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Der Jugendbund · 1929-03-01 · 3 (1.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
3 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Was wir fordern «ton Dr. Max wiener, Berlin Wir sind ein Bund junger Menschen, kein Verein, an dem seine Mitglieder mit kleinsten Partikelchen allgemeiner Interessiertheit beteiligt sind, auch kein Zweckverband, der mehr oder weniger periphere Anliegen im ganzen einander fremder Menschen mit denkbar geringstem individuellem Kraftaufwand verwirklichen will, keine Zwangs- oder Notorganisation, die notwendige, aber innnerlich kaltlassende Ziele erreichen soll, sondern ein Bund mit jenem Gefühlsgehalt, der die Gemeinschaft über den Verein hinausträgt. Die erste Forderung ist darum die gegenseitigen Gebens, ja Sichgebens. Wer zu uns kommt mit der Frage: was wird mir geboten? und nicht zugleich sich selber fragt: was kann, was will ich geben? — der hat den Weg verfehlt. Auch das bloße Hören und Aufnehmen kann ein Geben sein. Es wird zum Sichhingeben, wenn der Mensch das, was er vernimmt und lernt, als unbedingt erforderlich zum Aufbau seiner Persönlichkeit fühlt; konkret gesprochen: wenn unser Freund das Judentum nicht als Ingredienz, als Beigabe, sondern als Substanz seines Wesens empfindet. Noch konkreter: wenn er seine und der andern Arbeit in unserem Verband nicht als eines von den vielen Interessen, die der Mensch hat, erachtet, sondern wenn sie ihm als der. Ausfluß der für ihn zentralen Tatsache, daß er Jude ist, erscheint. Das ist uns die Verbindung des Reinmenschlichen und des mit uns geborenen schicksalhaften jüdischen Seins, wenn wir zutiefst es als sittliche Forderung erfahren, das Schicksal, das mit uns geboren ist, freudig zu bejahen, wenn wir es so stark in uns befestigen, es so innig lieben, daß wir uns sagen, hätten wir unser Leben zu wählen gehabt, wir hätten dieses und kein anderes gewählt. Geben kann uns ein solches Bewußtsein freilich kein Bund und keine Gemeinschaft; aber die Ansätze und Keime, die wir als junge jüdische Menschen mitbringen, soll das Bundesleben in uns entfalten, stark und reif machen, das heißt, was bloß Instinkt und bloßer Trieb ist, zur Helligkeit klaren und wachen Bejahens erheben, ohne daß sie sich dabei abstumpfen und quellende Urkraft verlieren. Vor allen Sonderaufgaben steht uns darum die Forderung, daß wir jene jüdische Solidarität in unserm Kreise zu bewähren lernen, die in diesem Zeitalter der so gefährlich drohenden individualistischen Tendenzen geschwächt ist. Wir lernen einander kennen im klassischen Lebensalter des Freundschaftscbließens. Alle unsre Arbeit kann nur gedeihen auf dem Boden herzlichen Nähegefühls. Die spezifisch jüdische Menschlichkeit, die ins Weltweite hinauswirkt, ist geschichtlich sicher so entstanden, daß der Jude in der Enge seines Kreises und an der Härte seines Schicksals jene Humanität schätzen und üben gelernt hat, die ihn dann zum wirkungsvollen Kämpfer für allgemeine Menschenliebe gemacht. Jeder kann nicht jedem Freund sein, auch nicht im idealsten Kreise; aber er kann und er soll gerade in der kleinen Gruppe Hilfsbereitschaft und Teilnahme, Verständnis und Sorge für den anderen kennen lernen. Und es ist gewiß, daß wenn überhaupt, nur aus der „Nächstenliebe die Fernstenliebe erwachsen kann, die mehr ist als bloßes Wort und ein Sichdrücken vor der charity, die begins at home. Wir haben kein nationales und kein antinationales Programm; wenn wir aber ein warmes Interesse und ein werktätiges Eintreten für alles jüdische Menschentum verlangen, so müssen wir uns darüber klar sein, daß opferbereite Arbeit für die jüdische Gesamtheit niemandem in Wahrheit möglich ist, der nicht an einem winzigen Ausschnitt jüdischer Menschheit, wie ihn sein Bund darstellt, Solidarität zu bewähren sich gewöhnt hat. Das Moralische ist das, was sich zuallerletzt von selbst versteht. Und hier muß es ausdrücklich gesagt werden, weil das Lebensrecht unsres Bundes als jüdischer Jugendorganisation, die nicht einem bestimmten politischen oder religiösen oder sozialen Grundsatz folgt, mit der Bedingung steht und fällt, daß vor aller Bindung durch besondere jüdische Ziele jüdische Verbundenheit schlechthin ausreicht, um einen Bund zu konstituieren. In diesem Sinne fasse ich Neutralität nicht als das blasse Abstraktum auf, das übrig bleibt, wenn man die verschiedenen Judentümer ihrer verschiedenen Inhalte entleert, sondern als das allen eigentümlichen jüdischen Bestrebungen zugrundeliegende tiefste Getühl, das in starkem Erlebnis da sein muß, um alles andere tragen zu können. Diese „Neutralität"' wurzelt tiefer in jüdischem Sein, als olt genug die Zugehörigkeit zu irgendeiner jüdischen „Partei" sich wirklich zuletzt aut das Judentum besinnt. Wir haben damit das Huidum umschrieben, das unsre Arbeit umspielen muß. Wie machen wir uns die konkreten Gehalte lebendig, die das Judentum umschließt? — Religion kann nicht gelordert werden, am wenigsten von einem einzelnen Menschen, auch nicht von einem Mitglied unseres Bundes; sie kann wachsen, sie kann auch ausgerodet werden, wenn Keime von ihr in der Seele sich linden. Unsere Aulgabe ist dabei weniger, an den höchst intimen Dingen zu runren, in denen die personliche Religiosität beruht; aenn weltanschauliche Diskussionen, die wir in unserem Kreise führen können . und sollen, werden immer mehr die intellektuelle als die innerlich persönliche Seite dieses Problems berühren. Aber gerade als Bund sollen wir uns des so überaus starken Gemeinschuttscharakters unsrer Religion bewußt sein und jede Möglichkeit nützen, Sabbat und testteier, die lreudigen und ernsten Tage des gottesdienstlichen Jahres n.it ihrer Symbolik bei uns einkehren .zu sehen. Bei der Bildung von besonderen Gemeinschalten und Untergruppen sollte nie verabsäumt werden, daß überall kundige Mitglieder zur Einfuhrung und Leitung solcher Veranstaltungen vorhanden sind- Daß . jede ernste Ueberzeugung, jede Partei und Richtung hierbei zu respektieren, ist selbstverständlich. Aber wir fordern darüber hinaus, daß diejenigen, die von Haus aus an solche Darstellung religiösen Lebens nicht gewöhnt sind, sich bemuhen, nicht bloß kennen zu lernen, sondern zu verstehen, gerade hierin ihre Erziehung nicht für abgeschlossen und ihre Einstellung lür gefestigt zu halten. Gelernt kann derlei nicht werden; aber da gerade bei uns religiöse Sitte und anschaulicher Brauch eine große Rolle spielen, kann durch Eingewöhnung manches nachgeholt werden, was einstmals Erziehung und Milieu zu bewirken verabsäumt. Gerade hier wird viel davon abhängen, ob geeignete Persönlichkeiten den Hauch einer religiösen Atmosphäre um sich verbreiten imstande sind. Das Bildungsproblem erseheint mir besonders wichtig, nicht darum, -weil Bildung und Vvissen einen starken Einlluß auf die Gesinnung haben, sondern weil umgekehrt nur da von erwachsenen Menschen wirklich hingebende, anstrengende, opfervolle Arbeit für den Erwerb von Kenntnissen angewendet wird, wo sich ein gesinnungsmäßiges Interesse' findet. Ich will hier nicht von Vorträgen, Arbeitsgemeinschaften und ähnlichem sprechen, die außerjüdischen Gegenständen gewidmet sind. Gerade wenn wir eine Vereinigung junger Menschen sein wollen, die sich einander aufschließen, werden wir uns bemühen müssen, in einem hohen Maße autark zu sein, daß heißt, den geistigen Eigenbedarf möglichst im eigenen Kreise zu decken. Unter denselben Gesichtspunkt gemeinschaftlichen Lebens fallen Spiel und Sport, Wandern usw. Den breitesten Raum aber muß — und hierin liegt ein Prüfstein für den jüdischen Charkter unsres Bundes — die ernste Bemühung um jüdisches Wissen einnehmen. Hier wird nicht von den Methoden, sondern von den Zielen unsrer Arbeit gesprochen; es kommt darum nicht das Wie der Aneignung, sondern das Daß und das Was zur Sprache. -Ein Mitglied, das nicht verträgt, daß immer und immer wieder jüdische Probleme bei uns verhandelt werden, gehört nicht zu uns. Und zu dieser jüdischen Bildungsarbeit rechnet zuallererst die Einführung in die jüdische Vergangenheit und die hebräische Sprache. Wir müssen uns selber dazu erziehen, daß nicht die Sensationen, die täglich auftauchen und verschwinden, unsre Sache sind, so wenig ernsthafte Gegenwartsfragen ausgeschaltet sein dürfen, sondern, daß es vor allem darauf ankommt, zu wissen, was wir sind und waren und was unser Geist sich selber und den anderen bedeutet hat und bedeutet. Es gilt, die geeignete Art zu finden, um zu dem nach der Berufsfron vielleicht nicht mehr frischen Geist Zugang zu finden. Das wird gewiß zumeist von der Geschicklichkeit des Vortragenden oder Diskussionsleiters abhängen. Aber vor einem sei gewarnt: es hat keinen Zweck, Woche um Woche weitentlegene Gegen- 3

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