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Der Jugendbund · 1929-03-01 · 3 (1.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
3 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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zumindest an* den höheren Feiertagen ermöglicht werden kann, sollte davon in ausgiebigstem Maße Gebrauch gemacht werden. Fs bleibt sonst der jüdischen Jugend eine Religion ohne eigentliche' Ruhetage, ohne Sabbate und Feste. Dem jüdischen Kind wird dann nur noch der Sonntag als Ruhetag, das christliche Fest als Feiertag erscheinen, an welchem es die ersehnte Schulfreiheit und geistige wie körperliche Ausspannung genießt. Der Begriff der Sabbat- und Festfreude, der einen unerläßlichen Bestandteil jüdischen Empfindens bildet, bleibt dem Kinde ein rein theoretischer, am eigenen Leibe nicht empfundener. Die Assimilation und ihre häufigen Folgeerscheinungen. Taufe und Vischehe. scheitern am leichtesten an dem Bollwerk des Sabbat- und Festerlebnisses im Elternhause- Wie können wir letzten Endes eine jüdische Atmosphäre dort schaffen, wo keine jüdische Schulen existieren? Hier muß die Jugend, sobald sie lesefähig ist, zu Junggruppen zusammengefaßt werden, in welchen sie unter Leitung eines geeigneten älteren Jungens oder Mädchens sich zu Arbeit und Spiel zusammenfindet. Für diese Gruppen empfiehlt sich das Lesen hebräischer Texte aus 'der Tefillah, aus den Psalmen, den Sprüchen der Väter, der Megillah, der Hagadah und vor allem der Bücher Moses und deren Uebersetzung Wort für Wort ins Deutsche. Eine kleine Bibliothek jüdischer Erzählugen, womöglich ein Grammophon mit Platten jüdischen Inhaltes, einige jüdische Quartett- und Würfelspiele, wie sie jetzt in so lehrreicher und dabei so unterhaltsamer Art zu haben sind, werden auf die Kinder eine besondere Anziehungskraft ausüben. Kloine interne Chanukka-, Purim- und Simchas-Thora- Feiern mit Theaterspielen, Deklamationen jüdischer Gedichte und Gesänge fördern die jugendliche Begeisterung und lassen die Feste mit Senhsucht erwarten. Ein eigenes Vereinsheim, sei es auch nur ein mit jüdischen Symbolen und Bildern geschmücktes 7'mmer. sollte von jeder Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Stimmbegabte Knaben sollten sich an den Svmgrgenchören beteiligen oder dort/ wo es noch keine solchen gibt, sich unter geeigneter Leitung zur Bildung kleiner, wenn ' auch nur ein- oder zweistimmiger Synagogenchöre zusammenfinden. Wie diese Erziehung der jüdischen Jugend dann später in unseren eigentlichen Jugendbünden fortgesetzt werden soll, darüber kann ich mir wrhl heute die Worte sparen. Unser Verhr-ndsorgan bringt in dieser Beziehung so viel Anregendes und Beherzigenswertes, daß es rpit der Reichhaltigkeit gedruckter Programme in vielen Vereinen besser steht als mit Heren Durchführung. Aber das e;ne glaube ich einmaldeutlich aussprechen zu müssen, daß 'wir nicht jüdische Vereinsmeier, sondern ganze jüdische Menschen erziehen wollen und dazu ist es notwendig, daß wir über den engeren Horizont unseres Vereinslebens hinaus die jüdische Aufgabe überall und zu jeder Zeit sehen und daß wir das geistige Auge der von uns geleiteten Jugend in die Zukunft blicken lehren, die von ihnen fordert: Bereitet euch heute vor, damit ihr dereinst imstande, sein werdet, euren Kindern das zu geben, was ihnen am dringendsten nottut, was euch selbst aber, zum großen Teil versagt blieb: die gute jüdische Atmosphäre! Die jüdische Jugendbewegung in der Kritik Von rrvin Eppstein, saarnrocken Jede Bewegung geht von der Voraussetzung aus, daß an Bestehendem etwas geändert werden muß. Da sie sich deshalb — und sei es in einem noeff* so geringen Grade — gegen Bestehendes richtet, ist jede Bewegung mehr oder weniger revolutionär. Im Kampf des revolutionären Prinzips mit dem konservativen wurden und werden erhebliche Energien verbraucht; Dieser Kampf verdichtet sich in der Geschichte einer Bewegung zu dem. was wir „Polemik" nennen. Die sichtbare Etappe, die unser Verband mit diesem Monat erreicht hat. gibt ups Veranlassung, ein Resum6 aus der gegen uns gerichteten Polemik zu ziehen und uns. zum tausendsten Male, nit der KHtik auseinanderzusetzen, die der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands erfahren hat und noch erfährt. Durch eines wird diese Auseinandersetzung erschwert: \X ir haben uns. im Gegensatz zu mancher anderen Bewegung, weniger gegen p o s i t i v e Einwände zu wehren, als vielmehr ¥ gegen die Tendenz, unsere Bestrebungen zu bagatellisieren. Vom ersten Tage an war die Kritik an der jüdischen Jugendbewegung von dieser Tendenz der Geringschätzung gelragen. Von dem, was im Mittelpunkt der Erörterungen steht, sei dreierlei herausgegriffen: 1. Die Behauptung, unser Verband repräsentiere nicht eine eigentliche Bewegung: 2. Der Vorwurf, uns verbinde keine einheitliche Idee; 3. Die Auslegung des Begriffes „N e u t r a I i t ä t". Die Fragen, die sich um diese drei Punkte gruppieren, werden heute nicht zum ersten Male gestellt. Sic werden heute auch nicht zum ersten Male beantwortet. Grundlage aller vorurteilsfreien Betrachtung dieser Dinge muß die Einordnung dessen, was wir jüdische Jugendbewegung nennen, in die jüdische Geschichte sein. Jeder Versuch, eine aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang losgelöste, in den Alltag hineingestellte jüdische Bewegung zu begreifen und zu würdigen, ist verfehlt. Aber wenn wir hier von einer „Bewegung" sprechen, so operieren wir mit einem Begriff, von dem nach Ansicht mancher Kritiker erst bewiesen werden muß. daß er zu Recht besteht. Um diesen Beweis zu führen, müssen die historischen Zusammenhänge, auf die eben hin- . gewiesen wurde, kurz gestreift werden. Auszugehen ist von der Emanzipation. Wir haben uns an die positive Errungenschaft der Emanzipation, die bürgerliche Gleichberechtigung, zu sehr und zu gern gewöhnt, als daß wir etwa behaupten möchten, sie sei ein Danaergeschenk gewesen. Sie war aber nahe daran, es zu werden, und ist es vielleicht heute noch. Einer geknechteten, zermürbten Gemeinschaft wurde plötzlich eine kaum noch erhoffte Freiheit zuteil, die die For m. die Judenh e i t erlöste und gleichzeitig das \Y e s e n, das Juden tum in seinen Grundfesten bedrohte. Die Freiheit, von den Empfangenden gedeutet als Geschenk eines von ihnen falsch verstandenen Humanitarismus, erweckte in einem kranken Körper die Bereitschaft, den Geist zu opfern. Er wurde und wird noch geopfert. Verzicht auf das religiöse Zeremonial, Mischehe, Taufe, Angleichen an die Fehler der Umwelt, ohne die gleichzeitige Möglichkeit, die Vorzüge ebenfalls dieser Umwelt zu rezipieren — das sind äußere, sichtbare Merkmale jenes Opfers, jenes Auseinanderfallens von Körper und Geist. Und dörf,, wo sich der Körper heroisch wehrte, wo er um den Geist rang, glaubte er, es nicht verhindern zu können, daß diesem Geist ein Sonderdasein angewiesen wurde. Man hieß es gut, daß er nicht mehr als lebendiger Teil eines Ganzen zu gelten habe, man glaubte ein Uebriges zu tun. wenn man ihn, den Geist, im „Bedarfsfalle" hervorholte. Der Sinn des Judeseins wurde umgedeutet: es entstand die zu nichts verpflichtende Formel der „Glaubensgemeinschaft", zu der man sich „bekannte", oder auch nicht bekannte. Damit sind — im wesentlichen — die von der Emanzipation bedingten Zerfallserscheinungen charakterisiert. Sie blieben nicht ohne Reaktionen. Eine dieser Reaktionen, die einzige, die hier zur Diskussion steht, ist die jüdische Jugendbewegung. V. arum „Bewegung"? Von einem als bekämpfenswert erkannten Zustand — Symptome wurden eben gezeigt — bewegt man sich auf einen neuen Zustand zu. Manchen Beschauern, und vielfach gerade solchen, die sich durch Teilnahmslosigkeit gegenüber jüdischen Dingen eigentlich außerhalb des Rechts der Kritik stellen, „bewegen" wir uns nicht schnell genug. Man glaubt erwarten zu dürfen, daß nach zweitausend Jahren der Statuts quo (mutatis mutandis) in einigen Wochen wieder hergestellt ist, ohne dies übrigens selbst zu wünschen. Ist es nichts, daß wir in wenigen Jahren die Jugend wieder sammeln konnten? Ist es nichts, daß diese Jugend sich nicht mehr nur für ihre leibliche Gegenwart und Zukunft interessiert, sondern auch für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschengruppe, der sie angehört? Ist es nichts, daß sich wenigstens ein Teil dieser Jugend — wir überschätzen nicht das Verdienst unserer Bewegung und unterschätzen nicht die Schwierigkeiten — sich für die Zukunft jener Menschengruppe verantwortlich fühlt? Ist es nichts, daß sie willens ist, den Geist des Juden- Forteetzung siehe Seite 11.

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