangriffnahme dringendstes Bedürfnis für die nächste Zeit geworden ist. Gerade im Zusammenhang mit der innerzimiisti-( Inn jt-wish-Agency-Diskiission sind in letzter Zeit in Deutschland Stimmen laut geworden, die aus gesamtiüdischer Verantwortlichkeit heraus — und das ist kein wesenloser Begriff mehr nach dieser Jewish-Agency-Diskussion und Lösung eine .Mahnung angebracht erscheinen lassen. Wenn so paradoxe Aeußerungen, wie „wir werden an allen jüdischen Fragen, aber aus bewußter Galuthverneinung, mitarbeiten", möglich sind, so erscheint mir die Forderung des nichtzionistischen Agency-Partners ganz besonders gewichtig. Das Schicksal der deutschen Judenheit. das sind alle die nichtzionistischen Juden, welche zutiefst in der deutschen Heimat verwurzelt sind ■ uffrfhier um die Gestaltung ihres Lebens als Juden kämpfen" Wollen und müssen, und das sind auch jene Zionisten. deren praktische Lebenshaltung auf nichts anderes hinausläuft, wirdi aus einer Pro-Palästina- oder auch jüdischnationalen Haltung heraus nicht in positivem Sinne entschieden werden können. Hier hat ohne jeden Nebengedanken parteimäßiger Art die Arbeit aller, die das Leben der deutschen Judenheit wollen, einzusetzen. Ansätze zu solcher Arbeit, wie sie auch der Verband darstellt, die aber noch dringendst jeder Kräftigung bedürfen, sind vor allem im Kreise der jüdischen Jugend in Deutschland vorhandenj und hiervon legt ja auch diese Diskussion der jüdischen Jugend über Jewish Agency Zeugnis ab. So wird und muß die Jewish Agency auch für uns deutsche Juden weit über ihre Spezialaufgabe hinaus im Geist der Einung und Zukunttsgcstaltung der Judenheit wirken. Ernst Heinrich Seligsohn Wo immer in der Geschichte der großen und kleinen Ereignisse sich eine entscheidende Wendung "vorbereitete, haben die davon Betroffenen, wie die dabei Beteiligten sich selbst in irgendeiner Weise wenden, sich wandeln müssen. Wo neue Situationen geschalten werden, da werden sie nur von denen erfaßt, die sich selbst dem Neuen aufschließen. In unserer gegenwärtigen jüdischen Geschichte stehen wir durch die Erweiterung der Jewish Agency vor einer derartigen neuen Situation. Wird sie der erfassen, der aus doktrinärr.ichtzionistischen Erwägungen sich an den Formulierungen der l'all..urdeklaration stößt oder der in der Beteiligung an dieser internationalen Körperschaft gar eine Beeinträchtigung seiner Stellung als Deutscher-erblickt? Wird sie der Zionist erfassen, der in der Beteiligung andersgerichteter Menschen am Palästinaaufbau eine Gefahr für die zionistische Bewegung erblickt und so die Partei über ihr Werk stellt? Lngeachtet aller politischen Argumente, die man den Doktrinären von hüben und drüben entgegenhalten kann, müssen gerade wir Jüngeren mit Nachdruck betonen: nicht was uns hindern könnte, zur Jewish Agency Ja zu sagen, ist unsere erste, Frage, nein, was uns verpflichtet, dieses Ja zu sprechen. Manche Auseinandersetzungen in der jüdischen Oetfentlichkeit Deutschlands, die in jüngster Zeit über diese Frage stattfanden, schienen uns deshalb so ganz und gar die Bedeutung dieses Gegenstandes vergessen lassen. In uns Jüngeren lebt aber stark das Gefühl der Gesamtverantwortung vor der ganzen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen jüdischen Geschichte. Und von hier aus erscheint uns die tätige Anteilnahme am Aufbau Palästinas und die L ebernahme der Mitverantwortung an der Ausgestaltung dieses Werkes so wichtig, daß alle Bedenken in Nichts versinken. Wer unbefangen und mit ganzem Ernst die Lagedes Judentums in der Gegenwart betrachtet, wird die ungeheuren Gefahren, in denen das Judentum der Gegenwart sich befindet, den Gefahren der Auflösung in jeder Beziehung, in der religiösen aber vielleicht am meisten, einsehen und alle, aber auch alle Versuche, die diesen Gefahren begegnen, begrüßen. Gerade denen, die im Judentum lediglich eine Religion erblicken, müssen wir entgegenhalten, daß die Arbeit in Palästina vielleicht die einzige der von allen unterstützten Siedlungsarbeiten ist, von der schon heute neue religiöse Impulse ausgehen. Und es muß hinzugefügt werden, daß uns auch für die Zukunft die Möglichkeiten religiöser Entwicklung in Palästina größer zu sein scheinen als in den russischen oder in den argentinischen Kolonien — ohne dabei den durchaus berechtigten sozialen und sozialpolitischen Zweck dieser Werke gering anzuschlagen. Für uns Nichtzionisten ist die Erweiterung der Jewish Agency der Anfang einer neuen, hoffentlich zukunftsreichen Entwicklung. Wir wünschen, daß die hier sich vollziehende Einigung jüdischer Gruppen nicht nur weitere Kreise der Juden aller Länder zusammenführen wird, sondern daß auch die Aufgaben, für die sich das gesamte Judentum verantwortlich fühlt, immer zahlreicher und bedeutungsvoller werden. Georg LublnsKI Wenn wir zunächst von der politischen Bedeutung der Schaffung der Jewish Agency absehen, so besteht ihre symbolische Bedeutung in folgendem: Der Palästinaaufbau, der noch vor kurzer Zeit die Angelegenheit einer kleinen Gruppe von Menschen gewesen ist. besitzt schon heute, bei all seiner Unvollkommenheit die Kraft, die Liebe und die Tatbereitschaft der Juden der ganzen Welt auf sich zu ziehen. Von Palästina geht ein Leuchten aus, dessen Strahlen die Juden der ganzen Welt erreichen und erhellen. Der Blick der jüdischen Welt wird auf Palästina gerichtet, das Land erzwingt diese Richtung des Blickes. Dabei ist das zutiefst menschliche an diesem Vorgang, daß die Aufmerksamkeit der Welt nicht nur erzwungen wird durch die jüdische Leistung, durch das Neue, das in Palästina geschieht, sondern auch durch die Hilfsbedürftigkeit des Landes. Auch das, was in Palästina noch fehlt, was durch Mangel an Geldmitteln nicht erreicht werden konnte, erweckt jüdisches Interesse und indisches Leben da. wo es sonst schon verschwunden war. Dies ist die Wirkung eines lebendigen Organismus, der durch seine positiven Lebensäußerungen und auch durch seine Lebensbedürfnisse sich nicht nur selbst am Leben erhält, sondern auch anderswo Leben schafft. Mian hat von der Wirkung von Brez Israel nuf die Gallith oft gesprochen. Man hat diese Wirkung insbesondere darin gesehen: daß in Palästina ein Zentrum jüdischer Kultur geschaffen wird/ Die Wiirkung des Landes liegt aber auch in dem Wiederentstehen echter Lebensbedürfnisse und echter Lebensnotwendigkeiteri, darin, daß durch Palästina wieder Ansprüche an die Gesamtjudenheit gestellt werden können. Der Anspruchsgegner ist die Jewish Agency. Und vergessen wir nicht die politische Bedeutung der Schaffung der erweiterten Jewish Agency: die Juden der ganzen Welt, die zum erstenmal aus ihrer Zerstreuung vor mehr als 30 Jahren zum Zionistenkongreß versammelt worden sind, diese Juden finden nunmehr durch die Jewish Agency auf breitester Grundlage die erste völkerrechtlich anerkannte jüdische Gesamtvertretung. Aus dem Kongreß „des übrigbleibenden Restes", der 1897 das Volk darstellte, wird heute die durch alle Kulturvölker rechtlich anerkannte jüdische Gesamtvertretung für den Aufbau Palästinas. Das Leuchten, das von Palästina ausgeht, scheidet aber auch die Juden der Galuth in solche, die noch lebendig genug sind, um dem Anspruch des Lebendigen begegnen zu können, und in solche, die sich nur formelhaft im Leben orientieren können und die daher scheu vor der Möglichkeit einer Erschütterung ihres Daseins zurückweichen. Wenn jetzt der organisatorische Aufbau der erweiterten Jewish Agencv begonnen wird, so werden die für ihn verantwortlichen Menschen vor eine schwierige Aufgabe gestellt: es muß durch die Zusammensetzung der Agency erreicht werden, daß die Bedürfnisse des Landes, und zwar nicht nur seine materiellen, sondern auch seine kulturellen und ideellen, von Menschen befriedigt werden, die zum größten Teile selbst nicht in diesem Lande leben und die daher zumeist an Vorstellungen und Anschauungen verhaftet sind, die dem neu entstehenden Leben in Palästina entgegengesetzt sind. Wenn man, wie man das ja gewöhnlich tut, der Jugend in diesem Zusammenhang eine Sonderaufgabe zuweist, so ist es diese: innerhalb der Agency zu ahnen, was im Lande geschieht nnd diese Ahnung zu respektieren.