Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 3 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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stände zu behandeln, wie der Zufall der zu Gebote stehenden Redner oder purer Einfall es verschulden. Hier ist ein Punkt, an dem sich der Ernst unsrer Bewegung zeigen muß: es soll nach wirklichem Wissen, nicht nach mehr oder minder ..interessanter" Ausfüllung unsrer Abende gestrebt werden. Es soll hier nicht die alte Klage über die Ignoranz der Juden von ihren eigensten Dingen wiederholt Werden; aber sicher ist, so wenig Theorie die Praxis ersetzen kann, und so stark wir nach jüdischer Selbsterziehung streben: es ist ein Zeichen des Gelingens oder Versagens unsrer Arbeit, unsrer Arbeit für das ganze jüdiche Leben, ob wir es vermögen, Interesse für ein systematisches Kennenlernen des Judentums zu bewähren oder nicht. Hier scheidet sich die Oberflächlichkeit bloß verbrämten Geselligkeitsbetriebes von dem Ernst echter Gesinnungsgemeinschaft. Jugend ist eine Altersstufe, der jeder Mensch entwächst, wenn ihm das Geschick ein längeres Leben läßt, die jeder Mensch durchlaufen hat, wenn er in das an Jahren reife Daseinsstadium gelangt. Schon weil das Jungsein zum Ganzen jedes Lebens gehört, liegt keine Veranlassung vor, sich dieser Periode als ausnehmenden Vorzugs mit besonderer Emphase zu rühmen. Der \X andervogelenthusiasmus ist ja auch längst verflüchtigt. Was bedeutet aber Jugend als nicht zeitgebundene Lebensstufe, sondern als Charakter des Menschlichen überhaupt? Es ist Aufgeschlossenheit für das wahrhaft Notwendige, will sagen für das, was nicht der Tag mit seinen stündlich sich geltendmachenden Existenzsorgen und der bloßen Arbeit für sie fordert, sondern Emplänglichkeit für das, was für persönliche Einordnung in einem idealen Sinnzusammenhang notwendig ist. So halte ich das freiwillige Lernen, zumal das gemeinschaftliche von Dingen, die keiner praktischen Verwendung dienen, geistige Arbeit, die im eigentlichsten Sinne leschem schamajim, Gott zuliebe, geschieht, für einen Erziehungsfaktor allerersten Ranges. Solcher Arbeit kommt selbst dann eine hohe Bedeutung zu, wenn sie sich auf recht entlegene Gebiete des Geisteslebens erstreckt. Bleibt aber, wie wir es wollen, das Judentum der Mittelpunkt unsrer gesamten Tätigkeit, so prägt sich darin eben nicht bloß Lernen, sondern wirkliche Erziehung, zum Judentum aus. Und das ist unser Ziel. Für uns, die wir doch mehr oder weniger durch den täglichen Existenzkampf ideeller Zwecksetzungen als wahrhaft lebenbestimmender Mächte beraubt sind, bedeutet Judentum als bestimmter seelischer, geistiger und sittlicher Typus menschlicher Art ein Inbegriff von Ideen, die wir erstens kennen, und deren praktische Folgerungen wir zweitens in eigener Daseinsformung verwirklichen müssen, um im jüdischen Menschentum des in uns angelegten Typus vom Menschen überhaupt uns bewußt zu werden. Es ist das Kennzeichen der Jugend oder besser Zustandes, da wir zeitlos sind, geistig und seelisch nicht altern oder veralten, solchen Gedanken und Strebungen aufgeschlossen zu sein. Wir glauben, .daß von hier aus alles weitere, ganz besonders auch die Frage persönlicher Lebensformung sich von selbst ergibt; denn es handelt sich zuallererst darum, überhaupt ein Ziel, eine Idee, Daseinsgestaltung zu sehen, damit wir uns auflockern können, uns zu befreien vermögen von Druck und Fessel alltäglicher Notwendigkeit. Einen Richtpunkt sehen, ihn fest im Auge behalten und ihm zustreben, das ist ein großes Stück Erziehungsarbeit, das wir an uns selber leisten. Vermögen wir diese Kraft als jugendliche Menschen aufzubringen und zu betätigen, dann ist eine gewisse Gewähr dafür geschaffen, daß unsre Jugendlichkeit uns als Zeitlosigkeit durch unser Leben begleitet. Dann ist Jugendalter nicht die Vorbereitung für das reife Leben in dem Sinne, wie das Gerüst beim Hausbau, bei der Vollendung des Werkes abgetragen wird, sondern es ist dann einbezogen in das Ganze und bleibt bis zum Ende sein tragender Grund. Wege zur Schaffung einer jiid. Atmosphäre für die jüdische lugend Von Dr. med. Leo Meyer. Regensburg Das Judentum krankt an der Unkenntnis seines Wertes bei seinen eigenen Bekennern. Das Wissen von wertvollen Dingen weckt Achtung und Liebe zu ihnen. Unwissenheit verursacht Gleichgültigkeit und Geringschätzung. Ein kurzes Gleichnis mag diese Wahrheiten veranschaulichen. Ein einfacher Mann besaß ein altes Bild. Es hing seit Generationen fast unbeachtet an der Wand und war im Laufe der Zeit blind und unansehnlich geworden. Niemand wußte mehr, wo es herkam und was es bedeutete. Man hatte es eben von den Vätern und Vorvätern gedankenlos übernommen und nur aus Pietät aufbewahrt. Eines Tages kam durch einen Zufall ein kunstverständiger Besucher in die Wohnung des einfachen Mannes. Der sah das Bild und erkannte in ihm das Gemälde eines großen Malers vergangener Zeit. Er klärte den Besitzer über die hohe Qualität und den unschätzbaren Wert des Bildes auf. Von diesem Augenblicke an vertiefte sich der Mann in die Schönheit seines seltenen Besitzes, begann Sinn und Verständnis für dessen edlen Kunstausdruck zu gewinnen und hätte sich nicht um Vieles von dem Kunstwerk mehr getrennt. Wie viele Juden gibt es, die gleich dem einfachen Manne unseres Gleichnisses ihren wertvollen Besitz gar nicht zu würdigen wissen, weil sie ihn einfach nicht kennen, die ihr Judentum von den Vätern und Vorvätern her gedankenlos und in Unwissenheit übernommen haben und in ihm lediglich aus reiner Pietät verharren, manches Mal sogar in krasser Unkenntnis seines hohen Wertes es dann von sich werfen, wenn es ideelle und materielle Opfer von ihnen fordert. E.- ist daher die wichtigste und vornehmste Aufgabe in der Erziehung der jüdischen Jugend, ihr die unendlichen Werte jüdischen Wesens und Wissens zu erschließen. Mit wenigen Stunden der Beschäftigung in jüdischem Sinne ist hier wenig gedient. Es ist unumgänglich notwendig, alle irgendwie in Frage kommenden Faktoren zusammenzufassen, und den heranwachsenden jüdischen Menschen im besten Sinne des Wortes mit einer jüdischen Atmosphäre zu umgeben. Um jedem Mißverständnis von vorneherein vorzubeugen, betone ich ausdrücklich, daß mit dieser Forderung nicht etwa ein hermetisches Abschließen gegen alle anderen als rein jüdischen Einflüsse gemeint sein kann. Es kann sich nur darum handeln, solche Einflüsse, die dem jüdischen Empfinden abträglich sind, fernzuhalten und durch gute jüdische zu ersetzen und die vielen Möglichkeiten auszunutzen, die im Elternhaus, in der Kinderschule, in der Volksschule, in den h< heren Schulen und in der Gesellschaft gegeben sind, um Gleichgültiges, Wesenloses durch jüdisch Beseeltes zu ersetzen. Im Elternhause: Der jüdische Vater und die jüdische Mutter dürfen sich nicht damit zufrieden geben, ihrem Kinde eine „gute Kinderstube" im landläufigen Sinne zu geben. Das Kind muß den jüdischen Geist empfinden, lange bevor es noch fähig ist, ihn zu verstehen. Nichts verbindet den Menschen so sehr in reiferen Jahren mit den rein gefühlsmäßigen Werten religiöser Tradition als die ersten im tiefsten Unterbewußtsein verankerten und darum als wesenseigen sich spiegelnden Eindrücke frühester Kindheit. Wir wollen diese Dinge in unseren neutralen Vereinen nicht nur von der religionsgesetzlichen Seite aus betrachten. Aber das Wissen von den jüdischen Gesetzen, von der Form ihrer Aeußerung, das Ausschöpfen ihrer ethischen und poetischen Werte paßt nicht nur in den Rahmen unserer Arbeit, es ist für uns geradezu der wichtigste und wesentlichste Bestandteil derselben. In einem jüdischen Hause, in dem man sich nicht ohne Segensspruch zu Tische setzt und sich nicht vom Mahle erhebt, ohne zuvor seinem Schöpfer für die Gottesgabe gedankt zu haben, in einem Hause, wo die Worte „mit Gottes Hilfe", „Gott sei Dank" und dergleichen nicht leere Phrasen sind, sondern ein Ausdruck ständiger innerster Gottverbundenheit, in einer Familie, in der der Sabbat und die Feste als liebe Gäste mit Sang und Segnung empfangen und verabschiedet werden, in einem solchen Hause und in einer solchen Familie herrscht das, was ich eine jüdische Atmosphäre nenne. Dieser kann und will sich das Kind nicht entziehen, im Gegenteil, es nimmt sie mit hinaus ins Leben und schöpft zeitlebens Kraft aus ihr. Der Einfluß der Führer der Jugendvereine auf die Eltern in diesem Sinne wird im allgemeinen nicht allzu hoch einzuschätzen sein und wird sich, wo nicht persönliche nähere Beziehungen bestehen, in der Hauptsache wohl nur gelegentlich größerer Vorträge, bei denen die Eltern eingeladen sind oder auch in 4