Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 3 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Es sind dies nur einige Anleitungen zur praktischen Arbeit. Wir wollen hoffen, daß die Mädelsarbeitsgemeinschaften eine wertvolle Ergänzung im Bundesleben, das Mädelsamt ein wertvoller mitschaffender Faktor im Leben des V rbandes werden wird In memoriam Gustav Landauer von Ernst Hölzer. Frankfurt a. m. Die Zeit war krank, und der Mensch war krank. Die Krankheit bestand in der Diskrepanz zwischen Wollen und Wirken, Berufung und Beruf, täglicher Arbeit und abendlichem Gerede. Man fühlte diese Unebenheit, es standen Männer auf, die auf sie wieder und wieder hinwiesen. Einer von ihnen war Gustav Landauer. Im Jahre 1893 erscheint ein Roman „Der Todesprediger". Der Verfasser des Buches, das mehr ein Bekenntnis und ,mehr eine Predigt ist als ein Roman, ist Landauer; er war damals 20 Jahre. Zehn Jahre später, 1903, , gibt er es neu heraus, weil es bisher seine Leser nicht gefunden hat". Das ist die 'Iragik im Leben all dieser Wegweiser. Landauer hat sie gespürt; dieses Klar-Sehen und Reden-Müssen, dieses Sich-mißliebig- Machen und die ihm entgegenschlagende Verachtung — alle Menschlichkeiten der Menschen. Als er in den wirren von 1919 liel, da wußte trotz dreißigjährigem Wirken nur ein gaift kleiner Kreis von Freunden, wer dieser Mensch Landauer war und was das Volk an ihm verloren hatte. Selbst der kleinen literarisch interessierten Gemeinde war er nie mehr als der Kommentator Shakespeares gewesen. Wer aber war er wirklich? Einer seiner Freunde, Martin Buber, der seinen Nachlaß, und aus ihm die großartigste Briefsammlung eines heutigen Menschen herausgab, erzählt, daß Landauer selbst gern „betonte, er sei .antipolitisch' eingestellt; das bedeutete natürlich ganz und gar nicht: einer, der sich aus der Oeffentlichkeit in die private oder intellektuelle Existenz zurückzieht; es bedeutete: einer, der gegen eine falsche Oeffentlichkeit für eine künftige, rechtmäßige, gegen eine zerfallende Gesellschaft für den Bau einer Gemeinschaft mit seiner Person eintritt; aber nicht .politisch' eintritt, wie für etwas, was manj .durchsetzen' will, sondern mit den Mitteln des Lebens selber, im eigenen Leben, mit dem eigenen Leben . . . Und sein eigenes Leben war ihm eine Stätte der Verwirklichung." Ist es ein Wunder, daß solch ein Mann, Feind der konservativen und Feind der erneuernden Gruppen, Feind all der Kleinlichkeiten und Kleinheiten, die sich in dem Getriebe der Zeitgenossen kundtaten, nur Feinde und Gegner haben konnte? Ist es ein Wunder, daß alle sie, die ihn ja nicht widerlegen konnten, ihn einfach totschwiegen? Ist es ein Wunder, daß die große Oeffentlichkeit nichts wußte von diesem Mann, daß dieser „einsame Revolutionär", um Bubers Wort zu gebrauchen, einsam lebte und einsam starb? Und doch, wenn wir nach so viel Jahren, ja Jahrzehnten, heute seine Briefe lesen, das Persönlichste, Zeitgebundenste, was sonst ein Mensch schreiben kann: Die Unvergänglichkeit, die Aktualität, rührt einen seltsam an. Und dies, obwohl Kriege und Revolutionen, einer der gewaltigsten Umstürze im Leben dieses Europa vor sich gegangen waren; dies, obwohl die Menschen von 1929 andere sind, als die von 1919 und gar die von 1909. Aber hier zeigt sich, wie wenig von den Schriften Landauers Leser, wie wenig von seinen Botschaften Hörer gefunden haben, und wie wenig von seinen Forderungen erfüllt sind in all der Zeit. Was ist es denn, was er gefordert hat? Schon als Zwanzigjähriger hat er erkannt, was in unseren Tagen weder Zwanzignoch Achtzigjährige erkennen wollen: Man muß „das Istentum" abstreifen! Er hatte wohl erkannt, daß „es keine Wissenschaft von der Zukunft gibt"; daß „nur die Gegenwart wirklich ist, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht jetzt zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht". Und deshalb steht der Todesprediger, Gustav Landauer ist sein Name, auf: „Es ist nur eine Art Schuldigkeit, was ich tue, und ich tue es aus allgemeinen und persönlichen Gründen ohne Hoffnung." Ihn treibt nicht der Ehrgeiz moderner Parteiführer und Demagogen, ihn treibt nicht der unbegründete Optimismus der Kinder. Er erfüllt seine Pflicht, ohne viel Hoffnung zu haben, aber er erfüllt sie. Er „hält sich von jeder aktuellen Politik fern und erstrebt in antipolitischer Gesinnung die Lösung aller unserer gesellschaftlichen Probleme außerhalb der überkommenen Formen in neu zu bildenden Formen." Wahrlich, ein großes Werk, eine große Aufgabe, zu groß für diese Zeit! Doch all sein Wissen von der Unerreichbarkeit, von der Hoffnungslosigkeit, von dem endlichen Mißerfolg seines Strebens, hindern ihn nicht an seinem Tun. Es lebt in ihm jener längst totgeglaubte Typ der jüdischen Propheten wieder auf, die die Warner ihres Volkes, die Ansager seines Unglücks und Sturzes waren und doch immer sich mühten, ihn aufzuhalten, das Volk aufzurufen zu großer Tat. Sein ganzes Leben war ein solcher Aufruf. Das Konzentrierte, das Große, Gewaltige, was er einer vergeßlichen Mitwelt — und Nachwelt — zuruft, ist jener einzigartige „Aufruf zum Sozialismus", ein Buch, das aus dem edlen, verhaltenen Zorn und aus der starken Kraft des Menschen Landauer heraus entsteht. Da war einmal einer, der nicht mehr Lohn und weniger Arbeit forderte, der nicht mit billigen Schlagworten und abgegriffenen Parolen Scharen von Anhängern warb, sondern der klar und deutlich eine neue Front aulrichtete, die Front der Geistigen gegen die Geistlosen. Geistlose, das waren ihm alle, „denen aie Einheit von Fühlen, Wollen und Denken fehlte." „Gefühl, Vernunft und Handeln in Einklang bringen — es ist alles damit gesagt — ein ungeheures Aufhören mit dem Verderblichen, Niedrigen, Verwesten; ein ungeheures Beginnen und Durchsetzen des Wirklichen." Er halte vor ihnen aus tiefster Seele heraus einen „Abscheu, denn sie wollen das lagesieben von der Weltanschauung her dirigieren." Alle diese Parteischönredner und Parteihäuptlinge und Bonzen, die mit fertigen Rezepten das unendliche Vielerlei des lebendigen Lebens meistern wollten, seien sie Sozialisten oder andere „Isten", nannte er mit Recht „kleinliche, mittelmäßige Seelchen, die sich selbst das Leben erträglich machen mit ihrem Gerede — und das nennen sie Weltanschauung!" So lebt Gustav Landauer im immerwährenden Kampfe mit allen den Zufriedenen, die sich mit ihrer Stellung „in der Partei" so leicht zufrieden gaben. Seine große Hoffnungslosigkeit bestand darin, daß auch die oppositionellen Menschen und die jungen zumal mit in das gleiche überkommene Horn bliesen, daß sie nicht bereit waren, die neuen Formen gesellschaftlichen Lebens zu schaffen, zu verwirklichen. Auch dort war es wie überall: „Bestimmte Menschen haben sich zu Gruppen zu vereinigen zu bestimmten Taten." Aber zu Taten! Und nicht zu Worten! Denn „Vereinigungen um allgemeiner geistiger Gemeinschaft oder eines unbestimmten geistigen Triebes willen sind unfruchtbar, führen zu Streit; die Gemeinschaft bekommt einen Namen, erlangt den Schein der moralischen Person, und es entsteht so das, was man Partei nennt." Und gegen das, was man Partei nennt, führte Landauer seinen Kampf. Er führte ihn, von seinem schließlichen Mißerfolg im voraus überzeugt. Er lebt die letzten Kriegsjahre unter seelischen und materiellen Sorgen. Er sieht den Zusammenbruch des Alten kommen, aus dem das Neue entstehen könnte. Er weiß, daß es nicht entsteht. Und.doch stellt er sich dem Werdenden zur Verfügung. In der Eisner'schen Provisorischen Regierung, dem Regiment der Idealisten, bekleidet er, natürlich, den Posten eines Ministers für Volksaufklärung. Nach wenigen Wochen schon tritt er zurück, als er all das Häßliche, Ungenügende auch bei denen sah, die das Zeitlose, Große schaffen, sollten. Wieder ein einsamer Prediger wollte er sein. Die Kugel, die ein weißer Offizier auf ihn abgab, ihn, der sich schon seit Wochen aus dem Getriebe der Revolution zurückgezogen hatte, schließt seinen Mund am 2. Mai 1919 für immer. Was für ein Mensch! Ein später Sohn der Propheten, ungehört und unverstanden, totgeschwiegen zuerst, und dann totgeschlagen! Welch ein Leben! Wir aber: Sind wir heute besser geworden? Oder wird in zehn Jahren wieder einer seiner Briefe und seine Bücher „neu herausgegeben, weil sie ihre Leser bisher nicht gefunden haben"? Nun, die Zeitungen und Reden sind voll von den großen Taten: sollte das alles sein? Immer noch scheint's, als ob uns Juden von heute, uns Menschen von heute ein Gustav Landauer umsonst gelebt, umsonst erschlagen wurde... 13