Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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stimmten Ausdrucksgehalts. Es ist nicht so, als verlange ich von Dilettanten kiinstlerich ausgereifte Leistungen. Es handelt sich hier nur um die Methode, um die Prinzipien, die diese Art der Kunstübung von allen anderen unterscheidet. Diese Prinzipien smd in den virtuosen wie in den mangelhaften Leistungen festzustellen, und zu Studienzwecken würde ich dem Laien die mangelhaften empfehlen, weil sie ihm dort ganz rein und deutlich entgegentreten. Drei Elemente, die auch sonst in der Vortragskunst eine Rolle spielen, springen bei der Behandlung des Sprechchors besonders prägnant heraus: Rhythmus, Dynamik und Melos. Sic erhalten aber, abweichend von ihrer sonstigen Anwendung, eine beherrschende Stellung. Sie werden zum Selbstzweck und triumphieren über den Gehalt an Sinn und Gefühl. Der Rhythmus äußert sich in einer Form, die der deutschen Sprache fremd ist. Der Fluß der Sprache wird durch eine skandierende Sprechweise zerteilt. In antiken und in romanischen Sprachen — so lehrte man uns wenigstens in der Schule — spielt die quantitative Bewertung der Sprechsilben eine Rolle. Im Deutschen übergreift der Rhythmus größere Einheiten und schmiegt sich der Sinnbetonung an. Er ist zwar ein ursprünglicher, aber kein selbständiger Faktor. Es liegt eine Verwechslung mit dem Metrum, dem Taktmaß, vor, wenn man in deutscher Sprache die Einheiten, die beim Skandieren isoliert werden, als rhythmische Einheiten ansieht. Bei allen großen Dichtern deutscher Zunge, die ihre Gedichte aus metrischen Gebilden zusammenfügten, überwindet der Schwung der Sprache den Tonfall des Versmaßes, und auch der Sprecher darf das skandierende Geleier nicht zum Bewußtsein kommen lassen. Er würde sonst denselben Fehler begehen, wie jemand, der ein Musikstuck in der Art zu Gehör bringt, daß man jeden Takt auszählen kann. Auch in der Musik hilft eine richtige Phrasierung über' die Eintönigkeit einer mechanischen Takl: einteilung hinweg. Ich darf daran erinnern, daß Arno Holz bereits in seinen Anfängen mit aller Entschiedenheit gegen die falsche rhythmische Behandlung der deutschen Sprache zu Felde zog und daß wir seinem Bemühen, eine dem freien Fluß der deutschen Sprache angepaßte Sprachform zu schaffen, den ..Phanlasus" verdanken. Die Anwendung des metrischen Prin-. zips im Sprechchor hat etwas von dem gleichmäßigen Gestampfe der Maschine an sich. Aber es liegt eine Welt zwischen dem Ausdruck der Maschine und ihres Bereiches und der Kundgebung der menschlichen Seele. Jeder hat schon einmal im Eisenbahnwagen zum Rattern der Räder eine Melodie gesummt. Er hat daraus ein Beispiel, wie das Gemüt aus einer Stimmung heraus den einfachen Taktschlag zu übergreifenden, melodisch-rhythmischen Gebilden umdeutet. Die Maschine darf im menschlichen Bereich nicht herrschen, sondern sie muß dienen. — Weit ferner noch der Anpassung an den poetischen Gehalt steht die dynamische Behandlung der Sprache. Die jähen Kontraste zwischen laut und leise, zwischen denen nur wenige Stufen liegen, folgen wahrscheinlich einem unbestimmten inneren Wohlgefallen an der Kraftäußerung. Einen Zusammenhang mit dem Ausdruck eines Gefühles, das ja für jede Stelle der Dichtung individuelle Gestalt hat, konnte ich nicht feststellen. E» ist auch unmöglich, mit den wenigen dynamischen Abstufungen, die zur Verfügung stehen, der Vielfältigkeit der Gefühle nachzugehen. Abgesehen davon, daß es künstlerisch viel mehr auf innere als auf äußere Intensität ankommt, macht die höchste dynamische Steigerung, solange sie nicht im Sinn der Dichtung begründet liegt, den Eindruck zähnefletschenden Zornes, der kaum gemeint sein kann. Vor allem verwischt die" metrisch vorwärts gepeitschte Lautstärke den Sinn. Der Hörer ist gar nicht mehr fähig, zu verstehen, was diese Lautgebilde bedeuten. Und das;ähe Auf und Ab der Tonstärken lenkt im ganzen die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen auf das Ausdrucksmittel ab. Es wird ein Spiel mit dem Mittel. Das Gedicht, dessen Ver- Dank jüdischer lugend an Lessing Von Hermann Breid. Dusseidort Will man versuchen, heute, anläßlich der zweihundertsten Wiederkehr des Geburtstages (22. Januar 1729) dieses wunderbaren Mannes zu gedenken, so fällt dies um so schwerer, je tiefer man von Bewunderung für ihn durchdrungen ist. Sollen wir von Dir erzählen? — Rollen wir Dich preisen? — Viele werden es heute tun — heute zur Wiederkehr des großen Tages — wo Du, GoUhold Ephraim Leasing, in di? Welt tratest — als ein Werkzeug Gottes, diese Welt I h m näherzuführen — mit Geißel und Liebe — in Freiheit und Wahrheit! Nun. wir — jüdische Jugend — wir wollen Dir danken! Wir danken Dir! Du Kampfer! Du Dulder! Du Sieger! — Du Starker! Du Bergmann der Wahrheit! Der es bald wissen lernte, daß dieser höchste Wert wie alle Werte im Tiefen ruht — und gehoben werden muß zum Frommen aller mit der Kraft restloser Hingabe und dem Aufsichnehmen von Abweisung und Lebensh^rte durch alle die, für die es gehoben wird — dieses Höchste — durch die Mitlebenden! Du! — der es leicht gehabt hätte, durch die Fülle seiner Gaben sich ein glänzendes Leben in seiner Gegenwart zu schaffen — Du zogst es vor — natürlich ohne daran zu denken — dem Dank der Künftigen zu leben — unserem Dank! — Dem Dank der Jugend! Du! — dessen Lebensausgang die Wahrheit war und dessen Ziel die Wahrheit l>lieb — die Du einzig in Go 11 es Ha n d wußtest — der aber immer und immer f u zustreben Dir allein Leben und Lebendigsein hieß — Du imttest zwei Pole in Dir, durch difl gleichmäßig lief. was Dir aus dein Lehen au Beobachtung und Erlebnis zuströmte — und diese beiden Pole waren: — Mathematik und Religion!1 Was durch Deinen selinrfen mathematischen Sinn — durch Dein tieT religiöses Empfinden gegangen war — erlebte seine Fruchtwenlung auf djen beiden Gebieten Deines Ausdrucks: — Der Philosophie und Dichtung! Und ist es nicht wunderbar-herrlich — wie es sieh uns nach Dir (ieborenen bei d.Mn Erleben Deines großen Daseins kundtut — wie Gott den Menschen ausgestattet, mit seiner alles überwindenden allmächtig-schöpferischen Kraft?! — Dir — dem oft geschmähten, oft überlästigen Außenseiter — Dem die Machthaber seiner Zeit jede Stellung verschlossen, von der Wirken und Wirkung möglich, sichtbar möglich, gewesen wären — der eben durch sein unbestechliches Ringen um Wahrheit diese Stellungnahme der Ausschlaggebenden erwirkt — und so eigene Erdenfreude und eigenes Erdenglück auf dem unerbittlichen Altar des Wabrheitsdienstes geopfert hatte — Dir — Einzelnem! — ward die machtvolle Bestimmung — Dem Verachteten — im Schatten Lebenden — dem Du deine Liebe Izuwandtest — den Weg aufzubrechen zu Licht — Beachtunä und Bedeutung! Dir — Einzelnem! — waifd diese machtvoll^. Bestimmung! .' . . I. . ' /. Die deutsche Sprache — dieses wunderbare Instrument eines Goethe, Schiller, Kleist — eines Hölderlin und Nietzsche, 7