Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 3 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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eigenen Elternabenden durch entsprechende Aufklärung und stichhaltige Argumentation auswirken können. Viel wichtiger aber ist es, die Jugend selbst von der Tragweite einer solchen jüdischen Erziehung zu überzeugen; denn die jungen Leute von heute sind die Eltern von morgen und so würde sich schon in einem Jahrzehnt die Möglichkeit ergeben, daß diejenigen unsrer Freunde, die bis dahin Eltern und Erzieher geworden sind und bei denen es uns gelungen ist, die Ueberzeugung von der NX ichtißkeit der hier aufgestellten Forderungen reifen zu lassen, ihren Kindern von klein auf den Segen einer solchen jüdischen Atmosphäre angedeihen lassen. Was nun die Schulen anbelangt, so kann hier — angefangen bei den Kleinkinderschulen bis hinauf zu den hrhere» Schulen — nicht laut genug und nicht oft genug die Forderung aufgestellt werden: Schickt euere Kinder in jüdische Schulen, wo immer auch es solche gibt. Sie allein geben dem Kind die jüdische Atmosphäre, deren es bedarf. Schon in der Kleinkinderschule, im Kindergarten, mag er noch so sehr seinen neutralen Charakter betonen, wird das jüdische Kind zwar sehr viel vom Osterhasen, und vom Christkind erfahren, aber sicher nichts vom Seder und vom Chanukkalichtlein. Unjüdische Vorstellungen werden der noch widerstandsunfähigen bildsamen Seele des jüdischen Kindes zu Idealen, die seine Phantasie aufs lebhafteste beschäftigen, während ihm jüdisches Wesen fremd bleibt. Dabei vergegenwärtige man sich wieder den dauernd im Unterbewußtsein bleibenden unauslöschlichen Einfluß frühester Kindheitseindrücke. In einem gut geleiteten jüdischen Kindergarten kann Unschätzbares für die jüdische Erziehung geleistet werden. Neben den sonstigen Märchen und Erzählungen, die Gemeingut aller Kinder sind, müssen geeignete jüdische Legenden oder biblische und nachbiblische Erzählungen, die dem Kinde verständlich sind, etwa die Erzählung von Joseph und seinen Brüdern, von dem Auszug aus Aegypten, von Mordechai und Esther und ähnliche andere in einer dem kindlichen Gemüt angepaßten Form von den Kindergärtnerinnen zum Vortrag gebracht werden. Auch die Spiele bieten Gelegenheit genug, jüdische Motive zur Geltung zu bringen. Manche höchst nichtssagende und inhaltlose Spiel-Auszähl- und Liederverschen lassen sich leicht durch solche ersetzen, die in Wort oder Sinn an irgend etwas jüdisches erinnern. So wird das Kind im wahrsten Sinne des Wortes spielend dieses und jenes lernen, ein Steinchen wird sich zum anderen fügen, zusammengenommen wird ein Stück jüdischen Wesens in der Seele des Kindes erstehen. Was hier von den Kindergärten gesagt wurde, gilt in noch höherem Maße von den Volksschulen. Die Tatsache, daß sogar in solchen Städten, in welchen es anerkannt gut geleitete israelitische Volksschulen gibt, immer noch eine Anzahl von Eltern ihre Kinder in Simultanschulen schicken, beweist, wie sehr rein äußeren Gründen oft Rechnung getragen wird und wie gering von diesen Eltern der große Vorzug gut jüdischer Erziehung gegenüber vermeintlichen Vorzügen der Simultanschule geachtet wird. Bei allen Simultanschulen, besonders aber bei solchen, deren oberste Behörden bis hinauf zu den Kultusministerien einen religionspolitischen Einschlag haben, sind die Lesefibeln durchtränkt mit christlichen Ideen. Die Neutralität wird im besten Falle gewahrt innerhalb der beiden großen christlichen Konfessionen, nicht aber gegenüber der jüdischen. Das Gebet vor der Schule beginnt in sehr vielen dieser Schulen mit der Anrufung der Dreieinigkeit: „Im Namen des Vaters usw." Es enthält einen Passus, der beginnt: „Herr Jesus Christus!" In den Gedichten und Erzählungen der Fibeln spielt das Jesukind eine große Rolle. Ausdrücke wie „mein süßes Jesulein" sind an der Tagesordnung. Und das alles muß das jüdische kleine Kind in sich aufnehmen, muß den Widerstreit der Empfindungen, die es einerseits von elterlicher, anderseits von Lehrerautorität auf sich eindringen fühlt, in sich selbst, in seinem schwachen, erst im Werden begriffenen Empfindungsleben, in seiner noch ungeübten Urteilskraft verarbeiten. Um die Weihnachts- und Osterzeit stürmen fremde Eindrücke in vermehrter und intensivster Form auf das Kind ein. Hinzu kommen die Erzählungen der Schulkameraden vom „Christkind", vom „Nikolaus", vom „Christbaum" und vom „Osterhasen", von all den vielen Gaben, die sie gebracht haben, die Begehrlichkeit des Kindes wird geweckt, die Religion, die so viel Lockungen für das kindliche Gemüt bereit hält, erscheint diesem als ein verschlossenes Paradies. Viele Eltern sind sich dieser Wirkung auf das kindliche Gemüt völlig bewußt. Um ihr Rechnung zu tragen, tun sie das Verkehrteste, was man in einem solchen Falle tun kann: sie stellen in ihrem jüdischen Hause auch einen Weichnachtsbaum auf, lassen das Christkind zu den Judenkindern kommen, lassen einen christlichen Osterhasen seine Eier in jüdische Nester legen und vergrößern so den Wirrwarr in der kindlichen Seele, wundern sich aber, wenn ein so erzogenes Kind später einmal nicht die Kraft besitzt, einer Liebe zu einem Nichtjuden zu entsagen, eine Mischehe eingeht oder gar der Taufe verfällt. „Mein seliger Großvater", so hört man dann von solchen Leuten sehr oft, „war noch ein sehr frommer Mann und hat sogar Gemoroh gelernt." Der selige Großvater aber würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er sähe, wie das, was ihm das Heiligste war, mit Füßen getreten wird. Wie sollen die Eltern sich verhalten, die ihre Kinder vor solchen Gewissenskonflikten bewahren wollen? Sie müssen ihre Kinde'r in die jüdischen Schulen schicken, wo es solche gibt und sie müssen bemüht sein, dort jüdische Schulen zu errichten, wo es noch keine gibt. In einer jüdischen Schule beginnt jeder Tag mit einem kurzen hebräischen Morgengebet, das dem Kinde einige der schönsten und wichtigsten Sätze hebräischer Liturgie auf mühelose Weise zu Geist und Gemüt führt. Der Lese-, Schönschreib- und Rechtschreibunterricht bieten immer wieder Gelegenheit, auf jüdische Dinge einzugehen. Vergegenwärtigen wir uns einmal, wie eine und dieselbe Aufgabe von drei verschiedenen Lehrern dem Kinde gestellt werden kann. Als Aufgabe sei bestimmt die Gegenüberstellung der Worte „Aehre" und „Ehre", deren verschiedene Bedeutung und Rechtschreibung, eine Aufgabe also, die mit Religion gar nichts zu tun hat. Wie werden sich die drei Lehrer der Aufgabe entledigen. Der völlig neutrale Lehrer wird etwa folgendes diktieren: „Der Halm trägt die Aehre._ Dem König gebührt Ehre." Der christlich denkende Lehrer wird vielleicht Erzählungen aus den Evangelien zum Thema nehmen: „Jesus verteidigt das Aehrenlesen am Sabbath. Von 10 durch Christus geheilten Aussätzigen gab nur einer Gott die Ehre." Der jüdische Lehrer aber mag seine Zuflucht zu alttestamentlichen Ueberlieferungen nehmen und sagen: „Durch seine Traumdeutung von den sieben fetten und mageren Aehren kam Joseph bei Pharao zu hohen Ehren. Aus diesem Beispiel, das sich ins Hundertfache vervielfältigen ließe, geht deutlich hervor, wie sehr die Mentalität des Kindes von seinem Lehrer in der einen und anderen Richtung beeinflußt werden kann. Kann es da für gewissenhafte jüdische Eltern in einer Stadt, wo eine jüdische Volksschule besteht, noch eine Frage sein, ob sie ihre Kinder dorthin oder in eine christliche Simultanschule schicken eollen? An Sabaten und jüdischen Feiertagen ist die jüdische Schule geschlossen. Das Kind lernt von selbst den Sabbath und die Festtage ehren. Vor den Festen wird im Unterricht deren Sinn und Bedeutung erörtert, das „Mah nischthannoh" wird gelernt, „Addir hu" und „Moaus zur jeschuosi" werden gesungen, kurzum es herrscht eine gute jüdische AJ m o - sphäre. Das Kind ist von ihr als von etwas Selbstverständlichem umgeben, es lernt unbewußt jüdisch fühlen, jüdisch denken, jüdisch leben. Wir müssen es mit allem Nachdruck propagieren, daß die jüdischen Kinder ausnahmslos die jüdischen Schulen besuchen. Was kann unsere ganze Arbeit in den Jugendvereinen noch nachholen von dem, was hier im Großen versäumt wird und um wieviel fruchtbarer könnte unsere Arbeit gestaltet werden mit solchen Mitgliedern, die den Segen einer solchen Schule genossen habenl Das Kind, das mit dem seelischen Rüstzeug einer jüdischen Erziehung in Haus und Volksschule später in die Mittelschulen und höheren Schulen eintritt, ist gegenüber den dort auftretenden jüdischen oder oft auch antisemitischen Einflüssen in innerer und äußerer Abwehr aufs beste gerüstet. Leider gibt es nur ganz vereinzelt jüdische Mittelschulen in Deutschland. Für diese gilt mit einigen Einschränkungen das gleiche wie für die Volksschulen. Wo in den nichtjüdischen Schulen die Befreiung vom Unterricht an den Sabbaten oder 5