Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kündigung Ziel sein sollte, sinkt zum Anlaß herab. Wollte man eine Parallele zur Zeit suchen, so könnte man auf Wirtschaftsformen hinweisen, die Mittel sein sollten, aber Selbstzweck geworden sind. Die Sprachmelodie kann nach dieser Behandlung der beiden vorgenannten Elemente nicht mehr ihre regulierende Aufgabe erfüllen. Sie muß zu einer halben Gesangsmelodie werden, die nichts weiter als die tonliche Unterlage von Rhythmus und Dynamik gibt. Das Melos in deutscher Sprache aber begreift insich den Sinn und das Gefühl und nach ihm wandeln sich Rhythmus und Dynamik. Die Sprechmelodie bewegt sich nicht in Sprüngen, sondern in Kurveji mit feinen Schattierungen und Uebergängen. Erst aus der Einheit von Rhythmus, Dynamik und Melos. deren Form von der Sinn- und Gefühlsbetontheit her sich bestimmt, erwächst das sprachliche Gebilde, dessen Schwebungen vollkommen den Ausdruck der Dichtung wiedergeben. Von hier aus kann man allein dem Stil des Dichters und der Dichtung näherkommen und den Charakter der Gestalten erfassen. Die Methode des Sprechchors zwängt alles in dieselbe Methode und läßt jedes Werk in einer steilen Feierlichkeit verschwimmen. Es ist auffallend, daß es im Sprechchor keine Freudigkeit und kein Verzagen gibt, und ich bitte Sie, einmal die ungeheure Weite menschlicher Seinsstufen zwischen diesen Polen nachzuempfinden, die damit entfällt. Der Sprechchor kennt eine Lust am Schrei, am Klang, an der Masse, und er treibt die wenigen Gefühle, die er meistert, künstlich auf. Gefühl ist aber eine Schwingung, über der das gestaltete Leben schwebt, keine Welle, in der es ertrinkt. Die letztere Art des Gefühls scheint mir nun unmittelbar aus dem Gegensatz zur vom Gefühl unbeschwerten Verständigkeit zu entspringen. Sie biegt alle Vielfältigkeit des Lebens in eine feierliche Gehaltenheit um. Man denke an die merkwürdige Erscheinung, daß in unsrem Maschinenzeitalter eine Kunstlyrik auftritt, deren gespreiztes Schreiten sich weit von den es lag damals mißhandelt und verachtet „außer Mode" am Boden und ebenso wurden auch die angesehen und behandelt, die sich „n u r" ihrer bedienen konnten. Beim Französischkönnen begann erst die Möglichkeit, als „Mensch" betrachtet zu werden. Do." nahmst Dich dieses mißhandelten Kleinods an und siehe Es wurde zu einem mächtigen Faktor in der Welt des philosophischen, des künstlerischen und wirtschaftlichen Ausdrucks! Das deutsche Theater — als eine untergeordnete, verächtlich gönnerhaft geduldete Stätte sehr beiläufigen, für viele sogar, anrüchigen Amüsements betrachtet — hobst Du empor — ■.i.lurch Deine inbrünstige Liebe. Deine unbarmherzige Forderung einerseits — 'iurrh Deine Bcg.ibuns und Dein Können anderseits zur weltlichen Kanzel für Tiefstes und Reinstes! Du öffnetest dem Engländer Shakespeare das deutsche Tor und führtest dadurch und durch Dein eigenes dramatisches Vermögen neue große Lebensgeister der nach Dir sprießenden und gedeihenden dramatischen Kunst Deutschlands zu. Und das Judentum? Heute eine nicht zu übersehende Großmacht, wie Nichtjuden es nennen — dessen Söhne und Töchter im wirtschaftlichen, politischen und Kunstleben Deutschlands schwerwiegende Stimmen errungen haben — w as war es damals, zu Deiner Zeit, dieses Judentum? — Nach außen: — ein in Ecken gedrücktes Pariatum — von dem Unvernunft, fehlgeleitete Phantasie und Unkenntnis 8 ursprünglichen Formen des Leben» entfernt. Sie steht zur Verständigkeit der von der Maschine beherrschten Welt' im Verhältnis der Polarität. Beide stehen sie dem bewegten Strome des Lebens fremd gegenüber. Beide bauen sich ein in' eine künstliche Welt, eine „geistige" Welt, an der dieser Strom vorüberfließt. Es scheint fast, als könnten wir aus der Ummauerung solcher Welten nicht mehr hinausfinden. Der Strom, der durch sie hindurchfließen sollte, wird sie erst erreichen, wenn er gewaltsam über seine Ufer tritt. Der Sprechchor in seiner soeben gekennzeichneten Form kann eine Aufgabe, die in die Zukunft weist, nicht erfüllen. Er ersetzt in jeder seiner Aeußerungen Qualität durch Quantität. Schwung und Virtuosität erzeugen oft einen Eindruck, der etwas Rauschhaftes an sich hat. Aber gerade diese Wirkung, die durch das reine Mittel erreicht wird, statt durch echte und tiefe Kundgebung der Seele, bedeutet eine Gefahr. Durch eine Verkennung der wahren Ausdrucksmöglichkeiten kann eine Kunstaffektation und eine Genügsamkeit großgezogen werden, die den Weg in die Zukunft noch mehr verlegt. Es wird vielleicht möglich sein, die Prinzipien des Sprechchors gelegentlich anzuwenden, wenn ihnen ein besonderer Ausdruck entspricht. Als Grundlagen einer Vortragskunst sind sie unbrauchbar. Der Sprechchor verkennt auch nach einer anderen Richtung das Wesentliche. Das gemeinsame Sprechen einer Schar junger Menschen ist durchaus nicht gemeinschaftsbildend, solange es nicht das seelische Leben an der Wurzel erfaßt. Eine gemeinsame Tätigkeit allein begründet keine Gemeinschaft. Sie ist kollektivistisch. Sie beruht nicht auf geraeinsamer Lebensgrundlage, sondern sie schließt zusammen zu gleicher Leistung. Wie die Kolben einer Maschine das Räderwerk antreiben. Auf solche Art Verbundene stehen einsam nebeneinander, ihre Leistungen vermehren sich je nach ihrer Zahl. Aber eine innere Verbindung, eine Bereicherung des Lebens besteht nicht. Erst richtige Fundierung würde sie ereine Abscheu, heimliche Furcht und Verachtung beladene Vorstellung geschaffen. An jeder Brücke mußte der Jude für sich Zoll zahlen wie für ein Stück Vieh — der Jude war noch unter dem, der „nur" deutsch sprach. So war es nach außen. — Und nach innen? — Nach innen herrschte im Judentum eine unerbittliche Orthodoxie, die mit erbarmungsloser Ausstoßung bedrohte und traf, wer eigene frisch erlebte Wege als Jude zum Heiligsten des Judentums suchte und ging. . . r Einengung nach außen! — Einengung nach innen! Und wahrscheinlich die eine nicht ohne Einwirkung auf die andere! Denn äußerlich freiere Zeiten weiteten auch die inneren Fesseln, bis — ja, bis sie fielen und verschwanden! Welche Religionsgemeinschaft hat wie die der Juden heute einen so hochentwickelten Sinn für den Trieb einer starken Jugend: — Zu suchen und zu irren — um zu finden?! — Die drohend erhobenen Fäuste haben sich in liebevoll und weit geöffnete Arme gewandelt, in die der wahrhaft suchende Jude immer wieder zurückkehren wird — um hier — gerade hier das für ihn Wesentliche zu finden — aber nun als Ueberzeugter, als doppelt Bereiter — nicht aus Angst vor Drohung und Ausstoßung — sondern in Freiheit! Und Du! — Gotthold Ephraim Lessing! D u hast uns Juden gedient! Diese Einengung nach außen und Einengung nach innen zu überwinden! — Nicht, daß L>u die« gerade fanatisch wolltest, daß es Dir Programm war — 1