Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 3 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Buchbesprechungen „Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des Aktiven Pazifismus. Herausgegeben von Franz Kobler. Rotapfel-Verlag. Leipzig. Preis in Ganzleinen 6,50 Mk. Ein Buch von erschütternder, aufrüttelnder Sachlichkeit. An seinem Entstehen haben die prominentesten Führer beider Erdhälften gearbeitet und so ein Dokument geschaffen, das nicht mehr übersehen läßt, daß in der Welt unhemmbar wächst und wächst. ..eine geistige Bewegung, wurzelnd im tiefsten .rauen gegen jede Gewalt, ebenso hervorbrechend aus den unbewußten Tiefen der Volksseele, wie getragen von den reifsten Gedanken menschlicher Selbstbesinnung". Der ..Aktive Pazifismus" hat nichts mit jenen zu tun, von denen Romain Rolland sagt: ..Abgeschmackte Pazifisten Mi ken matt und schmachtend und man fühlt wie unschlüssig sie sind . . . der wimmernde Pazifismus ist dem Frieden tödlich: er ist eine Feigheit . ." Und weiter: ..Der Weg des Friedens ist nicht der Vjjg der Schwäche. Diejenigen, die nicht glauben können oder die sich fürchten, mögen sich zurückziehen! Der Weg des Friedens ist die Aufopferung seiner selbst." Dem aber hinzugefügt werden darf, daß die sich aus Furcht gegen ihr sprechendes Gewissen „zurückziehen", die dann erzwungene Aufopferung ihrer selbst kaum erspart bleiben dürfte — durch einen nächsten Krieg — den drohenden Gas- und Vernichtungswahnsinn, der unhemmbar kommt, 'wenn die Tatkraft und aufopferungsfähige Aktivität der ihm Entgegenstehenden nicht fähig wird, es zu verhindern ..Da redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhub sich Kain wider feinen Bruder Abel und. schlug ihn tot." ..Da. sprach der Herr zu Kain: .... Was hast- Du getan? Die Stimme Deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde. Und nun verflucht seist Du auf der Erde . . ." So spricht unser heiliges Buch, über die Auseinandersetzung zwischen Bruder und Bruder, zwischen Mensch und .Mensch, die endet mit der armseligen 4 Vernichtung des physisch Schwächeren. .'.Man halte nicht dagegen, daß das Volk Israel durch blutige Kriege ging, gehen mußte. Dieses ungebärdige \ olk hatte eben seinen Weg. Aber künftige Zeiten, die auf die \\ ahnsinnsepoche, wo noch Vernichtung des anderen, Verschiedenheiten „klären" sollte, zurückblicken werden wie auf Vorsintflutliches — die werden mit Staunen und Bewunderung die Tatsache konstatieren, daß Gott sein Volk schon Jahrtausende vorher auf den schweren unhemmbaren Ehrenweg der Gewaltlosigkeit, gezwungen hat! Wollen wir Juden dies nicht schon eher erkennen? Muß der Trieb und die Sehnsucht zur unblutigen, gewaltlosen Entwicklung nicht in u serem Blute liegen, hineingepflanzt durch die Jahrtausende? Ej liegt darin! So bekennen wir uns auch dazu — mit Leib und Seele!, d. h. mit Mut und Aktivität! Auf daß Wirklichkeit werde, was Gott durch den Propheten spricht: „Denn siehe, ich werde einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der früheren nicht gedenken werde, noch sie zu Herzen nehmen." Das Fandbuch des „Aktiven Pazifismus" schließt so: „Glücklicherweise wächst langsam aber sicher eine neue Generation auf, die dies alles nicht nur vollkommen begreift, sondern — in immer mehr Ländern — auch anfängt es zu wollen." \ Jüdische Jugend, beschäftige dich innig m'i t die sem Buch! H r m an n G r e i d. < Brief an den Kritiker. Beantwortung des offenen Briefes, anläßlich des im Axel-Junker-Verlag, Berlin, erschienenen Buches „Berufung" von Davin Schönberger. Lieber Raphael! Sie haben den besonderen Weg eines offenen Briefes eingeschlagen, um mein Buch „Berufung" einer ebenso anerkennenden, wie liebevollen Kritik zu unterziehen. Ich nehme an,, daß Sie diesen Weg einschlugen, um eine Rückäußerung meinerseits herbeizuführen, die vielleicht in irgendeiner Weise Ihnen zu erklären versucht oder besser gesagt den andern erklärbar macht, (denn Sie gehören zweifellos zu denen, die sich von der Umklammerung „der Torheit eingebildeter Nüchternheit", die sich von „Antenne und Rekord" zu lösen wußten), was mir. abgesehen von dem Drang so wie ich schaffe, schaffen zu müssen, de.i Mut gibt, einer lyrikfremden, ja feindlichen Zeit meine Dichtung unentwegt zuzurufen. — Ich will versuchen es kurz zu deuten, obwohl es auch hierbei letzten Endes-gelten mag: „Das Träume- M deuten ist Gottes Sache". Der Urgrund alles dichterischen Schaffens ist mit dem Werke selbst unauflöslich verknüpft — also undeutbar. Wir alle sind so entsetzlich arm, unsere Tage sind so ausgehöhlt, wir schleppen unser Werk, wie Sklaven — das ist es, was aufrüttelnde Rufer fordert! Wir haben Hunger nach Seelenreichtum, aber wir lächeln ob der Rufer aus Furcht unser seelenloses Antlitz im Spiegel seiner Worte zu erschauen und — aus falscher Schani! Wir sind so arm, daß wir unsern Hunger nach Seelenreichtum belächeln, aus falscher Scham! Weiter ist diese Lyrikfremdheit nichts [weiter auch nichts die Religionsfremdheit) — falsche Scham, die zur Ironie wird, wenn anders Ironie das Ventil der Spannung eines belächelten Empfindens und eines lächelnden Gedankens ist. Schuld hat der Lyriker genug gehäuftt der lange Zeit ('bis zu Werfel und Rilke) diesem Lächeln seiner Zeitgenossen nur mit egozentrischer Empfindsamkeit und einschläfernden Idyllen zu begegnen wußte, es so vertiefend, und dauerhaft machend. Die Zeitgenossen, weilergekommen in aller Beherrschung des materiellen Seins, denn jemals eine Generation zuvor, forderten mit Recht auch eine Beherrschung des seelischen Innenlebens, das nicht sentimental, sondern erkennend, nicht schwelgend, sondern analysierend, nicht verweilende Beschaulichkeit allein, sondern zielsichere Synthese sein Eigen nennt! Wir verlangen das Wissen um die Kontrapunktik unserer seelischen Harmonie! Was wir verlangen ist uns mehr oder weniger bekannt, aber den Weg zum Ziel versperrt uns dieselbe Form, deren Herrscher wir zu sein glauben, die technisierte Materie. Sie hat das „Xachinnenhören" so abgestumpft, daß wir auch da lächeln, wo echte Stimme laut wird und den „Herzschlag des Heute" in wesenerfassender Konzentration eines Gedichtes hörbar macht. So wird heute gar manches Goldkorn mit der besserwissenden Geste des desillusionierten Lyrikfeindes verschüttet. Aber wir sind in Wahrheit nicht nur ärmer geworden an Illusionen, sondern auch an schöpferischen Empfindungen und Gefühlen! Die Menschen sind viel sehnsüchtiger, als sie es gestehen (Falsche Scham), denn ihre Armut bedingt Unzufriedenheit und Unzufriedenheit Sehnsucht. Der Glaube an die Sehnsucht der Menschen muß dem Lyriker der Gegenwart den Mut zum Schaffen geben, mit dem glutwarmer Hauch persönlichen Erlebens des fortschreitenden Erdenbürgertums, zugleich die Prometheusfackel, entznüdet am kreisenden Feuerball des Kosmos, entflammt. Wenn Lyrik gehört werden will vom heutigen Menschen, dann muß sie über das Idyllische hinauswachsend, umfassen das ganze Geheimnis alles Geschaffenen und Geschauten. Sie muß dieses Geheimnis unentwegt künden und zum Beherrschenden machen, indem sie in sich birgt die Weite der freien Ausdeutbarkeit unseres Lebens und die Erhabenheit seines Rätsels —, sie muß Menschlichem und Göttlichem zur Erlösung den Weg bereiten. J Ich begrüße Sie mit der Dankbarkeit dessen, der ein Echo des Seelischen bei Ihnen gefunden hat. ' Ihr Dr. Davin Schönberger. Karl Glaser: Der Jude in der europäischen Welt. (Verlag der „Jüdischen Rundschau".) Karl Glaser gibt im ersten Teil seine> außerordentlich interessanten Schrift ein analytisches Bild ■Won der Situation des Juden in Europa. Wenn er vom Juden spricht, meint er nicht die Masse der Juden, die in mehr tfder minder großer Gleichgültigkeit, sich über sich selbst keine oder nur wenig Gedanken macht und es anderen Menschen und Organisationen überläßt, hier die „Synthese*/ zu finden, er meint vielmehr jene oberste Schicht von (luden, die kraft ihres Geistes dazu berufen sind, Führer zu sejn. Diese Führerschicht ist — nach Karl Glaser wenigstens —/beschäftigungslos. Die europäische Umwelt erkennt in ihnen) immer nur den Juden. Als Juden wollen diese Menschen, aus ihrer ganzen jüdischen Einstellung heraus immer das Bessere. Und so sehen wir diese Menschen fast immer in Lagern, welche den Unterdrückten zur Seite stehen (Sozialismus, Kommunismus). Man läßt sich in diesen Lagern ihre Mitarbeit gefallen, solange sie nicht nach der Krone der obersten Ejihrung greifen. Tut sie das, dann erinnert man sie, daß dazu nicht nur der Drang zu Helfen gehört, sondern daß man dazu Fetisch vom Fleische der Umwelt zu sein hat. Rathenau uncV Trotzki haben das fühlen müssen. Dem Juden wird es wohl vergönnt sein, ewig das Bessere zu wollen, aber es wird ihm niemals vergönnt sein, am Letzten tätigen Anteil zu nehmen, er wird niemals hier Befriedigung am. eigenen Werk < empfinden können. Hier zeigt nun Karl Glaser einen Ausweg, indem er diesem Menschen einen Weg aufweist, der ihm den vollsten Einsatz