Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1929-02-01 · 2 (1.2.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
2 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492456-6352309-6352548--0761-4928923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE JUNGGRUPPE Die Schrift titung dieser Rubrik liegt In den Händen von Jack Raphael. Beckum L W., an den alle Einsendungen zu richten sind. meine Gedärmen Ober Reilglon Wir verweisen iu diesem Zremmmtmhirng auf den Artikel von Rabbiner Dr. Schorsch „Jugend spricht Uber Religion" in der vorigen Nummer. Die Redaktion. Du fragst niioh nach ineinen Gedanken über Religion. Da möchte ich Dir sagen, daß ich nicht gern darüber öffentlich schreibe, — nicht, daß ich nicht wage, meine religiöse Anschauung öffentlich zu bekenn TO! Denn ich verstehe unter Religion: Verinnerliehung. Veriimerliehung in des Wortes natürlicher und zugleich tiefer Bedeutung. Und Gottesdienst, besser sollte ich wohl sagen: die Rcligionsübung, ist bei mir: Einkehr. Doch nicht bloße Einkehr. Das wäre, auf mich wirkende Eindrücke fühlen, allein empfinden. Ks kommt die Reaktion — das Gefühl — was mich erhebt, was mich frei macht von dem iiüchternden Menschen. — was mich an das Göttliche, an Öoti glauben läßt. Es ist das Innerste des Menschen. Glaubst Du mir. wiolango ich zögerte zu schreiben? Bis icht Worte fand. Fand ich denn die richtigen? — Sieh so. wenn ich Dir ■chreibe, kann ich das aus mir gcb-?n. Im Gespriich mit Nahestehenden würde ich vielleicht auch davon sprechen. — Aber ■ Ins Bewußtsein, daß es auch von solchen, die all diesem nicht mit heiligem Ernst gegenüberstehen, gelesen wird, das Bewußtsein ouiilt mich. Das ist etwa« Aohnliches wie im „Gotteshaus", unserer Synagoge. Dort huch läßt es mich nie zu wahrer Andacht kommen, weil ich sehe und fühle, daß die meisten nicht mit innerer Teilnahme dem Gottesdienst folgen. Das hat mich oft auf den Gedanken gebracht, ob über- . haupl ein sicher Gottesdienst d >r versammelten Gemeinde p richtig sei. ob er verinnerlichen könne. Ein einziges Mal bin ich eines Besseren belohn worden. Vielleicht interessiert es Dich, das zu hören. Es war Schiw'oh in einer orthodoxen Familie. Ich ging mit einem Freund zum Minjan dorthin. Vielleicht hat ein (Inns, in dem wahre Trauer herrscht, schon etwas besonders Weihevolle?. Nun wechselten die Söhne des Verstorbenen sieh im Vorbeten (ib. Man merkte ans allem, wie sehr sie im Gebet waren, wie sie empfanden, und wie ein Fluidum «ring das alles auf die Anwesenden über. Dann sprach der Rabbiner der orthodoxen Oemeinde.- Er sprach deutsch, aber ein scharf akzentuiertes, "icht immer ganz richtiges Deu'sch. Es hatte jode andere Sprache sein können. Damals fühlte ich: das kam aus dein Innern, und das ging zu Herzen. Wenn ich diese Trauer um einen Toten als einen Gottesdienst ,betrachten darf — nicht wahr? — dann war es der schönste, innerlichste, an dem ich jemals teilgenommen habe. , IT a n s A b r a h a m. Tat! In der .lunggruppe eines süddeutschen One« war ein nettes, klnges Mädel von 13 Jahren. Ihr Vater war Eisenarbeiler. sie seihst besuchte die Volksschule Da alle Freistellen .m der höheren Schule besetzt waren, konnte sie trotz ihres Fleißes und ihrer Befähigung nicht die höhere Schule besuchen, die von Nonnen geleitet wurde. Da beschloß die indische Junggruppe, eine freiwillige wöchentliche Kopfsteuer einzuführen.- und es kam gerado die Hälfte de>s Schulgoldes zv-simmon. Als die Schulvorstehcrin von dieser „christlichen" Nächstenliebe der jüd'scher, Jugend hörte, setzte sie es mit vielen Schwierigkeiten durch, daß die vorgesetzte Behörde die andere Hälfte des Schulgeldes erließ. Das Mädchen besucht nun schon ein Jahr lang die höhere Schnle, und die .lunggruppe erlahmt nicht. — Nachmachen! H. M. von einem, der auszog, das Rauchen zu lernen,.. Ein Brief. Schon wieder eine Seele vom — Nikotin befreit! Es kommt alle Jubeljahre mal vor, daß mir jemand eine Zigarette anbietet, die ich nach einigem Zögern dann auch annehme. Die letzte Zigarette habe ich im Juli geraucht. Da hat sie mir sogar ein Verwandter, der Arzt ist, gegeben. Ich bin aber trotz alledem ein riehliger Jugondbewegler geblieben, denn Jugendbewegung hängt nicht bloß vom Nichtrauchen ab. Seit einiger Zeit aber hatte ich Lust >>ckommeii. Pfeife m rauchen. Es sollte eine Pfeife mit langem Stiel sein, und sie sollte einen ganz kleinen Kopf haben Schließlich konnte ich meine Lust nicht mehr bezähmen und kaufte mir für sechzig Pfennig eine Pfeife mit langem S'iel und einem ganz kleinen Kopf, genau wie ich sie mir immer gewünscht hatte. Der Zigarrenhändler fragte natürlich, ob ich die Pfeife für mich kaufe. Ich erwiderte, daß ich sie Heiligabend mftnem Onkel schenken wollte, der Nichtraucher sei. Selig im Besitz der ersten Pfeife, ging ich nach Hause und konnte gar nicht das Ende des Abendbrotes abwarjeu. um (Im Pfeifchen anzustecken. Als es endlich so weit war. bestand meine-Aufgabe im Runter.s?htuckeii von Ilustenanfällen. Nebenbei spürte ich so ein Brennen auf der Zunge, als ob leb. Pfeffer kaute. Nach zehn Minuten war's Pfeifchen alle, und ich beinahe auch. Ungefähr «ine halbe Stünde habe ich mit -Slitsprechenden Begleiterscheilnungen vorm Ausguß gemessen und hatte Angst, daß mein Kopf herunterfällt. Am anderen Morgen war's mir noch! so duselig, als ob ich Karrussell fahren würde. Jetzt verstehe ich das „Jugend, rauche nicht!" etwa,* I i -v-er als vorher, und ich kann Dir versichern: ..Nie wieder . . .!" . Hans Borchard. Bernburg. Anbei zwei Tüten Tabak der von mir gerauchten Sorte. Nachbemerkung der Redaktion^ Ich habe mir diese PrnWn genau angesehen und kann hiermit ausdrücklich bescheinigen, daß Hans Borchardt eine ganz erstklassige Leistung mit seinem Pfeifchen vollführt hat! T. R. Bücher, die man in den Junggruppen braucht Einzelnen Aeußerungen, die auf der Gelsenkinhein-r Tagung so ganz nebenher fielen, war leider deutlich an-, /.umerken, daß unsere in diesem Teil regelmäßig wiederkehrenden Bücherhinweise und Rezensionen viel weiter ausgebaut werden müssen, denn unsere Gruppen warten darauf, Notizen über in Frage kommende Schriften zu finden. Jedoch muß dringend empfohlen werden, unsere Ilubrik ..Bücher für Junggruppen" auch genau zu lesen. Vielleicht wird dann dem Schrei nach Lektüre und nach Arbeitsbüchern verschiedenster Art die meiste Lautstärke genommen. Heute möchte ich zunächst die AufmcrJtasmkeit unserer .in Chorspielen, Sprechchören und dergleichen interessierten tlruppen auf die Uberaus reichhaltige und sehr gute Sammlung derartiger Bücher im Arbeiter j u g e n d v o r 1 a g , Beilin SW 61, lenken. Wer irgendein wirklich wertvolles Auffiihrungsstück sucht, lasse sich von dort die ausführlichen Prospekte kommen. Von vielen Seiten ist mir der Erfolg dieser Aufführungen restlos l>esiätigt worden. Und insbesondere werden diejenigen unserer Freunde ihre Genugtuung finden, denen das künstlerische Empfinden noch nicht ganz abhanden gekommen ist, und denen die üblichen, im Stil althergebrachter Theaterspielerei nachgeäfften, saft- und kraftlosen „Stücke" ein goldenes Gefiijil der entschiedenen Abneigung bescheren. Ich weis** MB folgende Spiele, die im obengenannten Verlag herausgeklommen sind, hin: Tatfeuer entfacht! Ein Chorspiel von Karl Bahn. Nicht mit Jen landläufigen 'Spreehchorwortschwallen belastet, sondern höchst einfach, zart, oft lyrisch in der' Sprache. — Der Aufstieg, ein Sprechclror der Leidenden, Hoffenden und Triumphierenden. Von Karl Dantz. Der Verfasser ist bekannt. Hier rollt er Szenen von dramatischer-Schwungkraft auf. Bilder, Erlebnisse, gegriffen aus der Not des~ Proletariats, doch ohne weiteres gleichzeitig Spiegel der gesamten ringen- : den aufwärts drängenden Menschheit. In diesem Drängen muß die bewußte Jugend die ersten Vortrupps darstellen. — „Der Morgen", von Karl Bröger, dem Arbeiterdichter. Der Sprechchor ist nicht sehr umfangreich, doch nnbedingl nur für fortgeschrittene Gruppen zu empfehlen. Das Motto ist im Satz enthalten: „Der Mensch ist endlich selbst das Licht!" — Von Herrn. Claudius „M enschheitswille". 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.