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Der Jugendbund · 1929-02-01 · 2 (1.2.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
2 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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wurden, daß Philanthropie nur eine Hilfe auf kurze Zeil »ei, daß wir aber, um eine solche auf lange Sieht zu lwxben, die Wurzel der sozialen Not ausrotten müßten: das Wirtschaftssystem. Wiederhol] sei daher in unserem jüdischen Kreise ausdrücklich: Nicht Philanthropie, sondern Recht muß das Mittel zur Sicherung der sozialen Zukunft sein; nicht das geltende Reiht des Kapitalismus, sondern da.« durch die sozialistischen Lehren vorbereitete neue, im internationalen Kähmen zu gestaltende Recht der sozialistischen 'Gesellschaft. Ks handelt sich um die Entscheidung: Will ich stets nur als Einzelner hervortreten oder will ich in der Gemeinschaft von vielen, innerhalb der — meiner vielleicht be- . dürfenden — Mehrheit dre Erziehung zur Persönlichkeit US bloßes Mittel »ur Entfaltung 4er im einzelnen ruhenden gesellschaftlichen Werte anseien. l>er Standpunkt, von dem aus ich die Welt anschaue, ist hier entscheidend. Und wenn ich daher will, daß alle die. die in er-'er Linie berufen sind, mit der Mehrheit deren, und damit il.ie eigene Zukunft zu bauen, sieh schon jetzt in den Dien*, dieser Mehrheit -teilen, so muß ich auch ihre Organi- SJ idii auf politischen, wirtschaftlichen u. a. Gebieten mit :'.irr Macht fflnjern und unterstützen, da das Recht stets den Gesellschaft Helten Machtverhältnissen nachhinkt. I'ie Arbeiter — im weitesten Sinne — sind die Grundlage für diesen Bau. der ein Vorwärts bedeutet. Wenn rieh daher ein ..Bürgerlicher"' — dazu u'ehürl seiner soziologischen Struktur nach der Angehörige des jüdischen Mittel- -tand.- — an diesem Aufbauwerk beteiligt, so läuft er nicht Gefahr, auf ein tieferes Niveau herabzusinken, sondern er wird allein spießige Ansichten und Lebensformen etwas früher aufgeben, als er durch die Entwicklung ohnehin zu tun irezwwngen werden wird. Wahre ..soziale'' Gesinnung zeigt sich el>en darin, daß mau das Niveau der Gesellschaft he'it und nur zu diesem bo entstand aus — vielleicht anfänglich nur „kluger" Duldung, nach und nach Einsicht — und die Steine der Einengung nach innen fielen mehr und mehr! — die Bresche war geschaffen, durch die nachdrängende Kräfte der Jugend des Judentums hinausströmen konnten in die geistige Freiheit -- zum Wachsen! Zur Entfaltung! Zum Dienst! Dein Werk! — Gotthold Ephra i^m L e s s i n g! — Wir jüdischeJugend! — Janken, danken dir! Wir wollen nicht schließen, ohne des beispielhaften Kämpfers zu gedenken, der stets von seinen schweren Schicksalsschlägen sch erhob zu starkem und frohem Schaffen der Lebensbejahung. — In Rückerinnerung an den niederschmetternden Verlust seines innigst verbundenen Freundes Ewald v. Kleist endet er einige Jahre später als Sekretär eines Generals im Soldatengetriebe .Breslaus (Sieben ähriger Krieg) die fröhliche ...Minna von Barnhelm" — und nachdem ihm Eva König nach langersehnter, leider so kurzer Ehe mit dem neugeborenen Kindchen vom Tode weggenommen wird und er mit dem Leben eigentlich schon abgeschlossen hat, auf seinem Bibliothekarpöstchen in WoKenbüttel im Braunschweigischen —, schafft er noch sein Standardwerk „Nathan der Weise", das „Freimaurergespräch" und die so helle, ewigkeitsoffene „Erziehung des Menschengeschlechts", ehe er abgeht von dem Kampfplatz Erde. Seiner vielen Licht. Luit und Leben schaffenden Kampf- und Aufklärungsschriften zu gedenken und sie zu würdigen, fehlt es hier an Möglichkeit, so sei nur erwähnt, weil er mit zu seiner Säuberüngsarbeit des damaligen Deutschlands gehört: — sein Federkrieg gegen - Lange, den dünkelhaften Modedichter und „flüchtig-dreisten" HorazüSersetzer — gegen Klotz, den Vertreter des Gelehrtendünkels — gegen Hauptpastor Goeze. in dem er die Unduldsamkeit in religiösen Dingen bekämpfte. 10 Zweck den Tüchtigen freie Bahn schafft, nicht aber uiu neuen Individualismus, neue Herrscher, neue Tyrannen Uber das Volk zu setzen. Vom Sozialismus und der sozialistischen Bewegung ir'ptrennt wird soziale Hilfe noch weiterhin in großem Umfang geleistet werden müssen. Doch darf dieses Stückwerk nicht letztes Ziel sein: der Mensch in seinem ganzen Bewußtsein muß geheilt werden und nicht zum ewigen Almosenempfänger — auch der um seinen Lohn dauernd betrogene Arbeiter ist ein solcher — herabgewürdigt werden durch die Milschuld der „Wohltäter", die „an" ihm ein gute«, frommes Werk verrichten und womöglich noch seine „Dankbarkeit" fordern. Wenn ihr daher in der Lage seid, denen, die dessen bedürfen, materielle Hilfe zukommen zu lassen, dann gebt sie ihnen als eine T e i 1 e n t s e h i d i g u n g für das ihnen zustehende Recht, weist in jedem Fall auf diesed ihr Recht hin, und sie werden euch nicht als Bourgeois oder Salonsozialisten, sondern als K Step fgenossen betrachten. Fred Stein. Dresden. * oie soziale Woche in Seesen I>er Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbiinde veranstaltete vom 25. bis 31. Dezember v. J. in dem von ihm unterhaltenen Jacobsonheim in Seesen eine soziale Woche, an welcher zirka -10 junge Menschen der verschiedensten jüdischen Richtungen — teils beruflich, teils ehrenamtlich sozial interessiert — teilnahmen. Es waren auch unsere Jugemlbünde Berlin und Halle vertreten. Die Zusammenstellung des reichhaltigen Programms war seitens des R. A. so gefaßt, daß es deni berufliehen wie auch dem ohrenamtliehen Sozialarbeiter gleich starkes Interesse bot. Emieitend sprach Dt. Olendorf Ober Erneuerungs- (Fortsetzung, siehe Seite 13.) Seine philosophischen und kunstphilosophischen Schriften gipfeln wohl im „Laokoon" — in der „Hamburger Dramaturgie' und in der „Erziehung des Menschengeschlechts" — in seinen zahlreichen dramatischen Werken, in „Sara Sampson" — dem ersten deutschen bürgerlichen Trauerspiel — in „Minna von Barnhelm" — „Emilia Galotti" — „Nathan". Es kommt nicht uns zu. darüber zu sinnen, was von seinen Werken vom Tage geboren nur für diesen galt — was auch heute voll Geltung ist — und morgen sein wird. — Sicher ist uns dies: die helle, klare, zupackend scharfe, tempo- und atemstarke, von heißem Leben besessene Sprache seiner kritischen Schriften ist heute wie je nachzueiferndes Meisterbeispiel — seine „Minna von Barnhelm" — sein „Nathan der Weise", von Künstlern und verständigen Kunstfreunden hochverehrte, reinste Kunstwerke der Bühne.— Und seine „Hamburger Dramaturgie" voll Anregung, Wegweisung für den wahrhaft Aufmerksamen. Aber über allem strömt uns Heutigen aus seinem Lebenswerk zu: der starke. freie, kompromißlose Mensch! Dem all sein Schaffen nur war: Kämpfen! — Kämpfen für das Befreit- und Fruchtbarwerden der gefesselten Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe im deutschen Menschtum, und mit diesem Kampf für die Befreiung des Wesentlichsten der Menschheit war für ihn unlöslich verbunden das Einsetzen für die Befreiung des Judentums aus Pariafessel, weil ihm eben im Judentum ein Wesentlichstes der ganzen Menschheit mißhandelt und verkannt schien. Er tat dies so hingebungs- und eindruckstark, daß Judenverkenner neueren Datums ihn „verdächtigten", ein verkappter Jude zu sein — er tat dies von seinem Frühdrama „Die Juden" an, das einige Jahre vor seiner Begegnung Mendelssohns entstand, bis zum „Nathan", dem Werke seiner letzten Lebensjahre! Dafür ist ihm inniger jüdischer Dank und jüdisches Gedenken sicher. — Heute und immer.

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