Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 4 (1.4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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unseres Verbandes erschüttern wollten, diese Grundtendenz als ein durchaus wesentlicher Faktor des jüdischen Lebens sich et wiesen hat. Um so mehr, als es möglich war, diese Tendenz unsere« Verbandes von einem formalen Ansatzpunkt zu einer durchaus schöpferischen Willensrichtung umzugestalten. Wir nennen dies die gesamt judische Haltung des Verbandes und begründen sie wie folgt: Ausgangspunkt dieser Haltung ist die Erziehung zu gesamt- ::idischem Wissen, von der bereits gesprochen worden ist, die Tatsache, daß eine Stelle geschaffen wurde, von der aus der :,nge Mensch vorurteilsfrei allen Dingen des jüdischen Lebens zugeführt wird, mit der Maßgabe vielleicht, daß wir nicht eine ,'arallele Erscheinung zu jüdischen Lehrhäusern darstellen, sondern daß wir neben objektivem Wissensstoff alle Erscheinungsirmen jüdischer Gegenwart jungen Menschen vor Augen ,hren, und zwar ohne Hemmungen, die aus Rücksichten gegenüber irgendwelchen Parteien etwas unterdrücken würden. Ich „!aube, ich brauche mich mit der Erziehung zu gesamtjüdischem \X issen nicht näher zu beschäftigen, denn sie ist in der Öffentlichkeit so oft besprochen worden, daß das jedem klar sein dürfte. Wenn aber als zweiter Faktor unserer Förderung an junge Menschen das gesamtjüdischc Denken erhoben wird, so kann dies nur resultieren aus der Erziehung zu gesamtjüdischem \X issen. Es ist dies keine leere Theorie, sondern die Erfahrung aus der Arbeit der letzten Jahre, welche gezeigt hat, daß durch die gesamt|üdische Arbeit ein bestimmter Typus von Menschen hervorgegangen ist, der auch, nachdem er der eigentlichen .lugendbundarbeit entwachsen ist', sich weltanschaulich entschieden und einer Partei oder Richtung angeschlossen hat, daß dieser Mensch eine ganz bestimmte Art hat, sich mit jüdischen l'roblemen auseinanderzusetzen, daß er, im Gegensatz zu manchen, von Anfang an gebundenen Parteimenschen, in der Lage und gewillt ist, neue Fragen jüdischen Inhalts aus einer bestimmten und durchaus nicht von vornherein partei- ' titig .gebundenen Einstellung heraus zu betrachten, was wir - imtjüdisches Denken nennen wollen. Es ist die Möglichkeit -i.sere Menschen gegeben, auch nachdem sie sich gebunden 0, vorurteilsfrei an neue Dinge heranzutreten und die eil gegenüber neuen Erscheinungsformen des jüdischen s zu behalten. diesem gesamtjüdischen Denken und Wissen heraus der dritte' Faktor des gesamtjüdischen Wollens: die Erkenntnis, daß über der Partei, über allen Erscheinungsformen ichen Lebens, an denen lebhaft nach der eigenen Eni- Jung teilzunehmen Pflicht eines jeden Menschen unseres \ erbandes ist, ein Gesamtjudentum besteht, dem anzugehören, er den Parteien, eine ebenso große, wenn nicht größere Verpflichtung jedes Menschen unseres Verbandes ist. Aus dieser imtiüdischen Haltung heraus erwächst für uns die Verpflichtung zu gesamtjüdischer Tat, die Pflicht, überall im w.Jischcn Leben einzutreten für die Dinge, die Aufgabe und \ erpflichtung aller jüdischen Menschen sein sollen. Aus dieser V erpllichtung zu gesamtjüdischer Tat erklärt sich die Aufgabe, daß die Jugend in die Gemeinden gehen soll. Nicht nur als Melier der-Gemeindeverwaltungen, sondern, um aus der organisatorischen Gemeinde eine wirkliche Gemeinde im altjüdischen Sirnt; zu bilden, wo sich alle Menschen als gemeinsame!sr eines lebendigen Körpers empfinden. Daraus erwächst uns die Aufgabe, überall da, wo erMkalle jüdischen hen einigendes Werk geschaffen wird, mitzuhelfen, am iu Palästinas mitzuwirken, uns mit allen jüdischen hen in der Welt in Verbindung zu setzen und für unser in der Verwirklichung eines Weltbundes jüdischer Jugend arbeiten. Wenn dies für uns die neue Willensrichtung I erbandes ist. so sind wir gewillt und bereit, das Wort, man uns seit 20 Jahren anhängt, das wir als Last mitschleiien, als Ausdruck der Willensrichtung unseres Verbandes zu tragen, das Wort, daß der Verband ein neutraler ist. Denn wenn Neutralität das ist, was wir als gesamt jüdische Hallung auffassen, dann ist sie nicht blaß und farblos, sondern eine ungeheuer starke und schöpferische Kraft, der sich hinzugeben jeder junge jüdische Mensch in der Lage ist, ein« Möglichkeit, auch alle diejenigen jungen jüdischen Mensclien zu einen, die sich bereits weltanschaulich entschieden haben. Denn das dürfen wir sagen, es ist uns gelungen, Menschen, junge Menschen in unserem Verband zu behalten, die gleichzeitig auch als wertvolle Mitarbeiter in Parteien tätig sind. Ich glaube, daß unsere gesamtjüdische Haltung es uns ermöglicht, die jüdische Jugend auch in den Großgemeinden zu begeistern und daß die Erkenntnis, daß die Partei eine durchaus notwendige und wichtige Erscheinung ist, begleitet werden kann von der Erkenntnis, daß es darüber hinaus ein Einigendes gibt, Menschen in Bünden jugendlicher Menschen mit gesamtjüdischer Willensrichtung zusammenzufassen. Referat: Unsere Aufgaben in der Gegenwart uon Dr. Hann, Essen So gewiß -es ein Ueberzeitliches in aller Erziehungsarbeit gibt, so notwendig ist für alle Juge,ndführung die Beachtung der Sonderaufgaben, die aus der Zeit geboren sind. Sinn dieser Besprechung ist. zu sagen, wie wir die Situation des jungen Juden in unserer Zeit sehen und welche Folgerungen wir für die Bundesarbeit daraus ziehen. Wenn man die Bücher eines Frank Thieß, eines Ernst Glaeser liest, die die Welt des jungen Juden in ihren Dichtungen einzufangen versuchen, so wird man merken, daß es diesen Menschen vor allem darauf ankommt, uns die Tatsache einzuhämmern, daß der junge Mensch von heute sich irgendwie vereinsamt, verlassen und betrogen sieht. Das gilt für den jungen Menschen überhaupt, für den jüdischen insbesondere. Wir verdanken es Edmond Fleg. daß er uns gezeigt hat, "wie verlassen doch ein jüdischer Junge in unserer Zeit in seiner Familie sein kann. •— Wir sind im Verband der Meinung, daß das Gut an übergeordneten jüdischen Werten, die das Elternhaus nicht geben kann, unserer Jugend außerhalb des Elternhauses gegeben werden muß. Wenn das in Kindergärten und jüdischen Volksschulen geschehen kann, so isl es sehr gut. Das, wonach diese bewegte jüdische Jugend sich sehnt, kann in einem offiziellen Religionsunterricht allein nie gegeben werden, weil die jüdische Jugend nicht nur Jüdisches wissen will, sondern die Sehnsucht hat, jüdisches an sich selbst erfahren zu dürfen. "Das ist nur in einer jüdischen Jugendgemeinschaft, in einem Schülerbund, in einer jüdisch geführten Junggruppe möglich. Darin hat sich etwas Umwälzendes in diesen 20 Jahren ereignet, daß die Junggruppenarbeit nicht mehr an der Peripherie, sondern im Mittelpunkt der Verbandsarbeit steht. Nur ein junger Mensch, ' der durch diese Schule einer freien Bundesarbeit gegangen ist, wird einmal imstande sein, Führer im Jugendhund zu werden. Es wird für-die Menschen, die aus unsern Junggruppen kommen, nicht leicht sein, diese Umstellung zu vollziehen, denn das Beste in den Junggruppen ist Erbteil der Jugendbewegung. Aber die Frage ist folgende: Ilaben diese jungen Menschen nicht gerade mehr noch als andere die Verpflichtung, sich dieser Arbeit zu unterziehen," weil sie als jugendbewegte Menschen Einblick gewonnen haben in die Not unserer Zeit, in die Not der jüdischen Jugend? Wie steht es eigentlich um die erwerbstätige jüdische Jugend unserer Tage? Wenn wir recht sehen, so glauben wir feststellen zu dürfen, daß diese jüdische Jugend unter einer weitgehenden Berufslosigkeit leidet. Es muß unsere Aufgabe sein, dieser Not gerecht zu werden. Wir dürfen nie authören, diesen Freunden Hilfe zu bringen, zusammen mit den Organisationen, die vor allen Dingen berufen sind, die soziale Not zu lindern. Aber diese Berufslosigkeit geht viel weiter, als mar) beim ersten Anblick denken mag. Die jüdische Jugend. wenn| sie sich nicht gerade akademischen Berufen hingibt, strömt immer noch zum größten Teil kaufmännischen Berufen zu. Wir befinden uns auf diesem Gebiet in einem Prozeß der Menschenme :hanisierung, der nicht so weiter gehen kann, wenn nicht die Gefahr bestehen soll, daß der seelische Funke ganz erlischt. Man darf nicht vergessen, daß der einzelne immer weniger Blick über das Gc- MUnta, Immer Wenigst Freude au »Irr Arbeit hat, dir ihm auf erzwungen erscheint. Wir sagen das, umj in aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, daß manche Auswüchse dieser Jugend wohl zu verstehen sind, wenn man si|ch einmal hinein fühlt und denkt, was das Leben dieser Jugend bedeutet. Vieles deutet darauf hin, daß diese Jugend vor allem Jazz, Kino und Sport liebt, um die Leere ihres Herzens durch Nervenbetäubung nach de« Geschäftsstunden zu übertönen. Wie kann man ihr helfen? Man sollte die Heimatlosigkeit von dieser Jugend nehmen durch ein Heim, das der Jugend gehört und das von ihr verwaltet wird. Wer einmal das Jugendheim in London gesehen hat, weiß, daß die Möglichkeit besteht, die draußenstehende Jugend zu vereinigen, und jüdisch zu binden. Es ist doch von einem Menschen, der in dieser Tretmühle steht,_ wie der jüdische Angestellte, nicht zu erwarten und zu verlangen, daß er sich auch noch an regelmäßiger Bildungsarbeif beteiligen soll. Wir wollen zwar das Bildungsniveau in den Bünden nicht herabdrücken, aber dies-- Mcnsulien vor allem «wellacli auflockern und dafür sorgen, daß sie nicht so sehr beim Gehirn als beim Herzen angefaßt werden. Diese Arbeit erfordert von den Führern ein großes Maß persönlicher Opfer. Noch ein letztes — die Vereinsamung der jungen jüdischen . •■■ '' •: 13