Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 4 (1.4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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D€R ,fi/G€lVf>BljNP miTTfe'Lunecn ots vegBQnpes Dep jüoiscHen ju6€npy£g€jne DeuTsemflnps 15. Jahrgang Düsseldorf, den 1. April 1929 Nummer All* riPm Inhnlt' PsYcho,°ä>e der Haggadah, von Dr. Davin Schönberger, Aachen. — Das 20jährige VeAandsrubiläum; HUO Ublll IIIIIUIl. die Berliner Veranstaltungen; der Verband im Lebender deutschen Judenheit; Veranstaltungen im Reich. — Die Junggruppe. — Bücherschau. — Aus dem Leben de« Verbandes. - Mitteilungen der Verbandslertung. — Spendenliste. — Adressenänderungen und Neugründungen. Psychologie der fiaggadah an Von RabMnar Dr. Mvtn Schönberger. Aachen Eine häufig gestellte Frage, die zugleich bereits eine Kritik enthalten soll, ist, ob nicht die ständige Wiederholung alth< rfjebrachter Formeln, Gebete, Satzungen u. a. m. den Eindruck, der hervorgerufen werden soll, die Wirkung, die beabsichtigt ist, zerstöre oder zum wenigsten abschwäche. Un- ■ sprochen beantwortet die Haggadah des Pessachfestes diese Frage, wenn sie von den Weisen von B'ne b'rak berichtet, dati sie aus dem altüberlieferten und oft wiederholten Stoff der Erzählung des Befreiungsauszuges aus Aegypten tiefe, neue Weisheiten schöpften, daß sich ihnen aus der altbekannten Erzählung neue Fragen und Antworten ergaben. Im Grunde sind es seither immer dieselben großen Probleme, von denen die Entwicklung fortschreitet, und nur die unterschiedliche "Einstellungsweise der Menschen zu ihnen ruft die ganze Skala der Mannigfaltigkeit hervor, die wir mit einem Wort MenscMieitsentwicklung nennen. Werten wir psychologisch, so läßt sich sagen, daß selbst die Menschen in den sich ablösenden Zeilepochen im Grunde sich gleichen und nicht das „Was", noch das „Wer", sondern allein das „Wie" der Einstellung den Ereignissen ihr Gepräge gibt. Wieder Mensch zu den ewigen Problemen sich verhält, das gibt dem Leben seine wechselnde Form. Es ist daher gar nicht so naiv, wie es auf den ersten flüchtigen Blick erscheint, wenn die Haggadah in ihrer plastischen Weise einander sich ergänzen läßt — unveränderliche, ewig gleichbleibende Wahrheit und Problematik der Religion und die veränderliche Einstellungsart im Grunde sich stets gleichender Menschentypen. Am deutlichsten tritt diese Typisierunjj *m Jugendlichen in Erscheinung (»;«r überhaupt die Psyche des Jugendlichen für-die Wertung de, Erwachsenen entscheidend ist). Daher „entspricht die Ausdruckskraft der Thora vier Arten von Jugendlieben: dem Weisen, dem Bösen, dem Einfältigen und dem, der keine Frage zu stellen w e i ß". Mit dieser Aufzählung der Haggadah wird nicht nur die religiöse Problematik und der suchende Menschengeist in psychologische Wechselwirkung gesetzt, uns ist auch eine wertvolle psychologische Würdigung der Einstelhingsweise zum Religiösen gegeben. Die Fragen der Vorzeit sind unsere Fragen, die früheren Menschen — wir finden «e noch heute! So kann eine vertiefende Airsschöpfung der psychologischen Bewertung, Frage und Antwort der vergangenen Generation uns auch heute aufschlußreich sein. „Wie ist die Frage des Verständigen, des Chacham?" Der Cbacham wird der genannt, der bereits eingedrungen ist in das Wesen und Wollen der Thorareügion. Ihm ist ihr Wert bewußt und selbstverständlich. Ihre göttlichen Wahrheiten sprechen zu ihm, und da-« Zeichen «einer Weisheit ist, daß, wo ihm Unklarheit und Zweifel auftauchen, er vore Ursache des ßer sich sucht. erst die Unklarheit oder d i Zweifels in sich und nicht a um Wer von der Göttlichkeit ewiger Wahrheiten durchdrungen, der kennt nicht den Zweifel an Gott, wohl aber zittert in ihm stets der Zweifel am Menschen, der Zweifel an sich selbst. Der Chacham sucht nach dem Sinn, seine Frage dringt zum Kern der göttlichen Absicht vor, auch da, wo er nicht erklärt und begreift: „Was ist die Bedeutung der Zeugnisse, Satzungen und Rechte, welche der Ewige, unser Gott, Euch befohlen hat?" Ihm, dem Sucher nach dem Sinn, sollen, so sagt die Haggadah. nicht einfach „Hilchoth Hapessach", die Satzungen, aufgezählt werden, sondern zu ihm ^sprich: „k"hilchoth hapessach" — vom Geist der Satzungen! Leider ist der Typus des Chacham im -Sinne dieser unerschütterlichen Einstellung zur Religion des Judentums in unseren Reihen nur allzu selten. Was uns fehlt zur seelischen Kraft eines solchen gefühlsgeistigen Eindringens in das Vermächtnis unserer Religion ist die reine, ruhevolle Gewißheit Gottes, die durch kein Geschehen und durch keinerlei Umstände getrübt werden kann. Uns fehlt das Gefühl des unbedingten Geborgenseins in Gott. Es fehlt den meisten Orthodoxen, die nur allzuleicht, indem sie die „Hilchoth" — die Satzungen — sich zu eigen machen, die Frage „k'hilhoth", wie, in welchem Geist sind sie zu erfassen, vernachlässigen. So entstehen die oft fast lächerlich anmutenden Uebertreibungen der Gesetzesvorschriften, die nichts mehr mit Religion gemein haben. Es fehlt den meisten Liberalen, deren Frage zwar k'hilchoth — „wie sind diese Satzungen beschaffen" — lautet, aber das positive, beiahende Halten der „Hilchoth", das getragen sein muß von der Gewißheit „Gott lebt", ist ihnen fremd. Der Chacham ist der Mensch, der, von der göttlichen Wahrheit tiefinnerlichst erfaßt und durchdrungen, diese Wahrheit im Leben umsetzt. Gelebte Religion hört niemals auf zu fragen und Gott zu suchen, während sie doch sich zugleich von Gott getragen weiß und Ihn verwirklicht. Dieser Art des Fragens steht gegenüber die Frage des „Rascha" — dieses Intellektuellen, der fragt aus Lust am Fragen und am Zersetzen. Er ist innerlich nicht beteiligt, während er analysiert. Er hat meist nicht einmal die Absicht, sich von seinem Standpunkt abbringen und belehren zu lassen. Es ist ihm eine stille Freude, mit der Miene des Aufgeklärten die religiösen Forderungen zu belächeln. „Was soll Euch dieser Dienst?" — Ist es nicht, als ob wir sie alle hören in dieser Frage, die Besserwisser und Spötter, die ohne eigene Anteilnahme das Tun und Gefühl der anderen kritisieren, die doch im Grunde ihre eigene Hohlheit und Leere verbergen im billigen Lächeln ihres Witzes. „Was soll Euch dieser Dienst", der mich kalt läßt und mich nicht fordert? Solche spöttisch Abseitsstehenden waren noch nie die Schöpfer des Fortschritts. Unsere Generation wird sie genau wie die Geschichte der Menschheit kennzeichnen und ihnen die Antwort der Haggadah geben müssen: „Wer sich 1