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Der Jugendbund · 1929-02-01 · 2 (1.2.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
2 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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schaffen. Der Sprechchor in dieser Form könnte ein Manifest verkünden, eine Kundgebung des Gesamtwillens, nicht des gemeinsamen Gefühls. Er könnte Ausdruck eines Notstandes sein. Vielleicht ist er es in Rußland, wo die ringende Seele des Volkes schmerzhaft den Kampf mit der Maschine kämpft und die tote Materie zu erlösen sucht, indem sie, sich verwandelnd, ihre Form nachahmt. Hier liegt ein Sonderfall vor. Diese Volksseele gibt sich leidenschaftlich den Eindrücken der Außenwelt hin, und sie wird von ihnen nicht leicht bezwungen, weil sie wandlungsfähig ist und weil das gewaltig-weite Land ihr immer neues Leben zuführt. Bei uns sind die Bedingungen anders geartet. Bei uns lauert die Gefahr der Erstarrung. Wir bedürfen neuer Wege zum Leben. Wir müssen tote Formen fundieren durch die Verbindung mit den Quellen alles Seins. Und wenn wir uns an den Dichter wenden, um diese Verbindung herzustellen, so kann nur die Gemeinsamkeit eines bestimmten Gefühls uns zum Ziele führen. Heinrich von Kleist läßt im „Robert Guiskard" das Volk sprechen. Ein Schmerz, eine Klage bindet die Herzen. Ein Erlebnis, ein Schicksal fügt die Seelen zur Gemeinschaft. Das kann man im Chor sprechen. Aber man wird etwas von den Schwebungen und den weitgespannten Bögen der Musik hineintragen müssen, wie es zum Beispiel bei einer Aufführung des Düsseldorfer Schauspielhauses geschah. Wenn wir es unternehmen, den Kulturzusammenhang wiederherzustellen und eine wahre Gemeinschaft zu schaffen, so kann nur Verinnerlichung und Allverbundenheit, selbstverständliche und erlebte, nicht künstlich gemachte, zu diesem Ziel führen. Man braucht nichts aufzugeben von dem, was man erkämpft hat, aber man muß allem den rechten Platz anweisen lind es beseelen aus der Kraft seines Herzens. Mir scheint noch eins bemerkenswert: Als einst die Jugendbewegung zusammenbrach, gab es für den Wissenden ein bedeutsames Symptom. Man sang in jenen Kreisen allenthalben nein! —einzig nur, durch das Wunderbare Deiner merkwürdigen Kraft, die allem, dem sie sich widmete, mit der scharfen, formenden Möglichkeit Deines großen Verstandes und der herben, versteckten Zärtlichkeit Deiner Hingabe an die Wahrheit zu befreitem Leben verhalf. Moses Mendelssohn — war dazu die zarte, aber starke Brücke! Aeußerlich war er kleiner Hauslehrer, ein buckliges, scheues, unscheinbares Männchen — Dein jüdischer Arbeits- und Lebensfreund — so recht ein Symbol des Besten im damaligen Judentum! — Und so trat er D i r entgegen beim Schachspiel —i . Dir — dem körperlich Wohlgeratenen, Energiegeladenen, Gesundheit- und Kraftstrotzenden! Aber Dein vorurteilsloser, klarer Blick — das feine Ohr Deines Herzens erkannten und hörten sofort das Köstliche in dieser unscheinbaren Hülle und damit das Köstliche unseres Judentums, das Du stets geahnt hattest mit Deinem gerechten Sinn. — Ihr wurdet Freunde! — Und Moses schloß Dich mit heißer Bereitschaft in sein von Zärtlichkeit und Liebe für Dich überströmendes Herz, in dem Du den unumstrittenen Hauptplatz behieltest, bis zu seinem Verlöschen kurz nach Deinem Verlassen des Kampfplatzes, den Dir diese Erde bis zum letzten Atemzug fast blieb. Moses gab Dir alles, was sein war, und er war ein innerlich Reicher! Nicht nur seine fast ekstatische Liebe für Dich — auch sein großes Wissen — seine starke Begabung vermittelten Dir Hermann-Löns-Lieder. Das war ein Zeichen, daß man der Aufgabe, die man sich gestellt halte, nicht gewachsen war. Man konnte Echtes nicht vom Talmi unterscheiden. Man hatte das Volkslied geliebt und begnügte sich jetzt mit dem Surrogat. Deutlicher konnte man nicht enthüllen, wie viel Phrasenhaftes und künstlich Aufgeblähtes der Bewegung anhaftete". Sie war) reif zum Untergang. Hüten wir uns, daß wir uns ähnlichen Täuschungen hingeben. Wenn wir alle dem, was, wir unternehmen, Leben geben, können wir einen Schritt vorwärts tun und mitmarschieren in der Front derer, die eine sinnerfülltc Zukunft wollen. Wenn wir uns aber einem Kult der Masse zuwenden und mechanischem Betriebe, wenn wir vor Dingen, die neu sind und verblüffen, in einen rauschhaften Enthusias/ mus verfallen, statt sie besonnen zu prüfen, so könnten wir jenen Wanderern im Tale zugezählt werden, die, den Blick am Boden, die Höhen nicht sehen und nicht den Weg zu ihnen finden. Uns Juden verbietet das Gesetz, den Menschen zu zählen. Bleiben wir einzeln und frei. Aber erfüllen wir unser Herz mit dem Schicksal und dem Erlebnis der Gesamtheit. So werden wir nicht einsam, sondern einander nahe sein. Praktische soziale Arbeit Zum Artikel „Pranische soziale Arbeit" von Allred deher in der november-nummer Die Zuschriften jiuf die Ausführungen Noliers. haben gezoigt, daß eine gewisse Oberflächlichkeit der Betrachtungsweise und Verwechslung der Begriffe unter den Kritikern Platz greift, und um an das wirklich soziale Verantwortungsgefühl der jüdischen Jugend zu appellieren; will ich einige mir notwendig erscheinende Bemerkungen zu dem Thema hinzu fügen. In Nehers einleitendem Artikel war schon ausgeführt manches Wertvolle: — Z. B. die englischen Philosophen, die nähere Beschäftigung mit Spinoza u. a. m. — und bald banden, und schmiedeten sich eure Kräfte zu gemeinsamer ArDe'1 — „Poppe der Metaphysiker" entstand und zusammen mit Nicolai die berühmten „Literaturbriefe". Auch Dein „Nathan" fällt uns schwer, ohne Deine Lebensfreundsrhaft mit Moses zu denken. Aber! — was gabst Du ihm und mit ihm uns allen! — . Du — der bekannte Mann und Schriftsteller — erschlössest dem unscheinbaren, verachteten Juden Mendelssohn und seinen tiefen philosophischen Betrachtungen die Beachtung der nichtjüdischen Welt und lenktest damit die sich widerwillig öffnenden Augen dieser Welt auf das übersehene, oft absichtlich übersehene Kostbare des Judentums — auf seine wertvollen Aufbaukräfte für das Ganze! Und rissest so Stein für Stein der Einengung von außen weg — bildetest so die Bresche, durch die nachdrängende Kräfte des Judentums hinausströmen konnten in die weltliche Freiheit — zum Wachsen, zur Entfaltung, zum Dienst! Dadurch aber verhalfest du auch der Einengung nach innen im Judentum zu ihrem allgemachen Verschwinden! Jener Einengung nach innen — die über einen so suchenden und bohrenden Menschen, wie Moses Mendelssohn, schon drohend die Faust erhob! Aber — wie hätte sich das Judentum der damaligen Tage der Beobachtung verschließen können, daß gerade dieser „gefährliche Sohn" dem Judentum neue Beachtung und neue Freiheit zuzuführen oder zumindest zu vermitteln im Begriffe war! — 9

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