Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 3 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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man darf sie nicht aus den Augen lassen. Diese „Revolutionäre" unter Vorbehalt fallen zu leicht in die Gewohnheiten von vorher zurück, nämlich in Wankelmütigkeit und Schwanken, in eine groteske Unsicherheit der Gesinnungen und Entschlüsse, unter der nur die Kinder am meisten zu leiden haben. Bei der Kapitulation, im Angesicht eines liebenswürdigen, ihren Kindern alles, erlauben mit einem Schlage alles, genehmivielleicht gar faszinierenden Führers, versprechen sie uns und gen die Existenz der Junggruppen auch für ihre Mädel und Jungen — und ist die Freude schon aus dem Zenit angelangt, dann tritt — der Umschwung ein, die Reaktion, und man findet schon ein p»ar „Gründe", um den Kindern die ..Unmöglichkeit" an der Teilnahme einer Junggruppe oder einer Junggruppenveranstaltung zu demonstrieren. Es gibt Eltern, die erstens eine außergewöhnliche diplomatische Spitzfindigkeit in der Entdeckung von nachträglichen Ausreden und Bedenken (ihren Kindern gegenüber!) zutage fördern, und die zweitens die sehr anfechtbare Logik vertreten, daß man „nicht immer" den Kindern alle Zusagen und Versprechungen einlösen müsse. Nun ja — das wäre alles halb so schlimm, wenn nicht dadurch unseren unkomplizierten Jugendlichen ein großes Stück Idealismus in Scherben gehen würde! Sie aber, verehrte Eltern, denen die Einrichtung der Junggruppen ein unentbehrliches Erziehungsmittel geworden ist, werden behaupten, mein Aerger über jene Kategorie sei übertrieben. Ich ärgere mich nicht, aber ich muß doch gestehen, daß es mich äußerst peinlich berührt, wenn junge Menschen — oftmals sind's keine.Kinder mehr, sondern werdende Menschen von 15 und 16 Jahren! — mir auf meine Frage nach ihrer Zurückhaltung von den Gruppen sagen müssen, der Papa hielte die Sache für Stuß, die Mutter und die Tante sind der Ansicht, daß man erst „das Examen" machen müsse, eine andere Mama verbietet energisch: es passe sich nicht für ein so großes Mädel. . . . Und so weiter. Es ist eine interessante Chronik — zur Psychologie der Eltern. Und das Tragische hierbei ist, daß diese selben Eltern uneingeschränkt zustimmen, wenn man ihnen unsere Arbeit, unsere Idee, unser Ziel auseinandersetzt! Das ist ein Labyrinth, durch das ich mich nicht hindurch finde. Aber ich habe noch eine Bitte an Sie — es ist heute schon meine zweite Bitte. Ueberlegen S i e einmal, warum und wieso es solche Eltern gibt. Heute noch gibt. Wo wir doch schon andere Verschrobenheiten und anderen Klimbim losgeworden sind! Und schreiben Sie mir, was Sie meinen, und ob Sie mir andere, neue, meinetwegen verständnisvolle und glatte Wege aufzeigen können. Ich hege sogar die Hoffnung, daß Sie durch diese meine Zeilen gepanzert genug werden, um — ich sage immer: vielleicht — derartige widerspruchsvolle und auch reichlich widerspenstige Eltern- Festungen zu erobern, die etwa in Ihrer Umgebung, Ihrer Nachbarschaft und Bekanntschaft noch ein Leben hohler Beschaulichkeit aufgeschlagen haben. Stören Sie bitte diese Getreuen vom geruhigen Dasein — diese Zauderer und Zuspätkommen deren einzige und ewige Unliebsamkeit darin besteht, auf die Herren Söhne und noch schrecklicher auf die Fräulein Töchter mit Argusaugen acht zu geben. Meist haben sie ja auch Ursache dazu. Und — das spreche ich mit überzeugter Wonne aus — mit Recht! J.Raphael. Zop religiösen Krise Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf den Artikel in der Januarnummer von Rabb. Dr. Schorch „Jugend spricht über Religion". Die Red. Das Wdrt Religion deckt für uns heute im allgemeinen zwei Inhalte, Religiosität und Konfession. Wir müssen diese Zweiheit scharf auseinanderhalten, trotz ihres inneren Zusammenhangs. Wir stehen hier vor einer zweifachen Krisis, einer Krisis der Religiosität und einer Krisis der Religionen. Wir stehen vor einer Menschheitsfrage, zumindest vor einer Frage des europäischen Menschen im weitesten Sinne, die für unsere engere Gemeinschaft, das jüdische Volk, noch von besonderer Bedeutung ist. Will man Religiosität nicht profanieren, so darf man sie nur letztet Erleben nennen, nur unmittelbare Verbindung zwischen Mensch und Gott. Und da müssen wir die Tatsache feststellen, daß Religiosität eine zarte Pflanze ist, die erstickt im Getriebe der Menschen, weil Unendlichkeit ihr Erdreich ist, — daß sie nicht grünt in der Luft des Benzins, keine Früchte trägt, weil sie nicht Nährsalz findet in der Seele des unsteten Menschen; an ihren Wurzeln nagt das Wissen, und an ihren Blättern frißt die Wirtschaft. Es ist einfach so, daß ein Großteil der Menschen heute einfach kein Organ hat für das Religiöse, kein Ohr, die Stimme Gottes zu hören. Das religiöse Bedürfnis Pubertierender (und auch das ist nach meiner Beobachtung nicht allzuhäutig) darf uns darüber nicht hinwegtäuschen. Der Adoleszente hat sich vielleicht einen unendlichen Zusammenhang errungen, ohne daß dieser religiös, oder gar jüdisch religiös sei. Hier ist'die zweite Kris:s: die Krisis der Religionen, d. h. der organisierten Religiosität, man könnte auch sagen: der religiösen Kulturwirkungskreise. Davon abgesehen, daß die Religionen in täglichen Lebensfragen versagen, — es sei nur an die Kriegspredigt, die soziale Frage, die sexuelle Frage erinnert, — bleibt es immer fraglich, ob die Gestalt gewordene Religiosität unserm Bewußtsein noch entspricht nach der großen Bewußtseinsrevolution, die die Jahre 1914—1920 einleiteten; ob es ein System der Religiosität in der Form für uns geben kann, die uns überliefert ist, ob Religiosität überhaupt an eine bestimmte Menschengruppe gebunden werden kann: ob z. B. die Tatsache, daß wir das jüdische Volk als Träger einer ganz bestimmten Religion betrachten, nicht dadurch zu erklären ist, daß ethische und religiöse Werte sich so vermischt haben, daß die ursprüngliche Religiosität unter der weltlich-völkischen Ethik verschüttet ist oder sie überwuchert hat? Alles dies sind schwer zu beantwortende Fragen und hängen letztlich ab von der Glaubensintensität des Einzelnen. — Noch eine Seite haben die Religionen: zu ihnen gehören notwendig Kirchen. Auch im Bezirk der jüdischen Religion macht sich, einerlei ob orthodox oder liberal, ein Klerikalismus bemerkbar, der verhängnisvoll werden kann. Heißt das nicht dem Judentum seine Grundlage entziehen, den Fortbestand der jüdischen Kultur und damit notwendig des Kulturträgers in Frage stellen: denn ohne Zweifel, die jüdische Kultur war religiös fundiert; man kann die Bibel nicht aus der jüdischen Kultur ausschalten oder sie als areligiöses Buch erklären, man kann nicht einmal von jüdischer Architektur sprechen, ohne an den Tempel zu denken, der doch auch mit Religion zu tun hat, oder gar von jüdischem Recht. Die Religion hat die jüdische Kultur tief beeinflußt, die jüdische Kultur war geradezu religiös bedingt, wurde wenigstens immer mit Religiösem in Beziehung gebracht — und heute? Muß unsre Kultur immer religiös bedingt bleiben, könnte sie nicht auch anders fundiert werden? Der Bestand der Kultur hängt ab von dem gegenwärtigen und zukünftigen Lebenswillen des Kulturträgers, die Lebenskraft des jüdischen Volkes wird seine Kultur vorwärts tragen: ob die religiös-liberale Konferenz in Berlin oder die Kwuzah, oder beide, der Ausdruck unsres Lebenswillens sind, weiß ich-nicht, aber ich glaube, daß wir sein werden. Die religiöse Frage ist eine Frage an den Einzelnen, — die Frage des Judentürrs aber ist eine Frage an die tebensenergie der Gemeinschaft. Siegbert Stahl, Mannheim. lieber Bücher und Zeitschriften Mit immer neuer, spannender und guter Unterhaltungslektüre, die zugleich ein interessantes Bildungsmittel darstellt, tritt der Verlag Brockhaus, Leipzig, vor die Rampe jugendlicher Leseratten. In der oft erwähnten Sammlung „Alte Reisen und Abenteuer" liegt ein Band „Unfreiwillige Reise um die Welt" vor, die ein gar unternehmungslustiger Herr Christoph Matthias Fernberger, zum erstenmal im lahr 1633 beschrieben hat. "Der Weltreisende hat sich in allen, damals noch recht unberührten und geheimnisvollen Winkeln des Planeten umgesehen, und es ist lehrreich, sozusagen aus erster Quelle die Beobachtungen eines aufmerksamen Globetrotters von Anno Dazumal kennen zu lernen — insbesondere interessieren natürlich die Schilderungen von den Zuständen der in jener Zeit eben entdeckten Länder. — Das zweite vorliegende Buch führt 9