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Der Jugendbund · 1929-04-01 · 4 (1.4.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
4 (1.4.1929)
Date
1929-04-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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DIE JUNGGRUPPE Die Sdiriftleitung dieser Rubrik liegt in den Händen von Jack Raphael. Beckum i. W., an den alle Einsendungen zu richten sind. uiemarbeft r Wir' Juden sind heut« Oberaus stark vergeistigte Menschen. So leben wir nur in zwri, Berufskreisen: im akademischen - als Mediziner oder Jurist - und im kommerziellen. Den manuellen Berufen sind wir entwöhnt. Seit langem tobt darum die Diskussion um die Berufsumschichtung, und wir bemerken in den letzten Jahren schon eine kleine Aenderung in der Berufswahl. Auch für uns. den Bund, ist die Frage der Vergeistigung des jüdischen Menschen eine eminent wichtige. Wem es uns um die Erneuerung des Judentums ernst ist, so müssen wir es als eine der wesentlichsten Erziehungsaufgaben unseres 'Sundes betrachten, den jungen Juden wieder in ein natürliches Verhältnis zum Leben zu bringen. Gclsenkirchen hat klar an den Tag gelegt, daß der Bund eine systematische Ausbildung des Körpers in Sport und Spiel leistet. Es ist die Aufgabe der nächsten Zeit, dies inj'mer mehr auszubauen und zu intensivieren, tj 'Ein andrer, entschieden in seiner erzieherischen Bedeutung gleichwertiger Ausgleich gegen die übersteigerte Geistigkeit ist die Wertarbeit, die bcreils von vielen anderen Bünden seit Jahren geleistet wird. Es handelt sich nicht um das vielfach durchgeführte Basteln der Jungens und Handarbeiten der Mädels, das ja doch mehr oder weniger Spielerei ist. \ ielmehr geht es um eine regelrechte handwerkliche Arbeit. Der Junge soll nicht mehr mit der kleinen Laubsäge nette Wandbilderchen verfertigen, sondern er soll sich an die Hobelbank stellen und einen Tisch machen. Das Mädel soll nicht mehr schöne Deckchen sticken, sondern soll mit Schere und Zwirn ein Kleid anfertigen. Jungens können sich mit Schlosserei, Tischlerei oder Elektrotechnik, die Mädels mit Schneiderei oder Gärtnerei beschäftigen. Wieviel Freude kann solche Werkarbeit - schaffen! Da können sich Jungens die Tische, Bänke und Schränke für das Heim zimmern» die Mädels schneidern Decken, Gardinen und ~\ orhänge. Ein Garten, den man sich von der Stadt, oder von den Eltern vielleicht, zur Verfügung stellen läCt, wird bebaut. Jeder hat sein eigenes Beel, das er zu versorgen hat. In der Milte des Gartens zimmert man sich ein Heim, dessen Einrichtung selbst gezimmert wird. Die Erträge des Gartens werden auf Fahrt verwandt, oder man gibt sie armen jüdischen Familien. Vielleicht lernen einige Junggruppier die hiichbinderei und machen dann das Fahrtenbuch oder halten Hie Bibliothek in Ordnung. Mädels, die schneidern lernen, machen sich ihre Kluft selbst. Eine wunderbare Aufgabe ist es, warme Sachen für arme Leute aus Stoffen, die man sich stiften läßt, herzustellen. Hier eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten für die so sehr geforderte, aber so wenig geleistete soziale' Hille. Man kann Minderbemittelten viel helfen, wenn man ihnen kostenlos Stühle oder Tische repariert. Regale baut oder ihnen Strümpfe stopft. Kleider und Mäntel ausbessert. Selbstverständlich ist es mit einem bißchen Hobelspäne-, fliegen-lassen oder Zwirnsfaden-zerreifJcn nicht getan, sondern wirkliche Werkarbeit . erfordert systematische Ausbildung durch geschulte Kräitc. Hier muß mindestens zwei Stunden wöchentlich regelmäßig gearbeitet werden. Mit wenig Geld richtet man sich eine mehr oder weniger große Werkstatt ein und verpflichtet einen Tischlermeister, wenn man z. B. date Tischlern lernen will. Natürlich müßt ihr darauf achten;- daß der Betreffende auch sein Handwerk versteht und einen guten! sich systematisch aufbauenden Handwe-rksunterricht geben kann. Das nötige Geld müßt ihr aufbringen, und wenn ihr die rechte Lust habt, dann wird es auch zu beschaffen sein. Veranstaltet Sammlungen, verpflichtet Eltertl und Gönner zu regelmäßigen Monatsbeiträgen, laßt euch vom .Jugendverein oder von der Gemeinde einen Beitrag geben, bringt selbst finanzielle Opfer! Wenn ihr auf diese Weise nicht genügend Geld zusammenbekommt, aber auch nur dann, verkauft einen Teil eurer Erzeugnisse, die gewiß von Freunden unserer Sache gern zu höheren als Tagespreisen abgenommen werden. Wenn ihr euch mit dem Gedanken der Werkarbeit recht vertraut gemacht und Lust und Liebe dazu .habt, dann geht an die praktische Durchführung. Die Bundesleitung wird euch gern auf Wunsch Rundbriefe über die einzelnen Handwerke zusenden, aus denen ihr alles Nähere Bit genauen Angaben 6 über Einrichtung der - Werkstatt und den Aufbau der Arbeit ersehen könnt. Auch allgemeine Fragen zur Werkarbeit werden euch die Kreisleitungen prompt beantworten. Nur Mut! Gewiß werden nicht alle Jungens und Mädels, die durch die Schule der Werkarbeit gegangen sind, später manuelle Berufe ergreifen, und keinesfalls ist die Werkarbeit, die natürlich wegen des Alters der jungen Menschen und aus Zeitmangel nicht gründlich genug sein kann, eine Vorbereitung zu diesen Berufen. Aber, und das ist der große Wert, die LebensaTt, die Lebensauffassung unserer Menschen wird eine viel natürlichere, echtere sein. Die Werkarbeit wird dazu beitragen, aus dem jungen Juden einen ganzen Menschen zu machen, der fähig ist, Träger einer neuen jüdischen-Zukunft zu sein. Martin S e 1 i g m a n n. » Von der praktischen upd positiven Werkarbeit in der palästinensischen Kindergemeinde Beth Alfa berichtet ein sehr ausführlicher und auch interessanter Aufsatz im Februarheft der pädagogischen Monatsschrift „Das werdende Zeitalter" (Kohlgraben, bei Vacha, Rhön). Uebrigens ist diese ganze Februarnummer überhaupt für unsere Führer lesenswert, denn sie ist in ihrer Gesamtheit der jüdischen Erziehung in Palästina gewidmet. Gautag in Worms Es regnete. Die Wahl des Gauleiters wurde auf Ostern verschoben. Die Mannheimer Jugendgemeinde war als Gast anwesend. Ich referierte. — 60 Jungens und Mädels waren da. Eine beträchtliche Summe. Am Morgen war Diskussion. Man kann nicht sagen Diskussion, sondern Streifzüge. Folgendes: Wieso bin ich J-udc? Weshalb fühle ich mich als Jude? Welche Pflichten habe ich als Jude? Warum bin ich in einem jüdischen Bund? Nach welchem Ziel hat ein jüdischer Bund zu arbeiten? Daraufhin erklärte Hans May seine Gedanken und Ansichten über die Arbeiten im Bund. Dann: Die Arbeit der einzelnen Gruppen. Die Wahl wird bis Ostern vertagt. Hermann Kiesel bleibt Gauleiter. Dazwischen einzelne Theaterstücke. Mittagspause. Daraufhin: Die Stadt besichtigt und Spiele gemacht. Man trifft sich im Wormser Heim wieder Wir singen, spielen, lesen. Die einzelnen Gruppen fahrAi ab Der Gautag ist aus. Man kann sich denken, daß bei der Diskussion nichts herauskam. Erstens waren es zuviel Themen, um sie in zwei Stunden zu erledigen, und dann waren wir für eine Diskussion, die ein wirkliches Ergebnis herausbringen sollte, ein zu großer Kreis. Die Fragen blieben fast alle unbeantwortet. Wir sahen nur, daß während der Diskussion eine große Trennung eingetreten war. Ein Spalt hatte sich aufgetan, der nicht so Uichl zu überbrücken war. Auf der einen Seite stand der rein jüdische Bund (diese Ansicht vertrat hauptsächlich die Mannheimer Jugendgemeinde) und auf der anderen Seite stand der Bund jüdischer Pfadfinder. Das waren die zwei stärksten Gegensätze. Es ist klar, daß bei Juden fast jeder einzelne seine eigene Meinung hat. So waren natürlich auch auf unserem Gautag noch eine Mcnjre anderer Ansichten vertreten. — Doch war denn ein Ergebnis überhaupt das Wichtige an der Sache? Mußten wir unbedingt eine richtige Lösung finden? Nein. Das war ja gar nicht nötig. Wir waren ja nicht alle nach Worms gefahren, um über die Ideen des Judentums zu disputieren. Dazu hätten auch von jedem Bund einer oder zwei genügt. Doch das wollten wir ja gar nicht. Kennen lernen wollten wir uns. Wir wollten sehen, wie die Jungens sind, mit denen wir zusammen in einem Bund leben. Wir wollten mit ihnen sprechen. Wir wollten neue Ideen hören. Wir wollten andere Anschauungen wissen. Und das ist das Ziel eines Gautapes üeberhaupt das Ziel einer Zusammenkunft. Auch die Ansichten anderer Bünde wollten wir hören. Deshalb waren wir froh, daß die Mannheimer kamen. Doch noch viel zu wenig kennen wir uns. Wir kennen uns zwar, unsere Namen, unsere Gesichter, doch wir fühlen uns noch nicht richtig zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Also: Mehr Zusammenkünfte, mehr Treffahrten; Wir sind ja kein Verein, wir sind ein Bund!

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