Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 4 (1.4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492456-6352309-6352550--0786-4928946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vc'bst ausschließt aus der Gesamtheit, leugnet das Wesentliche!" Diese Gottesleugner negieren zugleich die Harmonie und das Menschheitsideal, das messianische Erlösungshoffnung als Ziel alles Strebens setzt. Die Haggadah sagt: „Er verschließt sich selbst das Tor der Erlösung, ein Unfreier bleibt er, und sein Klügeln macht ihn zum „Rasch a", zum „Bösewich t". Ein Rascha heißt der, der das Wesen der Welt, ihre Sinngebung im Göttlichen, leugnet und sich so hindernd dem wahren Fortschritt der Gesamtheit in den \\ eg stellt. Zur dritten Kategorie der Menschen, die dem Religiösen konfrontiert sind in der Haggadah, gehört der „Tom". Er ist der in Einfalt und Harmlosigkeit, aber auch in Stumpfheit und Verantwortungslosigkeit in den Tag lebende Mensch. — V\ ir würden vielleicht am besten übersetzen „Durchschnittsmensch". Er lebt seines Tageswerkers Fron, er ist „fromm", wo Gewohnheit und Sitte es heischen, er gehört zu der zahlreichen Klasse der Mitläufer, die mit ehrlichem Erstaunen, doch oberflächlich und ungeistig zugleich, manchmal die Frage stellen: „Was soll das?" . . Die Frage klingt wie die nach Nützlichkeit und Zweck. Der Mensch des Alltags, der Mensch, der, sich ums tägliche Brot quälend. :elbst alltäglich wird, weiß und versteht nicht, daß gerade die höchsten Werte nicht berechnet werden können nach Nutz und Gewinn, sondern in sich selbst ruhen. Sie fragen: „Wozu das, was nützt, was soll die Religion?" Diese Masse Mensch muß geführt, erzogen und aufgerüttelt werden. In ihr gilt es Begeisterung zu erwecken und sie zu entreißen der Stumpfheit des Gleichmaßes Hier muß geweckt werden der Sinn für geschichtliches Gc schchen des Judentums. Der „Tom" ist ein Mensch, der ge nonnen werden kann, hingeführt werden kann zum Verständnis alles Geschehens und Handelns. Der Boden seiner Sehnsuch! und der Acker seines Fühlens muß aufgerissen werden, damil das Saatkorn der Lehre Wurzel faßt: „Mit starker Hand hat Gott uns herausgeführt!" Diese Offenbarung unserer Geschichte ist es, die wieder Gemeingut der Massen werden muß, damit aus dem „Tom" der Chacham, aus dem Gewohnheitsmenschen der schaffende Geistesmensch werde. Schlimmer als die Gewohnheitsträgheit des „Tom", gefährlicher für die Gesamtheit als der „Rascha" ist der vierte Typ, den die Haggadah" schildert —: „Der das Fragen nicht kennt!" Der völlig Gleichgültige, der Indifferente bedeutet die größte Gefahr für den Bestand des Judentums. Wie bekämpfen wir den Indifferent i s m u s? Das ist und das muß die unaufhörlich Frage unseres Verbandes sein! Es ist die Frage der JugenJ _ Es gibt nur die eine Antwort: Arbeitet alle selbst mi!1 Stellt Euch Fragen und sucht ihre Antwort, aber vor alle1: auch: Du hast die Pflicht, ihm, dem Gleichgültigen, die Sehnsucht der brennende rrage ins Herz zu heben! Oeffne Du ihm das \. schlosscne Herz und löse Du das verschüttete Gefühl! Fühn I Jugend in unsere Reihe, die ein Kreis der Fragenden. Suche den und darum Findenden ist! Das 20 jährige Verbandsjubiläum vom 15.-17. März 1929 Die Berliner Veranstaltungen Die Beritner Veranstaltungen aus Anlaß des 20jährigen Bestehens des Verbandes versammelten die Berliner und eine große Anzahl auswärtiger Verbandsfre.unde zu gemeinsamen Feiern. Im neuen Bündesheim des Berliner Juger.dbundes bildete eine von 100 Jugendbündlern besuchte Freitagabendfeier den Auftakt. Als Hauptteil der schlichten Feier wurde der Bibeltext des ersten Schöpfungstages unter Leitung von Fritz Schwarzschild gelesen. In fröhlicher, sabbatlicher Stimmung blieb man lange um den festlich geschmückten und gedeckten Tisch beisammen. Der Samstagabend war drei in verschiedenen Stadtteilen Berlins abgehaltenen Werbeversammlungen gewidmet, in denen eine größere Anzahl von Mitgliedern des Verbandsvorstandes aus Berlin und dem Reiche sprachen. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stand der außerordentlich stark besuchte Festakt am Sonntagvormittag im Festsaal des Logenhauses. Nach einem Gesangvortrag von Frau Dreyfuß begrüßte der Verbandsvorsitzende Dr. Hahn in herzlichen Worten alle Erschienenen, die Vertreter des Reichsinnenministeriums, des Jugendamtes der Stadt Berlin, des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, der Jüdischen Gemeinde Berlin, der Großloge für Deutschland UOBB. und der Berliner Logen, des Jüdischen Frauenbundes, des Rabbinerverbandes, des Lehrerverbandes, des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände und der ihm angeschlossenen Organisationen, der Zentralwohlfahrtsstelle, des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des AJGV. und des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, sowie die in großer Anzahl erschienenen auswärtigen Verbahdsfreunde und Gäste und dankte für die aus allen Teilen des Reiches zahlreich eingetroffenen brieflichen und telegraphischen Glückwünsche. Im Namen der Großloge, von der seinerzeit die Anregung zur Gründung des Verbandes ausgegangen war. übermittelte, gleichzeitig im Auftrag des auf einer Reise befindlichen Großpräsidenten Dr. Baeck. der Mitbegründer des Verbandes, Kommerzienrat Maximilian Stein die Glückwünsche der Großloge und der Berliner Logen. Er legte in einer formvollendeten, von innerer V erbundenheit zeugenden ausführlichen Rede die Hoffnungen und Wünsche der Logen in bezug auf den Fortbestand und das Wachsen des Verbandes und seiner Arbeit dar. Im Auftrage des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und in Vertretung des durch einen Unglücksfall verhinderten Präsidenten des Rates, Kammergerichtsrat Wolff, übermittelte Herr Professor Türk die herzlichsten Glückwünsche. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß von dem Elan der jugendlichen Menschen die 2 schwierige Arbeit der älteren Generation profitieren könne und sicherte die weitestgehende Unterstützung der Jugendarbeit, insbesondere auf sozialem Gebiet, durch den Preußischen Landesverband zu. Der Vorsitzende des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, Direktor K a r e s k i. zeichnete in markanten Worten die besonderen Schwierigkeiten, die sich füi die Jugendarbeit insbesondere in der Groftgemeinde Berlin ergeben. Die für die Zukunft der Gemeinde ausschllaggeb. I< und wichtige Arbeit der Jugendbünde ideell und materiell tatkräftigst zu unterstützen, liege im ureigensten Interesse dei Gemeinde. Die wärmsten Wünsche der Berliner Gerne i hegleiten die fernere Arbeit des Jugendverbandes und M Berliner Jugendbundes. Dr. Georg L u b i n s k i , Berlin, übermittelte im Nam n des Reichsausschusses und der ihm angeschlossenen Jugendorganiationen Grüße und Glückwünsche. Es habe l&Ogerc Zeit gedauert, bis sich eine Plattform der Arbeit für den Verband innerhalb des Reichsausschusses gefunden habe. Die intensive Erziehungsarbeit des Verbandes müsse darauf gerichtet sein, jeden einzelnen Jugendbündler zu der Erken: - p;s zu zwingen, daß er in seiner Person eine Garantie für den fortbestand der jüdischen Gesamtheit bilde. Die soziale Arbeit, der sich der Reichsausschuß ausschließlich widme, müsse die Möglichkeit schaffen, auch innerhalb der jüdischen Wohlfahrtspflege einen frischen Geist einziehen zu lassen. Den Begrüßungsreden folgten die drei Referate über „Der Verband im Leben der deutschen Judenheit". die wir weiter unten auszugsweise wiedergeben. Nach dem Vortrag des ArioS'.i von Haendcl schloß Dr. Hahn unter lebhaftem Beifall mitr den Worten herzlichsten Dankes und dem Versprech. weiterer intensiver Arbeit die würdige und glänzend verlaufene Festversammlung. Den Abschluß der Berliner Veranstaltungen bildete . ein Festabend im Logenhaus. Den Berliner Jugendbündlern danken wir die vorzügliche Vorbereitung und Durchführung dieser Veranstaltung. DerVerbandimLebenderdeutfchenludenheit Referat: Gesamtjüdfsche Haltung von Herbert Felsenthal, Düsseldorf Die Tendenz eines Verbandes junger Menschen bleibt nie1 bei dem, was die Gründer des Verbandes in Satzungen niedergelegt haben. Die Willensrichtung wird von denen bestimmt, die Mitarbeiter im Bund sind. Wenn wir bei dieser Erkenntnis im wesentlichen-das geblieben sind, was sich die Schöpfer des Verbandes vor 20 Jahren gedacht haben, so ist das ein Bewei> dafür, daß trotz der vielen Anfeindungen, die die Grund»'